Interview mit Christoph Thies, Greenpeace-Experte für Wälder, zum Bericht des Weltklimarats

Gradwanderungen

Die Erderhitzung lässt sich bei 1,5 Grad stoppen, doch auch das wird die Welt verändern, so der Weltklimarat. Über dessen neuen Bericht spricht Greenpeace-Experte Christoph Thies.

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Ja, es ist zu schaffen. Der mit Spannung erwartete Sonderbericht des Weltklimarats macht Hoffnung: Die Erderhitzung lässt sich bei 1,5 Grad gegenüber dem vorindustriellen Niveau stabilisieren. Wissen und Technik sind vorhanden, um dieses Ziel umzusetzen. Oft ist die Lösung auch ganz offensichtlich: So raten die Experten, Wälder wachsen zu lassen – sie ziehen CO2 aus der Atmosphäre.

Veröffentlicht wird der Sonderbericht erst am 8. Oktober, ein paar Inhalte kursieren aber jetzt schon. Und dazu gehören auch weniger freudig stimmende. Ohne zusätzliche Anstrengungen, da sind sich die meisten Wissenschaftler einig, steuert die Erderhitzung bis Ende des Jahrhunderts auf drei bis vier Grad zu. Was bereits die derzeitige Erwärmung von einem Grad im klimatisch gemäßigten Deutschland anrichten kann, zeigten in diesem Sommer Hitze und Dürre.

Bei zwei Grad mehr sei die Welt existenziell bedroht, spitzte UN-Generalsekretär António Guterres jüngst die Lage zu und forderte, das Ruder bis 2020 herumzureißen. Sonst sei der Zeitpunkt verpasst, an dem noch gehandelt werden könne.

Wie also lässt sich die Erderhitzung bei 1,5 Grad stoppen? Der Weltklimarat hatte keine geringere Aufgabe, als dafür Vorschläge zu erarbeiten. Beauftragt hatten ihn 195 Staaten, die 2015 mit dem Pariser Klimaschutzabkommen beschlossen hatten, die Erderwärmung deutlich unter zwei Grad zu halten und möglichst bei 1,5 Grad zu stabilisieren. Denn es ist ein Unterschied, ob sich die Welt um 1,5 oder zwei Grad erhitzt – auch das ist Ergebnis des Sonderberichts.

Im Interview bewertet Christoph Thies, Greenpeace-Experte für Wälder, die wichtigsten bisher bekannten Aussagen des Berichts und die vorgeschlagenen Maßnahmen.

Greenpeace: Die CO2-Konzentration in der Atmosphäre steigt und steigt, ist die höchste je gemessene. Wieso geht der Weltklimarat davon aus, dass das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen ist?

Christoph Thies: Die Forscher haben für den Sonderbericht 6000 Publikationen von circa 24.000 Experten ausgewertet. Das Ergebnis ist, dass sich das Ziel halten lässt. Der Weltklimarat zeigt dafür Wege auf: So müssen nicht nur die Emissionen schnell und deutlich sinken, sondern auch Treibhausgase aus der Atmosphäre gezogen werden.

Mit welchen Maßnahmen ist das erreichbar?

Der wichtigste Schritt ist, die Emissionen zu senken: Wir müssen schleunigst aus der Kohle raus – sie ist der Klimakiller Nummer eins. – Und wir müssen den Ausbau der Erneuerbaren Energien vorantreiben. In Deutschland wäre das bis 2030 möglich. Neben der Energiewende ist aber auch eine Verkehrswende nötig. Also weg vom Verbrenner, hin zu geteilter Elektromobilität wie Bus oder Bahn oder rauf aufs Rad. Auch die Landwirtschaft spielt eine entscheidende Rolle: hier liegt die Lösung in weniger Fleisch und Dünger.

Der Weltklimarat zeigt aber auch Möglichkeiten, CO2 zu binden und somit aus der Atmosphäre zu entfernen. Hier kommen insbesondere die Wälder ins Spiel: Sie binden CO2 aus der Luft und speichern es als Kohlenstoff. Der wird übrigens bei der derzeitigen Zerstörung von Wäldern als klimaschädliches Gas massiv wieder freigesetzt.

Die Klimaexperten schlagen aber auch andere Wege vor, um der Atmosphäre CO2 zu entziehen.

Die Möglichkeiten, CO2 zu binden sind generell begrenzt; die Klimakrise können wir nur eingrenzen, wenn wir von den enorm hohen Emissionen wegkommen.

Grundsätzlich gibt es zwei Wege, CO2 zu binden – der einfachste ist, auf natürliche Weise über die Photosynthese von Bäumen und anderen Pflanzen. Man kann CO2 aber auch chemisch zum Beispiel aus Kraftwerksabgasen abscheiden und dann unter Druck in die Erde pumpen. Diese Möglichkeit listet der Bericht auch. Diese Techniken sind aber noch gar nicht erprobt. Wir wissen nicht, wie viel Wasser oder Energie dafür verbraucht werden oder ob das CO2 mit der Zeit wieder aus der Erde entweicht.

Warum sollte man das also tun? Die Alternative ist doch da: Natürliche Wälder könnten pro Jahr mindestens drei bis vier Milliarden Tonnen CO2 mehr als heute weltweit binden. Das sind zehn Prozent der weltweiten Emissionen von 35 Milliarden Tonnen.

Müsste dafür die Waldfläche vergrößert  werden?

Ja, sie müsste um circa zehn Prozent erhöht werden – das ist nicht viel. Zusätzlich müssen die noch verbliebenen Urwälder geschützt und die bewirtschafteten Wälder ökologischer genutzt werden, damit sie wieder wachsen können.

Übrigens speichern nicht nur Wälder CO2: Das tun auch renaturierte Flächen wie Moore.

Der Weltklimarat hatte auch den Auftrag aufzuzeigen, was eine Erwärmung von 1,5 Grad auslöst. Was erwartet uns?

Wetterextreme wie Stürme und Hitzewellen sowie Dürren und Überschwemmungen gibt es jetzt schon. Wir müssen uns aber darauf einstellen, dass sie nochmal zunehmen werden –  auch bei 1,5 Grad. Einige pazifische Inseln werden unbewohnbar sein. Auch die Korallen werden den Temperaturanstieg nur zu einem Drittel überleben; bei zwei Grad mehr wären sie allerdings ganz verschwunden.

Der Weltklimarat mahnt, dass jedes Zehntel Grad mehr Veränderungen hervorruft. Bei zwei Grad Temperaturanstieg sind die Folgen massiv, und es stellt sich die Frage, ob der Klimawandel dann überhaupt noch kontrollierbar ist – oder ob wir dann auf eine Heißzeit zusteuern, die wir nicht mehr steuern können, egal was wir tun.

Welche Rolle spielt Deutschland im internationalen Klimaschutz?

Deutschland ist die größte Volkswirtschaft in der Europäischen Union, deshalb ist der Einfluss in der Klimapolitik groß.

Das Land müsste wie alle anderen reichen Industrienationen mit gutem Beispiel vorangehen und viel schneller die CO2-Emissionen gen Null drücken. Doch stattdessen schützt die Politik die Auto- und Kohleindustrie. Die reichen Länder stehen zudem in der Pflicht, arme Länder finanziell und technologisch zu unterstützen: Damit sie ihre Emissionen senken können, aber auch, um sich an die globale Erwärmung anpassen und Schäden ausgleichen zu können. Denn die Länder in weiter südlichen Regionen sind viel stärker vom Klimawandel betroffen als Europa.

Im Konflikt um den Hambacher Wald scheint alles zusammenzukommen: Ein Kohlenstoff speichernder alter Wald soll gerodet werden, damit der Energiekonzern RWE die darunter liegende Kohle abbauen kann. Ist der Widerstand gegen die Abholzung deshalb so groß?

Der Hambacher Wald ist ein Symbol geworden für den verschleppten Ausstieg aus der Kohleverbrennung – ähnlich wie Wackersdorf oder Gorleben Symbole für die Bewegung gegen Atomkraft waren.

Wenn der Wald durch RWE tatsächlich gerodet werden sollte, wäre das eine der absurdesten Waldrodungen. Ein Gutachten zeigt, dass der Konzern die Kohle im kommenden Jahr gar nicht braucht. Die Kohlekommission will bis Ende des Jahres einen Plan für den Ausstieg aus diesem fossilen Brennstoff vorlegen. Es gibt keinen Grund, den Wald zu roden. Deshalb ist der Protest so stark

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