Warum der Fleischindustrie Grenzen gesetzt werden müssen

Laschet und Tönnies

Es reicht! Aktivist*innen protestieren vor dem NRW-Landtag und fordern Ministerpräsident Armin Laschet auf, das kranke System Billigfleisch zu stoppen.

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Es ist der bisher größte Ausbruch von Corona-Infektionen in ganz Deutschland - und schon wieder ist es ein Fleischbetrieb, der zum Corona-Hotspot wird. Nach Westfleisch in Coesfeld trifft es nun die Angestellten des Fleischkonzern Tönnies. 1553 Menschen, die unter größtenteils prekären Arbeitsbedingungen für das Tönnies-Werk in Rheda-Wiedenbrück arbeiten, wurden positiv getestet, die meisten im Bereich der Fleischzerlegung. Mittlerweile wurde über den Kreis Gütersloh ein Lockdown verhängt. Auch bei Wiesenhof wurden erste Infektionen im niedersächsischen Wildeshausen gemeldet, die gesamte Belegschaft von über 1.100 Personen soll nun getestet werden.

Greenpeacer protestieren vor NRW-Landtag: Laschet in der Pflicht

“Billigfleisch ist ein krankes System”, sagt Martin Hofstetter, Landwirtschaftsexperte von Greenpeace. Er steht mit weiteren Aktivistinnen und Aktivisten vor dem Landtagsgebäude in Düsseldorf. Sie halten Bildtafeln, die die Auswirkungen der Billigfleischproduktion zeigen: Ausbeutung von Arbeitskräften, millionenfaches Tierleid und nicht zuletzt Waldzerstörung für den Anbau von Futtermitteln. Drinnen im Landtag bestimmen die Auswirkungen der Corona-Infektionen bei Tönnies maßgeblich die Agenda der Plenarsitzung. 

Der Greenpeace-Agrarexperte erwartet von Ministerpräsident Armin Laschet (CDU), endlich Verantwortung zu übernehmen und gegen die Missstände in der Fleischindustrie vorzugehen. Immerhin hat das bevölkerungsreichste Bundesland Deutschlands auch einen erheblichen Einfluss auf Bundesebene - unter anderem durch seinen hohen Stimmenanteil im Bundesrat. Doch bisher zeichnete sich die CDU-geführte Agrarpolitik eher durch Verzögerungs- und Blockadetaktiken zugunsten der Fleischindustrie aus. So zum Beispiel beim tierschutzwidrigen Kastenstand, einem engen Gitterkäfig, in dem Muttersauen tage- bis wochenlang fixiert werden. Erst Anfang der Woche sprach sich NRW rechtzeitig vor der erwarteten Abstimmung im Bundesrat für mehrjährige Übergangsfristen beim umstrittenen Kastenstand aus, statt konsequent ein Ende der Qualhaltung einzufordern.

Die CDU und die Fleischindustrie 

Nicht zum ersten Mal werden Vorwürfe gegenüber der CDU/CSU laut, sich von der Fleischlobby einwickeln zu lassen. In Nordrhein-Westfalen kommt hinzu: Die Fleischindustrie ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Das Land beheimatet mit Tönnies und Westfleisch die größten Schlachtkonzerne Deutschlands und ist damit nach Niedersachsen der größte Fleischproduzent. Das weiß auch die Industrie und pflegt offensichtlich die Beziehungen zur Politik: Mehrere Medien wie RND berichteten am Montag über Parteispenden der Firma Tönnies in Höhe von insgesamt 147.000 Euro (seit 2005), die ausschließlich an die CDU gingen, sowie von einer Privatspende Clemens Tönnies über 11.700 Euro im Jahr 2002 ebenfalls an die CDU. Und ob es wirklich ein Zufall war, dass Clemens Tönnies für seinen ersten  öffentlichen Auftritt nach dem Eklat um seine rassistischen Aussagen ausgerechnet eine Veranstaltung der Staatskanzlei mit Gastgeber Armin Laschet wählte? 

Für Hofstetter ist klar, dass der Fleischindustrie endlich strikte Grenzen gesetzt werden müssen: “Jetzt rächt sich, dass die Schweinebarone seit Jahren ungestört schalten und walten können. Ministerpräsident Laschet muss sich entscheiden: Will er weiter die Agrarlobby unterstützen? Für die Bevölkerung wäre es besser, wenn er sich für eine artgerechte Tierhaltung und einen sozialverträglichen Umbau der Fleischindustrie einsetzte.” 

Die Fleischindustrie ist ein Gesundheitsrisiko

Neben der tragischen Häufung von Corona-Infektionen und der Debatte um die Arbeits- und Wohnbedingungen der oft ausländischen Arbeitskräfte fällt ein Aspekt unter den Tisch: Die Fleischindustrie gefährdet jeden Tag unser aller Gesundheit. Die auftretenden Corona-Infektionen bilden nur einen Teil dieses Gesundheitsrisikos ab. Denn mit dem massiven  Einsatz von Antibiotika in der Massentierhaltung steigt das Risiko von Antibiotikaresistenzen - mit der Konsequenz, dass überlebenswichtige Medikamente bei immer mehr Menschen nicht mehr wirken können. Greenpeace konnte gerade erst im April 2020 antibiotikaresistente Keime in Gülle aus industrieller Schweinehaltung nachweisen.

Mit Tierwohlabgabe den Umbau finanzieren

“Billigfleisch geht auf Kosten von Umwelt, Tier und Mensch - das ganze System gehört abgeschafft”, sagt Hofstetter. Greenpeace fordert für den Schutz von Klima, Tieren und Gesundheit eine Umstellung auf artgerechte Haltung, weniger Tiere, strenge Kontrollen sowie faire Preise und Arbeitsbedingungen. Wie eine zweckgebundene Tierwohl-Abgabe diese dringend benötigte Reform finanzieren kann, hat die unabhängige Umweltschutzorganisation bereits im Januar 2020 vorgestellt. 

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