Rückkehr des Walfangs
– Wie die grausame Jagd die riesigen Meeressäuger bedroht
- Ein Artikel von Dr. Eva Boller
- mitwirkende Expert:innen Franziska Saalmann
- Hintergrund
2026 feiert das Walfangmoratorium 40. Geburtstag – ein großer Erfolg der Umweltschutzbewegung. Doch Island nimmt den kommerziellen Walfang nun wieder auf.
Vor mehr als vierzig Jahren, im Jahr 1982, erlangte die Internationale Walfangkommission (International Whaling Commission, IWC) einen bahnbrechenden Durchbruch: Sie beschloss ein weltweites Verbot des kommerziellen Walfangs. Dieses Verbot, das unter anderem Greenpeace maßgeblich vorangetrieben hat, trat 1986 in Kraft und gilt heute, 40 Jahre später, als einer der größten Erfolge globaler Umweltbewegungen. Es hat nicht nur tausende Wale vor den Harpunen bewahrt, sondern auch ermöglicht, dass sich viele Walarten und -populationen weltweit erholen konnten – ein beeindruckender Beweis für die Kraft des Umwelt- und Naturschutzes.
Doch die Geschichte des Walfangs ist hier leider nicht zu Ende. Denn Norwegen, Island und Japan erkennen das Moratorium nicht an und machen in ihren nationalen Gewässern weiterhin kommerziell Jagd auf Wale.
Nach einer zweijährigen Pause hat das Walfangunternehmen Hvalur in Island nun den kommerzielle Walfang wieder aufgenommen. `Es will erneut Finnwale und Zwergwale töten – die ersten bestätigten Fänge seit 2023 gab es bereits in den ersten Tagen, nachdem die Schiffe des Unternehmens ausgelaufen waren. Für die aktuelle Saison hat das isländische Forschungsinstitut eine Fangquote von bis zu 150 Finnwalen sowie 168 Zwergwalen festgelegt.
Die aktuelle isländische Regierung hatte zuvor bereits eine Gesetzesvorlage für ein Walfangverbot für den Herbst dieses Jahres angekündigt. Der Walfang gilt seit langem als unwirtschaftlich, außerdem wurden wiederholt schwerwiegende Tierschutz-Verstöße festgestellt. Die Wiederaufnahme des Walfangs diesen Sommer scheint insofern wie ein letztes verzweifeltes Aufbäumen der sterbenden Industrie.
Umwelt- und Tierschützer kritisieren diese Wiederaufnahme scharf. Bei Protesten gegen das Auslaufen der Walfangschiffe kam es zudem zu symbolischen Aktionen von Aktivist:innen im Hafen von Reykjavík.
Noch immer sterben zu viele Wale weltweit
Laut Meldungen an das IWC-Wissenschaftskommittee wurden 2024 über 700 Großwale kommerziell gefangen und getötet.
Dazu kommt eine gigantische Dunkelziffer von rund hunderttausend Delphinen und Kleinwalen wie beispielsweise dem Grindwal. Sie sind nicht im Moratorium für kommerziellen Walfang der IWC eingeschlossen, denn dieses gilt nur für Großwale. Kleinwale erhalten häufig einen anderen Schutzstatus, da sie in speziellen regionalen Gesetzen behandelt werden. Diese sind oft weniger streng als die internationalen Schutzmaßnahmen für große Wale, was zu einer unzureichenden und inkonsistenten Berücksichtigung ihrer tatsächlichen Bedrohungen und Schutzbedürfnisse führt.
Neben dem gezielten Walfang ist inzwischen die Gefahr, durch Fischerei-Beifang zu sterben, riesig für die Meeressäuger geworden: Mindestens 300.000 verenden hierdurch pro Jahr elendig.
Während das Verständnis für die faszinierende Rolle der Wale im Ökosystem der Ozeane wächst, werden die Bedrohungen, denen sie ausgesetzt sind, immer gravierender. Die Klimakrise, Umweltverschmutzung, Beifang, Überfischung und der drohende Tiefseebergbau gefährden nicht nur diese majestätischen Meeresbewohner, sondern das gesamte Leben in den Ozeanen.
Besonders absurd: Zwar hält die kommerzielle Waljagd in einigen Ländern an, aber es gibt kaum noch einen echten Markt für Walfleisch. Die Nachfrage ist in den vergangenen Jahrzehnten drastisch zurückgegangen, da sich die Essgewohnheiten und ethischen Einstellungen der Menschen verändert haben. In Japan, einem der wenigen Länder, das noch kommerziellen Walfang betreibt, wird ein großer Teil des Walfleisches nicht verkauft und nur im Tiefkühlhaus gelagert, da das Interesse der Bevölkerung daran gering ist. Auch in Norwegen und Island ist der Absatz von Walfleisch stark rückläufig. In Island hat die erneute Aufnahme des Walfangs diese Entwicklung nicht verändert – große Teile des Fleisches finden weiterhin kaum Absatz. Den Großteil des Finnwal-Fleisches exportierte Island nach Japan – nachdem Japan jedoch 2024 seine eigene Waljagd um Finnwale erweiterte, brach der Absatzmarkt weiter ein.
Diese Entwicklung verdeutlicht, dass der Walfang heute vor allem aus starren kulturellen und politischen Überzeugungen heraus betrieben wird, ohne echte Notwendigkeit. Trotz der geringen Nachfrage und des wachsenden globalen Bewusstseins für den Schutz unserer Meere halten einige Länder an dieser grausamen Praxis fest. Doch die Realität ist klar: Der Walfang ist nicht nur wirtschaftlich sinnlos, sondern auch moralisch zutiefst fragwürdig.
Das Problem mit dem Walfang, einfach erklärt
Problem
Einige Länder erlauben noch immer, Wale zu jagen, um das Walfleisch zu verkaufen. Dazu gehört Norwegen. Die Jagd bedroht die Wale. Heutzutage werden aber auch andere Gefahren für Wale immer größer, zum Beispiel Lärm und Wasserverschmutzung.
Greenpeace-Lösung
Greenpeace setzt sich für strengere Schutzmaßnahmen für Wale ein. Insbesondere braucht es mehr Schutzgebiete, die auch Walen helfen würden.
Mehr einfache Erklärungen in unserem Umwelt-Glossar.
Teilerfolg beim Treffen der IWC
Um ein Haar hätte der Schutz der Wale Ende September 2024 einen deutlichen Sprung nach vorn getan. Beim zweijährlich stattfindenden Treffen der Internationalen Walfangkommission (IWC) wurde auch über ein neues Walschutzgebiet abgestimmt. Es wäre das weltweit dritte und soll vor Südamerikan eingerichtet werden. Am Ende fehlte eine einzelne Stimme für die nötige Dreiviertelmehrheit. Meeresbiologin Franziska Saalmann, die das Treffen im peruanischen Lima für Greenpeace begleitet hatte, findet das denkbar knappe Ergebnis bitter: „Mit nur einer Stimme mehr hätten wir es nach 30 Jahren endlich wieder geschafft, Wale in einem großen Areal dauerhaft vor kommerziellem Walfang zu schützen.“ Das knappe Ergebnis zeige jedoch auch: „Es gibt eine breite Mehrheit für den Walschutz und jede Stimme zählt. Wir dürfen nicht aufhören, für dieses Walschutzgebiet zu kämpfen.“
Dennoch geht auch ein wichtiges positives Signal von diesem IWC-Treffen aus. Zum ersten Mal seit mehr als 20 Jahren verabschiedet die Konferenz eine Resolution, die das Moratorium gegen kommerziellen Walfang wieder bestärkt. Zwar sei es mühselig, Dinge zu verteidigen, die längst beschlossen seien, so Saalmann, doch Wale spielten eine zentrale Rolle für marine Ökosysteme und müssten dringend besser geschützt werden - vor kommerziellen Jägern, aber auch vor Beifang, der Klimakrise oder dem drohenden Start von Tiefseebergbau. „Deutschland und die EU müssen dem Schutz der Wale und unserer Meere eine höhere Priorität einräumen“, so Saalmann. „Auch die schnelle und effektive Umsetzung des UN-Hochseeschutzabkommens kann dazu einen wichtigen Teil beitragen.“
Ausblick: IWC-Treffen 2026 – entscheidend für den Walschutz
Das nächste Treffen der IWC im Jahr 2026 markiert das 40-jährige Jubiläum des Inkrafttretens des Moratoriums sowie das 80-jährige Bestehen der IWC – und es wird erneut eine Weichenstellung für den weltweiten Schutz der Wale. Die Greenpeace Meeresschutz-Expertin Franziska Saalmann wird an dem Treffen teilnehmen, um sich für eine deutliche Stärkung des internationalen Walschutzes einzusetzen. Im Mittelpunkt stehen dabei unter anderem Forderungen nach der konsequenten Ausweitung von Schutzgebieten, Bestrebungen zur Aufweichung des Walfang-Moratoriums entgegenzuwirken sowie bessere Maßnahmen gegen akute Bedrohungen wie Beifang.
Angesichts der jüngsten Rückschritte – etwa der Wiederaufnahme des Walfangs in Island – und zunehmender Bedrohungen für Wale durch uns Menschen ist es essentiell, den internationalen Schutzrahmen zu stärken und den politischen Druck auf walfangtreibende Staaten zu erhöhen.
Warum kann Walfang stattfinden, obwohl es verboten ist?
© Greenpeace
Walfänger in Island
Trotz des globalen Moratoriums für den kommerziellen Walfang, gibt es bestimmte Ausnahmen und Schlupflöcher, die es einigen Ländern ermöglichen, weiterhin Wale zu jagen: Einige Länder, wie Japan, haben das Moratorium umgangen, indem sie in der Vergangenheit Walfang unter dem Vorwand der wissenschaftlichen Forschung betrieben. Das IWC-Moratorium erlaubt den wissenschaftlichen Walfang, jedoch gab es erhebliche Kritik daran, dass einige Programme eher kommerziellen Interessen als wissenschaftlichen Zielen dienen.
Länder wie Norwegen und Island sind zwar Mitglied der IWC, haben jedoch offiziell Vorbehalte gegen das Moratorium eingelegt und betreiben weiterhin kommerziellen Walfang. Sie erkennen das Moratorium nicht an und haben eigene Quoten für den Walfang festgelegt. Japan ist 2019 sogar aus der IWC ausgetreten und betreibt seitdem wieder offiziell kommerziellen Walfang. Seit 2024 hat Japan auch die global gefährdeten Finnwale auf ihre Liste gejagter Arten aufgenommen.
So grausam werden Wale gejagt
Walfang ist eine grausame Praxis, bei der Wale mit Harpunen gejagt und getötet werden, oft nach stundenlangem Leiden. Moderne Walfangschiffe nutzen hochentwickelte Sonartechnologie, um die Tiere aufzuspüren, bevor sie sie mit explosiven Harpunen angreifen. Diese Harpunen reißen tiefe Wunden und verursachen enorme Schmerzen, während die Wale oft qualvoll verbluten oder ersticken. Trotz internationaler Bemühungen, den Walfang zu stoppen, wird diese brutale Methode in einigen Ländern weiterhin praktiziert, was nicht nur eine abscheuliche Tierquälerei darstellt, sondern auch das Überleben bedrohter Walarten gefährdet.
Bedrohte Giganten: Die Wale sind häufig Opfer des industriellen Walfangs
© Doc White / SeaPics.com
Blauwal vor Mexiko
Im Vergleich zum verheerenden Ausmaß des historischen Walfangs werden nur noch relativ wenige Wale gejagt. Doch jeder Wal ist einer zu viel, zumal die Auswirkungen von damals für viele Populationen weiterhin spürbar sind. Zusätzlich stellen neue von Menschen verursachte Gefahren wie die Klimakrise, Fischerei-Beifang, Lärm und Verschmutzung ein erhebliches Hindernis für ihre Erholung dar. Hinzu kommen könnten schon bald weitere Bedrohungen, wie der Start von Tiefseebergbau. Ein zusätzlicher Faktor: Wale vermehren sich nur langsam – es braucht einige Jahre, bis sie geschlechtsreif werden und sie bekommen oft nur einmal im Jahr ein Kalb. Einige Beispiele dafür, wie sich die Populationen entwickeln:
Blauwal – Der Gigant in Gefahr:
Der Blauwal, das mit etwa 30 Metern Länge und bis 200 Tonnen Gewicht größte Tier, das jemals die Erde bewohnt hat, ist besonders bedroht. Einst zahlreich, wurden diese majestätischen Kreaturen durch den industriellen Walfang fast an den Rand der Ausrottung gebracht. Trotz des internationalen Schutzes bleibt ihre Zahl immer noch besorgniserregend niedrig, weil unter anderem durch ihre besonders langsame Fortpflanzung die Bestände nur langsam wachsen.
Finnwal – Ein Schatten seiner selbst:
Der Finnwal, der zweitgrößte Wal, wurde ebenfalls massiv durch den Walfang beeinträchtigt. Die intensive Jagd auf diese Tiere in den vergangenen Jahrhunderten hat ihre Population stark reduziert. Obwohl sie in den letzten Jahrzehnten Schutzmaßnahmen genossen haben, sind die Populationen immer noch durch die historische Übernutzung geschwächt, und der vollständigen Erholung stehen viele Hürden im Weg. Außerdem machen Island und neuerdings auch Japan wieder kommerzielle Jagd auf die sanften Riesen, ungeachtet ihrer Bedrohung.
Buckelwal – Hoffnung auf Erholung:
Buckelwale erlitten während des industriellen Walfangs ebenfalls eine drastische Reduzierung ihrer Populationen. Diese Wale sind bekannt für ihre ausdrucksstarken Gesänge und ihre langen Wanderungen, doch auch sie wurden Opfer der Jagd. Glücklicherweise haben sich ihre Populationen seit dem Verbot des Walfangs in einigen Regionen etwas erholt, aber der Druck auf ihre Lebensräume und die gelegentliche illegale Jagd stellen weiterhin eine Bedrohung dar.
Seiwale – Ein kaum sichtbares Opfer:
Der Seiwal, der drittgrößte Wal, hat ebenso erheblich gelitten. Auch er wurde wegen seines Fleisches intensiv gejagt, was die Population drastisch reduziert hat. Trotz des heutigen Schutzes leidet die Art weiterhin an den lange anhaltenden Folgen der jahrzehntelangen Jagd und den Schwierigkeiten, die wir Menschen ihr bereiten.