Neue Düngeverordnung: Interview zu den Bauernprotesten

Keinen Mist machen

Wütend protestierten Bauern gegen eine strengere Düngeverordnung. Kommt sie jedoch nicht, drohen empfindliche Strafen. Worum es geht, erzählt Martin Hofstetter von Greenpeace.

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Nichts tun kann teuer werden: 857.000 Euro genaugenommen – und das jeden Tag. Die EU-Kommission ist verärgert, weil Deutschland sich jahrelang geweigert hat, eine vernünftige Düngeregelung auf den Weg zu bringen, um die Nitratwerte im Grundwasser zu senken. Nun drohen Strafzahlungen – es sei denn, die Bundesregierung legt schnell einen Plan vor, wie sie die zu hohen Stickstoffeinträge verringern will. Denn diese verunreinigen zunehmend das Grundwasser. Der EU-Kommission schwebt vor, die Düngung in stark belasteten Gebieten um 20 Prozent zu verringern.

Das rief Bauern auf die Straße, die um ihre Existenz fürchten. „Ohne Dünger keine Ernte“, stand auf dem Protestschild eines Bauern vergangene Woche in Münster. Er war einer von Tausenden, die sich gegen eine Verschärfung der Düngeverordnung gestellt haben. Am heutigen Donnerstag geht der Protest weiter, diesmal in Landau anlässlich der Agrarministerkonferenz. Martin Hofstetter, Greenpeace-Experte für Landwirtschaft, war in Münster vor Ort, um mit Landwirten zu sprechen. Wie das war und was für Lösungen er empfiehlt, erzählt er im Interview.

Greenpeace: Du hast mit Bauern gesprochen – hast du Verständnis für ihren Protest?

Martin Hofstetter: Viele Bauern wehren sich dagegen, dass sie für die zu hohen Nitratwerte im Grundwasser verantwortlich gemacht werden. Zu Recht. Denn die meisten Biobauern, aber auch viele Ackerbaubetriebe düngen in der Regel bedarfsgerecht. Sie bringen nur die Menge an Nährstoffen aus, die notwendig ist, um einen angemessenen Ertrag zu erzielen. Einige setzen aber auf einen maximalen Ertrag, der entsprechend mehr Dünger erfordert. Pauschal 20 Prozent weniger Düngung zu verlangen, ist tatsächlich unfair, da alle Betriebe, auch die guten, davon betroffen wären. Da muss genauer geguckt werden, woher die hohen Belastungen kommen.

Probleme bereiten hauptsächlich Betriebe, die deutlich mehr Tiere halten, als Land zum Ausbringen der Gülle zur Verfügung steht. Wo also die Bindung von Tierhaltung an die Fläche verloren gegangen ist. Diese Gülle ist kein Dünger, sondern teurer Abfall, der irgendwie weg muss. Deshalb hat Deutschland vor allem in Gebieten mit intensiver Massentierhaltung viel zu hohe Nitratwerte im Grundwasser.

Und umgekehrt; konnten die Landwirte auch verstehen, dass sich was ändern muss?

Die Jüngeren, mit denen ich gesprochen habe, meist ja. Ihnen ist bewusst, dass zu viele Stickstoffe ausgebracht werden und sie das Problem lösen müssen. Die älteren Landwirte hingegen wollten nicht in Frage stellen, wie sie seit 40 Jahren wirtschaften.

Welche Argumente tragen Bauern vor, damit alles so bleiben kann, wie es ist?

Sie sagen, dass sich die Klage der EU gegen die alte Düngeverordnung gerichtet habe. Anfang 2017 habe der Bundestag aber die Düngemittelverordnung novelliert – deren Wirkung müsse man erst einmal abwarten. Durch eine weitere Verschärfung wären Erträge gefährdet, Pflanzen würden aufgrund fehlender Nährstoffe verhungern.

Das ist natürlich völlig übertrieben. Die Pflanzen verhungern nicht, die Landwirte haben nur nicht mehr die maximal möglichen Erträge.

Und was ist dran an der Einschätzung, dass die Novelle noch nicht greifen konnte?

Die genaue Wirkung der Novelle ist noch nicht absehbar, ein starkes Instrument ist sie jedenfalls nicht. Dass sie die EU nicht zufriedenstellte, hängt aber eher mit dem gesamten Prozess zusammen. Die EU hat jahrelang darauf gewartet, dass Deutschland endlich tätig wird. Doch die Bundesregierung hat sich geweigert, die seit mittlerweile 26 Jahren geltende EU-Nitratrichtlinie umzusetzen. Schließlich hat die EU Klage beim Europäischen Gerichtshof eingereicht und in allen Punkten Recht bekommen.

Die EU hat genug vom Warten und will keine schwachen Novellen mit einer unklaren Wirkung, sondern Nägel mit Köpfen. Schließlich machen andere europäische Länder wie Dänemark oder die Niederlande vor, wie es geht: Sie haben deutlich strengere Gesetze als wir derzeit.

Greenpeace fordert als eine Maßnahme gegen die Überdüngung eine Hoftorbilanz für alle landwirtschaftlichen Betriebe. Wie funktioniert die?

Die Hoftorbilanz ermittelt zunächst, was an Stickstoff in den Betrieb gegangen ist – über gekaufte Tiere, Dünger, Futter oder Saatgut. Davon wird das abgezogen, was rausgegangen ist, also der Stickstoff etwa in verkauften Tieren, Getreideernte, Milch. Daraus ergibt sich der Stickstoffüberschuss, der auf dem Hof verbleibt. Kommt dabei ein Stickstoffüberschuss von mehr als 50 Kilogramm pro Hektar heraus, muss sich auf dem Hof was ändern. Denn der Stickstoff bleibt nicht im Boden, sondern geht als Schadgas, also Ammoniak und Lachgas, in die Luft oder sickert in Oberflächen- und Grundwasser.

Leider ist das deutschlandweit derzeit der Fall; in der Regel werden 100 Kilogramm Stickstoff zu viel pro Hektar ausgebracht.

Wohin sollen Bauern denn mit der überschüssigen Gülle, wenn es weitere Beschränkungen gibt?

Sie müssten für weitere Flächen zum Ausbringen der Gülle sorgen – und das wird teuer. So könnten sie Land pachten oder aber gegen Bezahlung Bauern die Gülle ausbringen lassen, deren Land nicht in Gebieten mit zu hohen Nitratwerten liegt. Es gibt dafür inzwischen richtige Güllebörsen.

Die Alternative wäre, weniger Tiere zu halten und damit weniger Gülle zu produzieren.

Viele Bauern erklären aber, finanziell nur über die Runden zu kommen, wenn sie auf Masse setzen.

Landwirte, die weniger Tiere halten, sorgen für mehr Platz pro Tier in den Ställen und das ist wichtig für Tierwohl und Tiergesundheit. Damit könnten sie in die Programme kommen, die der Lebensmittelhandel derzeit einführt. Die Supermärkte haben begonnen, ihre Fleischprodukte zu kennzeichnen. Verbraucher erfahren so, wie das Tier gehalten wurde, dessen Fleisch sie kaufen. Je besser die Tierhaltung, desto mehr Geld bekommen die Bauern.

Diesen Weg gehen übrigens zunehmend Bauern; sie reduzieren die Tierbestände und bekommen mehr Geld für das einzelne Tier. Das ist ein Bruch mit der bisherigen Wirtschaftsweise, in schwierigen Zeiten auf billige Massenproduktion zu setzen. Die Schweinehaltung ist im vergangenen Jahr um vier Prozent, die Rinderhaltung um drei Prozent zurückgegangen. Das ist erst einmal eine gute Entwicklung, weil dadurch auch die Klimagase der Landwirtschaft zurückgehen.

Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) hat auf der Bauerndemonstration eine Rede gehalten. Was bietet sie den Bauern an?

Interessant war, dass sie den Bauern reinen Wein eingeschenkt hat. Sie gab den Bauern – insbesondere dem Bauernverband – eine Mitschuld an der jetzigen Situation. Dieser hätte jahrelang Widerstand geleistet gegen eine vernünftige Reform der Düngeverordnung – so dass die EU-Kommission jetzt relativ rigoros vorgehen würde. Sie hat aber auch angeboten, noch einmal mit der EU-Kommission zu sprechen, um bestimmte Härten rauszunehmen.

Aber die Politik trägt doch die Verantwortung, sie hat kein entsprechendes Düngegesetz durchgesetzt.

Ja, natürlich – vor allem die CDU/CSU-Koalition trägt Verantwortung. Die Konservativen im Bundestag, im Bundesrat und auch ihre Agrarminister sind immer auf die Forderungen des Bauernverbandes eingegangen und haben sich konsequent gegen eine Novellierung gestemmt. Nun muss Klöckner rasch handeln, sonst büßen letztendlich Deutschlands Steuerzahler für die Versäumnisse der Politik.

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