Studie: Radfahrende sind auf Deutschlands Straßen besonders gefährdet

Guter Rat: das Rad

Bessere Luft, weniger Stau, mehr Platz: Das Fahrrad kann viele Verkehrsprobleme lösen. Dafür aber müssen Radwege sicher und attraktiv werden, so eine Studie.

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Man muss das Rad nicht neu erfinden – aber besser behandeln! Das Fahrrad, das im vergangenen Jahr seinen 200. Geburtstag feierte, ist die entwaffnend einfache Antwort auf viele Probleme: auf Klimakrise, Verkehrssicherheit, schlechte Luft und Lebensqualität in Städten.

Radfahrende können Städte entlasten: von Lärm, Abgasen, Staus, Stress und Platzmangel. Knapp die Hälfte der mit dem Auto zurückgelegten innerstädtischen Strecken ist kürzer als fünf Kilometer; das ist mit dem Rad gut zu schaffen – oft sogar schneller. Immer mehr Menschen bevorzugen daher den Drahtesel; seit 2008 sind die mit dem Rad zurückgelegten Kilometer deutschlandweit um etwa ein Fünftel gestiegen. Und es könnten weit mehr sein. Hinderungsgrund für viele Menschen ist jedoch mangelnde Sicherheit. Die Statistik gibt ihnen leider recht: Pro Tag stirbt in Deutschland ein Radfahrer. Während die Zahl der Verkehrstoten insgesamt seit 2010 um 13 Prozent zurückgegangen ist, bleibt sie bei Radfahrenden nahezu konstant. Die Anzahl der Verletzten ist unter Radfahrenden überdurchschnittlich gestiegen.

„Zeit, die Straßen wieder zu demokratisieren“

Eine Greenpeace-Kurzexpertise beschäftigt sich daher mit der Frage, wie Städte den Radverkehr sicherer und attraktiver gestalten können. Nach Ansicht des dänischen Stadtplaners Mikale Coville-Andersen bleiben sie damit weit hinter ihren Möglichkeiten zurück. „Deutsche Städte können diese Veränderungen nicht weiter in schleppendem Tempo umsetzen“, schreibt der dänische Fahrrad-Advokat im Vorwort. „Sie müssen rasch die Lebensqualität ihrer Bürger verbessern und der Welt zeigen, was möglich ist. Es wird Zeit, die Straßen wieder zu demokratisieren und den Raum neu aufzuteilen: weg von Automobilen und hin zu intelligenten Transportmitteln.“ Etwa dem Rad.

Dazu schlägt die Studie vor, Fahr- oder Parkstreifen in Radwege umzuwidmen. Nicht etwa, indem weiße Streifen die Fahrbereiche der Verkehrsteilnehmer trennen, sondern durch bauliche Maßnahmen. „Es muss ja nicht gleich eine Baumreihe sein“, beruhigt Marion Tiemann, Expertin für Mobilität bei Greenpeace. „In einem ersten, schnellen Schritt reichen auch Poller oder Blumenkübel.“ Sie sollen verhindern, dass Autos auf Radwegen parken oder Radfahrende die Autotür vor den Lenker geknallt bekommen. Breite Radwege sorgen für zügiges und sicheres Vorankommen: Bequemes Überholen von Rädern mit Anhängern ist dann ebenso wenig ein Problem wie das mitunter ungelenke Fahren von Kindern, die noch nicht ganz sattelfest sind.

Grafik zeigt sicheren, baulich vom Autoverkehr getrennten Radweg und einen nur farblich abgetrennten Radweg

Besonderes Augenmerk legen die Autoren auf die Umgestaltung von Kreuzungen. Dort ereignen sich die meisten Unfälle, weil Rechtsabbieger – bei weitem nicht nur Lkw-Fahrer – Räder übersehen. Ein um einige Meter eingerückter, durch Verkehrsinseln abgetrennter Weg, wie in den Niederlanden üblich, könnte Radfahrende deutlich sicherer über die Straßenkreuzung führen.

Zu wenig für sicheren Radverkehr

Welche Effekte solche Maßnahmen haben, zeigt ebenfalls ein Blick über die Landesgrenze. Kopenhagen und Amsterdam investieren seit vielen Jahren in den Radverkehr: Pro Einwohner und Jahr waren es zuletzt 36 beziehungsweise 11 Euro. Mit Erfolg: Der Anteil des Radverkehrs ist in Kopenhagen auf 29 und in Amsterdam auf 32 Prozent gestiegen. Das Unfallrisiko liegt deutlich unter dem in deutschen Städten. Überhaupt stehen die größten Städte hierzulande mit Ausgaben von maximal fünf Euro und einem Radanteil von höchstens 17 Prozent vergleichsweise kläglich da.

Radverkehr Anteil  in Prozent Ausgaben pro Einwohner und Jahr in Euro
Stuttgart 5 5
Berlin 15 4,7
Frankfurt 13 4,3
Köln 15 2,8
Hamburg 15 2,9
München 17 2,3
Amsterdam 32 11
Kopenhagen 29 35,6

„Die deutsche Verkehrspolitik ist finanziell und planerisch auf das Auto ausgerichtet“, kritisiert Tiemann. „Deutlich wird das beispielsweise in Berlin: Dem Autoverkehr stehen fast 60 Prozent der Straßenflächen zur Verfügung, den Radfahrenden gerade einmal drei Prozent.“ Das Konzept der autogerechten Stadt stammt aus dem vergangenen Jahrhundert und versprach den Bürgern in den 50er Jahren Freiheit. Statt einer Million Pkw im Jahr 1953 rollen nun aber mehr als 46 Millionen über Deutschlands Straßen – im Stau keine Spur von Freiheit.

Straßenverhältnisse ändern, Klima schützen

Doch immer mehr Menschen fordern die Stadt zurück und wollen die Verhältnisse auf den Straßen ändern. Erfolg hatten Bürger in Berlin mit einem Radentscheid: Jüngst verabschiedete die Stadt ein Mobilitätsgesetz, das einen umfassende Ausbau der Radinfrastruktur vorsieht.

Tiemann fordert für den Umbau auch Bundesmittel einzusetzen. Bislang steckt die Bundesregierung gerade einmal 130 Millionen Euro des insgesamt fast 28 Milliarden Euro schweren Verkehrsbudgets in den Radverkehr; das sind lediglich 0,5 Prozent. Dabei soll der Verkehr gemäß Pariser Klimaabkommen bis 2050 emissionsfrei, als Etappenziel bis 2030 um 40 Prozent gegenüber dem Jahr 1990 gesenkt sein. Faktisch jedoch steigt der CO2-Ausstoß des Verkehrs seit 2012 und liegt zuletzt sogar wieder über dem Niveau von 1990.

Jeder Kilometer, der mit Rad statt Auto gefahren wird, spart etwa 150 Gramm klimaschädliches CO2 und 0,2 Gramm gesundheitsschädliche Stickoxide. „Wer das Klima schützen und für saubere Luft in Städten sorgen will, muss den Radverkehr stärken“, so Tiemann. „Und das rasch!“ Also: rauf auf‘s Rad!

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