Protest gegen industrielle Massentierhaltung in Alt Tellin

Mahnmal verfehlter Politik

Die abgebrannte Tierfabrik steht für die perverse Entwicklung der Schweinehaltung und darf auf keinen Fall wieder aufgebaut werden.

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Wo vor vier Wochen noch Zehntausende Schweine lebten, ist nicht mehr viel zu sehen. Die Bagger schieben die verkohlten Überreste in Alt Tellin zusammen. Nur oben auf den Silos herrscht geschäftiges Treiben. Zehn Aktivist:innen von Greenpeace sind auf die Futterbehälter der abgebrannten Schweinezuchtanlage geklettert und entrollen ein sieben Mal 14 Meter großes Banner mit der Forderung „Schluss mit dem Schweinesystem“.  Sie protestieren damit für ein Ende der industriellen Massentierhaltung.

Etwa 20 Meter unter ihnen steht Mecklenburg-Vorpommerns Landwirtschaftsminister Till Backhaus (SPD). Es ist sein erster Besuch nach dem Brand in der größten Schweinezuchtanlage Deutschlands. Am 30. März 2021 hatte ein Großfeuer die Stallanlage der „Landwirtschaftliche Ferkelzucht Deutschland (LFD) Holding“ komplett vernichtet. Von den etwa 57.000 Tieren konnten gerade mal 1.300 gerettet werden. Die Brandursache ist weiterhin ungeklärt. Am Nachmittag spricht Backhaus vor dem Gemeinderat in Alt Tellin. Der Politiker verhandelt mit dem Betreiber über eine neue industrielle Tierzuchtanlage an diesem Standort.

Perverse Entwicklung der Tierhaltung

Doch solche Agrarfabriken sind nicht mehr zeitgemäß und untragbar. „Alt Tellin steht für die perverse Entwicklung der Tierhaltung", sagt Martin Hofstetter, Landwirtschaftsexperte von Greenpeace. "Ohne Rücksicht auf Tiere, Natur und Menschen wurden Industrieanlagen genehmigt und gebaut, um möglichst billiges Fleisch zu erzeugen und damit Geld zu machen. Spätestens seit dem gestrigen Urteil des Bundesverfassungsgerichts ist klar, dass die Tierzahlen drastisch sinken müssen, um die Klimaziele der Landwirtschaft zu erreichen. Diese Art der industriellen Fleischerzeugung darf keine Zukunft haben. Deshalb fordern wir die endgültige Schließung von Alt Tellin.“

Das Bundesverfassungsgericht hat mit seiner Einscheidung vom Donnerstag der Bundesregiering vorgegeben, das Klimaschutzgesetz deutlich nachzubessern. Dazu gehört, dass die Treibhausgasemissionen in allen Sektoren, auch in der Landwirtschaft, schneller und deutlicher heruntergefahren werden. Nur mit weniger Fleischkonsum und einem deutlichen Abbau der Tierhaltung werden die Klimaziele in der Landwirtschaft nicht zu erreichen sein. Greenpeace fordert daher seit langem eine bessere Haltung mit weniger Tieren. Bäuerliche Betriebe sollten gezielt gefördert werden, um den Umbau der Ställe zu stemmen. Tierfabriken wie die abgebrannte Anlage, in die zehntausende Tiere gepfercht werden, haben keine Zukunft mehr, wenn die Politik der Entscheidung der Verfassungsricher:innen folgt.

Der SPD-Minister lässt sich aber von seiner überkommenen Politik nicht abbringen. Nach seinen Plänen soll in Alt Tellin eine technisch aufgerüstete Anlage entstehen – ein „Stall 4.0“. Das Konzept dafür soll der Betreiber entwickeln. „Alt Tellin ist ein Mahnmal für eine völlig verfehlte Agrarindustriepolitik in der Nutztierhaltung“, sagt Hofstetter. „Hier jetzt erneut einen Großbetrieb zu errichten und zugleich andere, vergleichbare Anlagen wie bisher weiterzufahren, zeigt, dass Backhaus und der jetzige Besitzer keine wirkliche Veränderung wollen.“

Dioxinfund auf umliegenden Äckern und Feldern

Die Menschen in der Region haben jedenfalls erst einmal genug von der Massentierhaltung. Ihnen wurde viel versprochen: Arbeitsplätze, Geld für die Infrastruktur. Passiert ist nichts. Stattdessen müssen sie jetzt mit den Folgen der Katastrophe leben. Die Rauchsäule war während des Brandes kilometerweit zu sehen. Die Asche landete auf den Äckern und Feldern der Region. Nach dem Brand hat Greenpeace rund um die Anlage Flugasche eingesammelt und analysieren lassen. Unabhängige Labore haben darin erhöhte Dioxinwerte festgestellt. „Wir fordern den Landwirtschaftsminister auf, das belastete Material umgehend von den Äckern entfernen zu lassen, damit das Gift nicht in die Nahrungskette gelangen kann“, so Hofstetter. Auch in den Gärten der umliegenden Bewohner muss untersucht werden, ob sie nicht auch mit Gift belastet sind.

Greenpeace hat bei den zuständigen Behörden im Landkreis und beim zuständigen Ministerium eine Anfrage nach Umweltinformationsgesetz gestellt. Dadurch sollen die vielen offenen Fragen rund um die Katastrophe geklärt werden. Wurden zum Beispiel während des Brandes Schadstoffbelastungen im Umfeld untersucht? Welche Einsatzkräfte der Feuerwehr waren vor Ort? Welche Löschmittel wurden eingesetzt? Besteht oder bestand eine Gefahr für die benachbarten Einwohner? Wie und wohin werden die Brandreste entsorgt? Und noch viele mehr.

Schlechter Brandschutz war seit Jahren bekannt

Landwirtschaftsminister Backhaus ist seit über 20 Jahren im Amt. In dieser Zeit hat er sich immer wieder für die Ansiedlung von großen Tierhaltungsanlagen in Mecklenburg-Vorpommern stark gemacht. Dabei hat er es versäumt, die nötigen Standards für Tierschutz, Emissionsschutz und Brandschutz vorzugeben und überprüfen zu lassen. Seit Jahren ist bekannt, dass in Alt Tellin, aber auch in vielen Großställen besonders schlechte Zustände sowohl in der Tierhaltung wie beim Brandschutz herrschen. Die Folgen wurden jetzt in Alt Tellin klar: Nicht einmal drei Prozent der Tiere wurden gerettet.

Deshalb fordert Greenpeace, dass bei sämtlichen Nutztierställen der Brandschutz überprüft wird und alle Ställe geschlossen werden, deren Brandschutz unzureichend ist. Es sollten nur noch Neubauten genehmigt werden, bei denen die Schweine deutlich besser gehalten werden, wie zum Beispiel in Außenklimaställen und Freilandhaltung, wo sie viel mehr Platz, Luft und Wühlmaterial haben. Der Lebensmitteleinzelhandel muss dies unterstützen: indem er kein Fleisch mehr aus Stallanlagen wie Alt Tellin bezieht und stattdessen Bäuerinnen und Bauern bevorzugt, die ihre Tiere artgerecht halten, und dafür auch einen fairen Preis bezahlt bekommen.

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