Der Kellerwald - Naturpark oder Nationalpark?

Bei der Diskussion um den hessischen Kellerwald steht eine Frage im Mittelpunkt: Soll der Buchenwald in einen Naturpark oder in einen Nationalpark umgewandelt werden? Der hessische Ministerpräsident Roland Koch und der Umweltminister Wilhelm Dietzel (CDU) lehnen die Einrichtung eines Nationalparks ab und wollen einen Naturpark durchsetzen.

Umweltorganisationen wie Greenpeace, NABU, und Verein Pro Nationalpark fordern dagegen die Einrichtung des Kellerwaldes als Buchenwald-Nationalpark. Worin liegt der Unterschied?

Naturpark: Kein Schutz vor Kettensägen

Naturparks sind großräumige, abwechslungsreiche Kulturlandschaften von großem landschaftlichen Reiz und regionaler Bedeutung, die sich für die Erholung besonders eignen und dafür erschlossen werden. Um sie als Kulturlandschaft zu erhalten, sind Holzeinschlag sowie gezielte Schutz- und Pflegemaßnahmen ausdrücklich erlaubt. Prozess-Schutz, das heißt der vollständige Schutz natürlicher Prozesse im Wald, ist die Ausnahme. Mit dem geplanten Naturpark-Konzept würde der Charakter des Kellerwaldes zerstört, denn er kann sich nicht mehr unbeeinflusst entwickeln. Für die Ausprägung der von Natur aus typischen Lebensgemeinschaften ist es aber unverzichtbar, dass Buchen ihr natürliches Alter von über 500 Jahren erreichen können und der Anteil an totem Holz hoch ist.

Nationalpark: Dauerhafter Prozess-Schutz ohne Eingriff des Menschen

Nationalparks umschließen großräumige natürliche oder naturnahe Landschaften, in die der Mensch weder lenkend noch nutzend eingreift. Die Lebensgemeinschaften und Ökosysteme sollen sich ausschließlich nach den natürlichen Gesetzmäßigkeiten entwickeln. In Nationalparks sind daher forstwirtschaftliche Eingriffe wie Einschlag, Pflanzung oder Waldpflege untersagt. Alte Bäume dürfen ungestört absterben, junge Bäume wachsen unter dem Schutz des Altbestandes, der Waldboden bleibt unverändert. An großen, abgestorbenen Altbäumen entwickeln sich spezielle Lebensgemeinschaften (Pilze, Insekten, Vögel u.a.), die nur dort zu finden sind.

Mindestens drei Viertel der Fläche müssen vollständig ungenutzt bleiben, wenn das Gebiet auch international als Nationalpark anerkannt werden soll. Je größer das Schutzgebiet ist, um so weniger beeinflussen störende Einflüsse aus Kultur-Randgebieten die Entwicklung des Waldes. Soweit es der Schutzzweck erlaubt, stehen Nationalparke für naturnahe Erholung und die Begegnung mit ursprünglicher Natur offen. Sie dienen in einzigartiger Weise der naturkundlichen Bildung: Die Erfahrung eines vom Menschen unbeeinflussten, ursprünglichen Waldes fördert das Naturverständnis stärker als jede Kulturlandschaft. Für die Region bedeutet dies zugleich wirtschaftlichen Nutzen durch sanften Tourismus, Naturschutzveranstaltungen, wissenschaftliche Kongresse und ähnliches. Greenpeace setzt sich nachdrücklich für den konsequenten und langfristigen Schutz des Kellerwaldes ein.

V.i.S.d.P.: Martin Kaiser, Greenpeace e.V., Stand 4/2000

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