Interview mit Adriano Karipuna, Oberhaupt einer indigenen Gemeinschaft in Brasilien

Stimmen aus dem Amazonas

“Das ist keine Entwicklung, das ist Zerstörung”, Indigenensprecher Adriano Karipuna  über die Politik der brasilianischen Regierung.

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Fast zweitausend Menschen haben in den vergangenen Monaten kleine Flaggen bemalt und mit Botschaften an die brasilianische Regierung versehen. Sie fordern gemeinsam mit Greenpeace und in Solidarität mit den Indigenen, dass die Ausbeutung des Amazonas-Regenwaldes und die Bedrohung der dort lebenden Menschen endlich aufhört. Adriano Karipuna ist einer der Indigenen, die im brasilianischen Regenwald leben. Er war dabei, als Aktivistinnen und Aktivisten von Greenpeace die Flaggen zur brasilianischen Botschaft in Berlin gebracht haben und hat mit uns über seine Heimat, den Regenwald und die Bedrohung durch die neue brasilianische Regierung gesprochen. 

Greenpeace: Was bedeutet der Amazonas-Regenwald für die Karipuna?

Adriano Karipuna: Wir Karipuna leben in traditionellen Gemeinschaften mit unserer Kultur und unserer eigenen Sprache. Für die Karipuna ist der Wald etwas ganz besonderes, er ist für uns heilig. Wir bitten unsere Götter dort um Schutz. Dazu suchen wir zum Beispiel Wasserfälle oder Pflanzen auf, die für uns heilig sind und uns auch heilen. Tiere wie die Fledermaus oder die Anakonda sind für uns so etwas wie Schutzheilige. Die ganze Natur ist für uns ein heiliges Gefüge, dem wir mit großen Respekt begegnen. Das ist ein gegenseitiger Respekt, weil auch die Natur uns respektiert. Das kann man wahrscheinlich nur nachvollziehen, wenn man es selbst spürt.

Aber ihr lebt auch vom Wald?

Ja, wir leben im und vom Wald. Wir sind auch Kleinbauern, bauen Maniok und Bananen an. Aber wir leben in Harmonie mit der Natur und das bedeutet für uns, dass wir sie nicht zerstören. Und wir leben eigentlich sehr glücklich zusammen. Unsere größte Sorge derzeit ist die neue brasilianische Regierung, die versucht, unser Leben, so wie es ist, zu zerstören.

Was hat sich verändert seit die neue Regierung an der Macht ist?

Für uns Karipuna und auch für andere indigene Gemeinschaften, die im Wald leben, ist es die Waldzerstörung, die zugenommen hat. Die ansteigende Abholzung des Regenwaldes soll laut der brasilianischen Regierung Entwicklung für das Land bringen. Doch das ist in unseren Augen keine Entwicklung, das ist Zerstörung. Die neun Monate, in denen die neue Regierung an der Macht ist, haben dazu geführt, dass die Heimat von indigenen Gemeinschaften noch stärker als zuvor bedroht ist: zum Beispiel durch Goldwäscher, durch illegale Abholzung, durch Landraub. Dies bedroht uns und unsere Rechte. Wenn man uns unser Land nimmt, dann nimmt man uns auch unsere Gesundheit, unsere Bildung und unsere Kultur.

Wir leiden auch unter Vorurteilen und Rassismus, die die Regierung schürt. In Brasilien gab es einen starken Anstieg von Rassismus. Und das schmerzt uns sehr. Ich selbst spüre am eigenen Leib, wie schlimm es ist, mit Anfeindungen und Drohungen konfrontiert zu sein, nur weil man anders ist, weil man eine andere Sprache spricht, weil man seine Kultur bewahrt.

In Ihrer Rede vor den Vereinten Nationen im Jahr 2018 haben Sie von einer Invasion gesprochen. Was ist damit gemeint?

Als ich 2018 vor der UNO gesprochen habe, habe ich im Besonderen das Eindringen von Holzfällern angeklagt. Danach sind sechs Polizeiaktionen in unserer Region durchgeführt worden und es hat sich gezeigt, dass es sich wirklich um eine Invasion handelte. Dass das organisierte Verbrechen in großem Stil in unser Gebiet eingefallen ist. Güter im Wert von 46 Millionen Real (rund 10 Millionen Euro, Anmerkung der Redaktion) wurden beschlagnahmt, Menschen wurden verhaftet. 

Die Karipuna sind Teil des Projektes All Eyes on the Amazon. Was bedeutet das für Euch?

Das Projekt hilft uns sehr. Wir arbeiten mit dem indigenen Missionsrat CIMI, mit Greenpeace Brasilien, HIVOS und anderen Nichtregierungsorganisationen zusammen, um illegale Machenschaften an- und aufzuzeigen. Vor allem unterstützen uns aber internationalen Aktionen wie heute vor der brasilianischen Botschaft. Wir möchten weltweit auf die schlechte Situation aufmerksam machen - für die Karipuna und für andere indigene Gemeinschaften, auch für jene, die noch isoliert im Regenwald leben.

Wie kann die Weltgemeinschaft, die Europäische Union, wie kann Deutschland helfen?

Indem sie uns helfen, den Regenwald zu schützen. Wir brauchen den Regenwald, weil wir von ihm leben. Deshalb bin ich auch hier in Europa, um zu erklären, was die brasilianische Regierung tut. Ich möchte aufzeigen, dass in Brasilien gerade sehr gefährliche Projekte laufen, die unser Leben bedrohen. Sogar die Staatsanwaltschaft unseres Staates Rondônia hat bestätigt, dass wir von einem Genozid bedroht sind.

Wenn man in Deutschland Produkte aus Brasilien sieht, muss man sich immer auch fragen, was hat deren Produktion mit den Menschen und der Umwelt in Brasilien angerichtet? Hier möchte ich noch auf das Mercosur-Abkommen eingehen. In seiner derzeitigen Form ist es eine riesige Gefahr für Indigene und den Regenwald. Die brasilianische Regierung hat angekündigt, dass sie weitere Mengen Rindfleisch, Getreide und Soja exportieren will - und wir wissen, dass das nur geschehen kann, indem Indigene von ihrem Land vertrieben werden. Wir mussten schon mit ansehen, wie Gebiete indigener Gemeinschaften von Kriminellen übernommen wurden, es sind bereits Menschen gestorben. Auch wir Karipuna und andere Gemeinden werden bedroht.

Aus all diesen Gründen stehe ich heute hier mit Greenpeace-Aktivisten vor der brasilianischen Botschaft in Berlin. Damit die Welt Bescheid weiß, was in Brasilien vor sich geht. Und dass die Karipuna Unterstützung brauchen für ihren Widerstand.

Das können Sie tun:

>>>  Fordern Sie mit uns von der brasilianischen Regierung den Schutz des Amazonas-Regenwaldes und unterschreiben Sie die Petition. Bereits über eine Million Menschen unterstützen den Aufruf.

>>> Helfen Sie uns ein Gesetz zu verwirklichen, das deutsche Unternehmen verpflichtet innerhalb der gesamten Lieferkette weltweit Menschenrechte und Umwelt zu achten und unterschreiben Sie die Petition an Bundeskanzlerin Angela Merkel. Mehr Informationen zu einem solchen Lieferkettengesetz finden Sie hier.

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