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Windscale/Sellafield 1957: Um Haaresbreite am Inferno vorbei

Am 10. Oktober 1957 schrammt Großbritannien haarscharf an einer atomaren Katastrophe vorbei. Ein verheerender Reaktorbrand in der Atomanlage Windscale an der Irischen See wird nur durch Glück noch gelöscht. Über Teile Nordeuropas treibt eine radioaktive Wolke hinweg. Die britische Regierung verordnet Geheimhaltung. Etliche Jahre, Skandale und Medienberichte später wird der Komplex umbenannt. Seitdem heißt er Sellafield.

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Die Geschichte des Atomkomplexes Windscale/Sellafield beginnt in den Vierzigerjahren, nach dem Zweiten Weltkrieg. Das atomare Wettrüsten hat begonnen. Auch Großbritannien will die Atombombe. Auf dem Gelände einer früheren Munitionsfabrik in der Nähe des Dorfes Windscale wird der erste britische Reaktor zur Erzeugung von waffenfähigem Plutonium gebaut. Radioaktiv verseuchtes Abwasser wird direkt in die Irische See entsorgt.

Zehn Tonnen Uran in Flammen

Der Reaktor von Windscale hat einen schweren Mangel: Er speichert im laufenden Betrieb unerwünschte Energie, die etwa einmal im Jahr kontrolliert abgegeben werden muss. Die Anlage wird dann zum Abkühlen heruntergefahren, die überschüssige Energie zum Wiederhochfahren genutzt und so abgebaut.

Am 7. Oktober 1957 ist es wieder so weit. Drei Tage sind für den Vorgang eingeplant. Doch diesmal gerät der Reaktor außer Kontrolle - die Windscale-Mannschaft ist ratlos, macht Fehler. Am 10. Oktober stehen im Reaktorkern zehn Tonnen Uran und ein 2.000-Tonnen-Block Graphit in Flammen. Eine radioaktive Wolke steigt aus dem Schornstein auf.

Als die Männer das Ausmaß des Brandes erkennen, ist es schon fast zu spät. Das Feuer im Innersten des Meilers zu bekämpfen, erweist sich als nahezu unmöglich. Ein Versuch mit flüssigem CO2 scheitert. Schließlich bleibt nur noch eine äußerst gefährliche Option: Wasser. Ob damit das Feuer gelöscht wird oder eine Wasserstoffexplosion den Reaktor in die Luft sprengt, ist völlig offen.

Die Menschen in Großbritannien, aber auch im übrigen Nordwesteuropa, kommen an diesem 10. Oktober noch einmal davon. Sie ahnen nicht einmal, welcher Katastrophe sie entgangen sind. Mehr als 30 Jahre lang vertuschen britische Regierungen das wahre Ausmaß des Desasters. Der zerstörte Plutonium-Reaktor wird abgeschaltet, am Rückbau noch heute gearbeitet.

Wie viele Menschen durch die radioaktive Wolke an Krebs erkrankt sind oder noch erkranken werden, weiß niemand so genau. Rechnerisch ermittelt wurden zunächst 100 Krebsfälle, dann war die Rede von rund 200. Eine neue Studie britischer Forscher sagt, dass die Zahl weitaus höher sein dürfte. Spuren des radioaktiven Fallout wurden in etlichen europäischen Ländern an Nord- und Ostsee gemessen. Doch der weitaus größte Teil ging über Großbritannien nieder.

Sellafield heute: Plutonium überall

Bis heute leitet Sellafield radioaktiv verseuchte Abwässer in die Irische See ein - Millionen Liter Tag für Tag. Menschen und Natur um die Anlage herum sind verseucht. Der Boden weist radioaktive Werte auf, die denen in der 30-Kilometer-Zone von Tschernobyl vergleichbar sind. Das zeigen Bodenproben, die Greenpeace 1998 in der Umgebung genommen hat.

Das britische Gesundheitsministerium ließ 1997 eine Studie mit 3.300 britischen und irischen Jugendlichen durchführen. In ihren Zähnen fanden sich Spuren von Plutonium und Strontium. Plutonium wurde auch in Staubsaugern von Haushalten in der Region gefunden. Kinder und Jugendliche aus Sellafield erkranken zehnmal häufiger an Leukämie als im Landesdurchschnitt.

In Deutschland ist vor allem die Wiederaufarbeitungsanlage THORP im Komplex Sellafield ein Begriff. Dorthin sind jahrzehntelang auch abgebrannte Brennstäbe aus deutschen Atomkraftwerken geliefert worden. Aus einem defekten Rohr dieser THORP-Anlage liefen von 2004 bis 2005 insgesamt rund 83.000 Tonnen hochradioaktiver Säure in eine verschlossene Betonlagerstätte aus. Neun Monate lang bemerkte niemand das Leck - bis zum April 2005.

Wieder vertuschte die Regierung das Ausmaß des Unfalls - aus taktischen Gründen. Großbritannien befand sich mitten im Wahlkampf. Schon im Februar hatte Sellafield für Unannehmlichkeiten gesorgt, weil 30 Kilogramm Plutonium als verschwunden gemeldet wurden. Das reicht für sieben bis acht Atombomben. Und es war nicht der erste Schwund.

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