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Bhopal - die andauernde Katastrophe

Am 3. Dezember 1984 wurde die Welt Zeuge des verheerendsten Chemieunfalls der Geschichte: Ausgetretenes Gas in der Anlage der Union Carbide im indischen Bhopal tötete in drei Tagen mindestens 8000 Beschäftigte, mehr als 150.000 Menschen leiden an Verletzungen und Spätfolgen.
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Die Tragödie, hervorgerufen durch ein entweichendes Gasgemisch aus Methylisocyanat und anderen tödlichen Chemikalien, war vor allem den unzureichenden Sicherheitssystemen und kurzsichtigen Einsparungen der US-amerikanischen Betreiberfirma Union Carbide geschuldet.

Achtzehn Jahre danach wirken die Gifte immer noch. Die chronisch erkrankten Überlebenden bedürfen nach wie vor dringend medizinischer Versorgung. Tausende Überlebende und ihre seitdem geborenen Kinder haben mit schweren Gesundheitsproblemen zu kämpfen. Viele Menschen sind arbeitsunfähig. Die mittlerweile stillgelegte Chemieanlage ist ein Krisenherd mit giftigen Abfällen und Stoffen, die offen oder in maroden Säcken und verrosteten Fässern gelagert werden. Die verbliebenen Schadstoffe entweichen in die Umwelt und schaffen dort neue Probleme: beispielsweise verseuchen sie das Grundwasser, das die Familien in der Nachbarschaft zum Trinken, Kochen und Waschen benötigen.

Mit dem Abwälzen der Folgelasten auf die indische Regierung gelang es dem US-Konzern Union Carbide, sich aus der Verantwortung zu stehlen. Um die Haftung zu begrenzen, spielte Union Carbide die Schäden immer wieder herunter.

Union Carbide fusionierte jüngst mit Dow Chemicals zum weltgrößten Chemieunternehmen. Von gerechter Behandlung sind die Opfer der Katastrophe heute weiter entfernt als jemals zuvor.

Mehr als 150.000 leiden unter den Spätfolgen

Vorsichtige Schätzungen sprechen von 20.000 Toten. Der Gasausstoß tötete Tausende sofort. Viele Menschen, die zunächst überlebten, starben in den Folgejahren wegen mangelhafter medizinischer Versorgung. Falsche Diagnosen ­ verursacht durch die Weigerung von Union Carbide India Limited (UCIL), detaillierte Informationen zu den freigesetzten Gasen preiszugeben ­ führten zu ineffektiver medizinischer Behandlung. Fehlinformationen und Lügen seitens des Unternehmens lösten Verwirrung aus und behinderten eine angemessene Behandlung. Zu sehr hinausgezögerte medizinische Hilfe sowie späte und unangemessene Entschädigung der Opfer ließen die Opferzahlen noch weiter steigen.

Die Überlebenden leiden an Lungenfibrose, verminderter Sehkraft, Bronchial-Asthma, Tuberkulose, Atembeschwerden, Appetitlosigkeit, starken Schmerzen, schmerzhaften und unregelmäßigen Menstruationszyklen, Fieberanfällen, chronischem Husten, neurologischen Funktionsstörungen, Erschöpfung, Schwächeanfällen, Ängsten und Depressionen.

Zehntausende Kinder, die nach der Katastrophe geboren wurden, leiden an Wachstumsstörungen, übermäßig viele weibliche Teenager an Menstruationsstörungen. In den Jahren nach der Katastrophe war die Rate der Totgeburten drei Mal, die der perinatalen Sterblichkeit zwei Mal und die der neonatalen Sterblichkeit eineinhalb Mal höher als im nationalen Durchschnitt.

Tuberkulose ist um ein vielfaches häufiger unter der betroffenen Bevölkerung, die Fälle an Krebserkrankungen steigen. Chromosomale Abweichungen unter den Betroffenen weisen auf eine hohe Wahrscheinlichkeit von congenitalen Mißbildungen unter den kommenden Generationen hin. Einiges davon ist bereits jetzt sichtbar. Eine dritte Opfer-Generation wird sichtbar: die Kinder der Eltern, die nach dem

Gasaustritt geboren wurden; sie leiden an Missbildungen unterschiedlichster Art.

Chemiefabrik gegen jede Richtlinie

Die Hauptursache für das Desaster lag in der Unternehmenspolitik begründet, ohne Rücksicht auf die Menschen Profit zu machen. Die Lagerung großer Mengen an Methylisozyanat (MIC) in dicht besiedelten Gebieten stand im Widerspruch zu hausinternen Richtlinien des Unternehmens, die an anderen Standorten befolgt wurden. Die Firma lagerte 67 Tonnen an einem Ort in Bhopal; in Europa wäre das zulässige Maximum eine halbe Tonne gewesen. Sie ignorierte Proteste und baute große Gasbehälter auf dicht besiedeltem Gebiet.

MIC muss bei extrem niedrigen Temperaturen gelagert werden, aber die Sicherheitsmaßnahmen wurden zu Gunsten geringerer Kosten auf ein Minimum reduziert. Der Betrieb der Klimaanlage war wohl zu teuer, so dass Einsparmaßnahmen (von 50 US-Dollar am Tag) alles andere als optimale Bedingungen in diesem kritischen Sektor schufen. Um Kosten zu sparen verringerten die Verantwortlichen auch das für Instanhaltung zuständige Personal, wobei selbst die wenigen verbliebenen Mitarbeiter nur eine mangelhafte Schulung durchliefen. Das Sicherheitstraining wurde drastisch auf zwei statt der üblichen 24 Wochen gekürzt. Routine-Instandhaltungsmaßnahmen wurden vernachlässigt. Kritisches Gerät, das alle sechs Monate hätte ersetzt werden müssen, blieb zwei Jahre im Einsatz; die Reinigungssysteme waren ungeeignet.

Das Unternehmen hatte keine Katastrophen-Schutzpläne für die um das Werk lebende Bevölkerung erarbeitet.

Staatliche Behörden sind ebenfalls mitschuldig, weil sie bestehende Gesetze nicht umgesetzt haben. Der Vorschlag, große Mengen an MIC zu lagern, führte zu öffentlichen Protesten. Dennoch gelang es dem Unternehmen, die Regierung diesbezüglich zu überreden.

Staatliche Stellen kamen ihrer Pflicht nicht nach; sie führten Kontrollen der Umweltbelastung und vorgeschriebene Sicherheitsmaßnahmen nicht aus.

UCC: Nur Tränengas

Anfangs versuchte das Unternehmen, die Wahrheit zu verbergen, und behauptete, es hätte sich lediglich um stark konzentriertes Tränengas gehandelt. Die Verantwortlichen verweigerten detaillierte Informationen zur Zusammensetzung des Gases. Dies verhinderte die gezielte Diagnose und Behandlung.

Der Fall wurde aktenkundig, und das Oberste Gericht Indiens verfügte die Zahlung von insgesamt 470 Millionen US-Dollar seitens Union Carbide Corporation (UCC) und UCIL zur Begleichung aller Ansprüche, die sich aus dem tragischen Vorfall ergeben könnten. Die Regierung, UCC und UCIL einigten sich, und beide Unternehmen bezahlten am 24. Februar 1989 die volle Summe.

Dubiose Abkommen

Die rechtlichen Verfahren waren nur wenig effektiv. Die wohlwollende Haltung der Regierung gegenüber der Industrie führte zu dubiosen Abkommen, die die Bemühungen der betroffenen Menschen unterminierten. Diese Art der Komplizität ist bekannt, aber schwer zu beweisen. Das Urteil wurde ohne angemessene Beteiligung der Betroffenen gesprochen, die auch nicht bei der Aushandlung des Abkommens zwischen Unternehmen und Regierung vertreten waren. Später veröffentlichte das Oberste Gericht eine Erklärung zur Rechtfertigung des Abkommens, trotz der offensichtlichen Widersprüche zu den tatsächlichen Gegebenheiten.

Obwohl das Gericht die Wiederaufnahme des Verfahrens billigte und die Regierung anwies, 100.000 Menschen, die zu diesem Zeitpunkt keine Symptome zeigten, möglicherweise aber später betroffen sein würden, eine Krankenversicherung zu ermöglichen, ist bisher wenig passiert. Die Gerichte erließen fromme Anordnungen, die die Regierung jedoch ignorierte.

Konsequenzen des Unfalls

Die Katastrophe von Bhopal führte zu einigen Änderungen in der Art und Weise, wie große Unternehmen bis dahin operierten. In Europa und den USA wurden Gesetze erlassen, um solchen Unfällen vorzubeugen. Auch Indien erließ einige Gesetze. In der Praxis jedoch änderte sich nichts. Dem Unternehmen am Standort Bhopal war es erlaubt zu verkaufen und seine Aktivitäten dort zu beenden. Die Fusion mit Dow bedeutete praktisch den endgültigen Bruch. Die Manager weigern sich bis heute, Verantwortung zu übernehmen und Daten zu den ausgetretenen Gasen offen zu legen, mit Hinweis auf das Betriebsgeheimnis.

Eine Möglichkeit, zumindest der schlimmsten Ungerechtigkeit entgegenzutreten, hat sich kürzlich eröffnet. Das zweite Appellationsgericht der USA bestätigte auf Grund der verursachten Schäden nachdrücklich die Rechtmäßigkeit möglicher Forderungen seitens der Überlebenden. Diese Entscheidung könnte für das Unternehmen Dow Chemicals, das Union Carbide im Februar 2002 übernommen hat, weit reichende Konsequenzen haben.Nach der Bhopal-Katastrophe hatte das Unternehmen gegen den Rat der Experten versucht, die in einem der Tanks verbliebenen 15 Tonnen MIC zu verwenden. 400.000 Menschen verließen daraufhin die Stadt und kehrten zum Teil erst nach über einem Monat zurück.

Das fordert Greenpeace:

  • Der Grundsatz der Umwelthaftung, das Vorsorge- sowie das Verursacherprinzip müssen durch internationale Regelungen unmittelbar umgesetzt werden.
  • Unternehmen müssen die Verantwortung und Haftung für die fortgesetzte Produktion und Anwendung von gefährlichen Chemikalien tragen. Dazu gehört die Beseitigung der verursachten Umweltschäden und die Zahlung von Schadensersatz an die Opfer von Katastrophen und Unfällen.
  • Die EU muss aufhören, nur freiwillige Initiativen zu unterstützen. Dadurch blockiert sie den Fortschritt für eine Rechenschaftspflicht der Unternehmen auf globaler Ebene. Freiwillige Initiativen versagen bei dem Ziel, eine nachhaltige Entwicklung zu ermöglichen.
  • Regierungen müssen die Rechte und den Schutz der Bürger und Gemeinschaften gewährleisten. Die Regierungen müssen den rechtlichen Rahmen dafür schaffen, dass multinationale Unternehmen keine "doppelten Standards" nutzen, sondern weltweit einheitlich höchste Verhaltensstandards einhalten.
  • Unternehmen und Regierungen müssen durch zunehmende Haftung, Rechenschaftspflicht und Transparenz zur Verantwortung gezogen werden. Die Haftung von Unternehmen kann die Einführung von sauberen Produktionsweisen und Produkte befördern.

Firmenangaben

Union Carbide India Limited, Bhopal-India
Chief Executive Official zum Zeitpunkt der Katastrophe: Warren Andersen

Das Unternehmen gehört heute zu Dow Chemical, Chief Executive Official ist Ravi Muthukrishnan. Das indische Unternehmen liefert hauptsächlich Chemikalien und nur wenige Endprodukte. Nach dem Zusammenschluss mit Union Carbide wurde Dow zum größten Chemiekonzern der Welt. Das Hauptquartier von Dow befindet sich in Midland, Michigan, USA.

Unfallort: Bhopal, Indien, am 03.12.1984

Firmenaktivität: Chemische Produktion. In erster Linie Methylisozyanat für die Herstellung von Pestiziden (z.B. Sevin).

Art des Unfalls: Unfall, der zum Ausstoß von Gasen führte, hauptsächlich Methylisozyanat (MIC), Mono-Methylamin, Kohlenmonoxid und möglicherweise bis zu 20 andere Chemikalien.

Unfallschäden:

Todesopfer: Mehr als 8.000 Menschen starben während der ersten drei Tage. 520.000 Menschen waren den giftigen Gasen ausgesetzt. 150.000 Opfer leiden noch unter chronischen Folgen. Heute noch stirbt im Schnitt alle zwei Tage ein Mensch an den Folgen der Katastrophe.

Stand: 08/2002

V.i.S.d.P.: Andreas Bernstorff

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