Skip to main content
Jetzt spenden
Arbeitsplattform mit Kran über einem Abflussrohr der Wiederaufbereitungsanlage Cogema bei La Hague, Mai 1999
© Pierre Gleizes / Greenpeace

Wiederaufarbeitung: Die wichtigsten Fakten

Archiviert | Inhalt wird nicht mehr aktualisiert

Der Name Wiederaufarbeitung ist allerdings irreführend: Es findet fast kein Recycling von verbrauchtem Kernbrennstoff statt. Lediglich wenige Prozent des ursprünglichen Atommülls werden in neuen Brennstäben wieder verwendet, und das auch nur widerwillig seitens der Betreiber der Atomkraftwerke. Teile des Atommülls gelangen über die Abluft bzw. die Abwässer der Atommüllfabriken in die Umwelt. Der Rest des radioaktiven Mülls muss zwischengelagert werden, bis ein Endlager zur Verfügung steht.

Die Bezeichnung Wiederaufarbeitung stammt aus den Zeiten, als man noch hoffte, das in großen Mengen abgetrennte Plutonium als Brennstoff für sogenannte Brutreaktoren (Schneller Brüter) verwenden zu können. Brutreaktoren sind jedoch technisch gescheitert und in Deutschland nie in Betrieb gegangen.

    Die beiden Wiederaufarbeitungsanlagen in La Hague und Sellafield    Die Wiederaufarbeitung von Atommüll    Die Folgen der so genannten Wiederaufarbeitung

Die beiden Wiederaufarbeitungsanlagen in La Hague und Sellafield

In Westeuropa sind derzeit zwei kommerzielle Wiederaufarbeitungsanlagen in Betrieb: Am französischen Standort La Hague (in der Nähe von Cherbourg/Normandie) betreibt die staatliche Cogema (Compagnie Générale des Matières Nucléaires) die zwei Wiederaufarbeitungsanlagen UP 2 und UP 3 (UP bedeutet Usine Plutonium, übersetzt: Plutoniumfabrik). UP 3 ist ausschließlich für ausländische Kunden bestimmt und wurde nur aufgrund der Vorfinanzierung durch deutsche und japanische Kunden gebaut. Mit Abstand größter Kunde sind die deutschen Atomkraftwerksbetreiber.

Im englischen Atomkomplex Sellafield in Cumbrien an der Irischen See betreibt die britische Atomfirma BNFL (British Nuclear Fuels plc) die Wiederaufarbeitungsanlage THORP, die im Jahre 1994 in Betrieb ging. THORP ist in erster Linie für die Aufarbeitung von ausländischem Atommüll bestimmt. Zu den wichtigsten Kunden zählen die deutschen Atomkraftwerksbetreiber.

Die Wiederaufarbeitung von Atommüll

Bei der Wiederaufarbeitung abgebrannter Brennelemente werden in einem chemischen Verfahren Plutonium und Uran aus abgebrannten Brennelementen abgetrennt. Dabei wendet man heute das so genannte Purex-Verfahren an. Hierzu werden die Brennelemente in etwa 5 Zentimeter lange Stücke zersägt und ihr Inhalt in siedender Salpetersäure aufgelöst. Dabei entstehen Uranylnitrat, Plutonium-IV-Nitrat sowie die Nitrate der hochradioaktiven Spaltprodukte.

Aus den abgebrannten Brennelementen fallen nach dem Wiederaufarbeitungsprozess unter anderem folgende Produkte an:

Plutonium:

Während des Spaltprozesses in einem Atomreaktor wandelt sich rund ein Prozent des Kernbrennstoffs in Plutonium um. Bei Plutonium handelt es sich um atomwaffenfähiges Material. Rund fünf Kilogramm reichen aus, um eine Atombombe zu bauen. Mit einem kleinen Teil des gewonnenen Plutoniums werden so genannte Mischoxid-Brennelemente (MOX) produziert, die in einem normalen Atomkraftwerk als Brennstoff eingesetzt werden können.

Wiederaufgearbeitetes Uran (WAU:

Das WAU enthält einige Uran-Isotope (zum Beispiel U-232), die höhere Strahlenschutzanforderungen an die Verarbeitung stellen. Da im Vergleich zu frischem Uran das WAU ziemlich unrein ist und sein Einsatz mit höheren Kosten einhergeht, liegt ein Großteil des WAU bei den Wiederaufarbeitungsanlagen nach wie vor auf Halde.

Hochradioaktive Spaltprodukte:

Die hochradioaktive Lösung der Spaltprodukte wird in Edelstahltanks gelagert und muss permanent gekühlt werden. Nach einer Abklingzeit von mehreren Jahren werden die Spaltprodukte mit Glas verschmolzen und in Stahlbehälter gegossen (so genannte Glaskokillen). Die Verglasung der Spaltprodukte wird bisher nur in La Hague praktiziert.

Ableitungen in die Umwelt:

Um sich die Kosten für die Entsorgung der leichtradioaktiven Abfälle zu sparen, wird ein Großteil dieses Mülls über Abwasserrohre ins Meer gepumpt (La Hague: Ärmelkanal; Sellafield: Irische See). Flüchtige radioaktive Gase wie beispielsweise Krypton 85 gelangen über die Schornsteine der Atommüllfabriken in die Atmosphäre.

Nach dem Wiederaufarbeitungsprozess müssen rund 98 bis 99 Prozent des gesamten radioaktiven Inventars der behandelten abgebrannten Brennelemente von den Kunden zurückgenommen werden. Die restlichen ein bis zwei Prozent stecken in den abgetrennten Stoffen Plutonium sowie Uran oder gelangen über die Abwasserrohre und die Kamine in die Umwelt. In der Summe wird das Volumen der Abfälle nicht reduziert, sondern vergrößert.

Die Folgen der so genannten Wiederaufarbeitung

Über 90 Prozent der radioaktiven Einleitungen in den Nordostatlantik stammen aus den Wiederaufarbeitungsanlagen La Hague und Sellafield. Beide Atommüllfabriken pumpen jeden Tag zusammen rund zehn Millionen Liter radioaktive Abwässer in den Ärmelkanal und die Irische See. Über die Meeresströmungen verteilt sich die strahlende Last bis in die Deutsche Bucht und die Ostsee. Wissenschaftler wiesen die Strahlung sogar in der kanadischen Arktis und vor der Küste Sibiriens nach.

Messungen durch Greenpeace an den Abwasserrohren der Wiederaufarbeitungsanlagen in den letzten vier Jahren sowie Studien namhafter Wissenschaftler brachten erschreckende Ergebnisse:

  • Der Meeresboden rund um die Rohre enthält so viel Plutonium, dass die entnommenen Bodenproben nach deutschem Recht als Kernbrennstoff einzustufen sind.
  • Die Verseuchung von Meerestieren wie Krebsen, Muscheln und Fischen ist vergleichbar mit der Kontamination nach nuklearen Großunfällen.
  • Ein Vergleich von Bodenproben belegt, dass die Umgebung um die Wiederaufarbeitungsanlage Sellafield vergleichbar stark radioaktiv belastet ist wie die 30 Kilometer-Sperrzone um den Katastrophenreaktor von Tschernobyl.
  • In der Umgebung von Sellafield liegt das Blutkrebsrisiko für Jugendliche bis zu zehnmal, in der Umgebung von La Hague dreimal höher als im Landesdurchschnitt.
  • Eine Untersuchung von über 3.300 Jugendlichen in Großbritannien und Irland wies Spuren von Plutonium und Strontium in ihren Zähnen nach.
  • Im Oktober 1999 veröffentlichten Wissenschaftler der Universität Newcastle in der englischen Fachzeitschrift Lancet eine Studie über den Zusammenhang der erhöhten Gefahr von Totgeburten und der radioaktiven Belastung von Vätern, die in der Wiederaufarbeitungsanlage Sellafield beschäftigt sind.

Risiko Atomkraft. Warum der Ausstieg aus der Atomkraft der einzig richtige Weg ist

Risiko Atomkraft. Warum der Ausstieg aus der Atomkraft der einzig richtige Weg ist

25 | DIN A4

3.05 MB

Herunterladen

Mehr zum Thema

Die vier Kühltürme des Atomkraftwerks Mochovce in der Slowakei

Falsches Grün

  • 04.11.2021

Kapern Atomenergie und Gas gerade den Green Deal der EU und machen ihn damit unbrauchbar? Ein geleaktes Paper aus Brüssel legt genau das nahe.

mehr erfahren
Expert:innen in Tschernobyl

Gefährliches Gestern

  • 25.04.2021

Die Katastrophe von Tschernobyl rückt in die Vergangenheit, ihre Folgen verschwinden aber nicht aus der Gegenwart. Sie sind eine Mahnung – auch an Atomkraftbefürworter:innen.

mehr erfahren
Dunkle Wolken über Fukushima

Gefährliche Mythen

  • 13.04.2021

Mit bewussten Fehleinschätzungen wird der Plan gerechtfertigt, Millionen Liter radioaktives Wasser aus Fukushima ins Meer abzulassen. Greenpeace entkräftet diese Halbwahrheiten.

mehr erfahren
Luftbild vom Atomkraftwerk Fukushima

Der ewige Denkzettel

  • 11.03.2021

Die Katastrophe ist nicht vorbei: Auch zehn Jahre nach dem Atomunfall in Fukushima leiden japanische Bürger:innen unter den Folgen – während die Regierung Normalität vorgaukelt.

mehr erfahren
Menschenkette zwischen den AKWs Brunsbüttel und Krümmel

Beim Ausstieg geschlampt

  • 05.03.2021

Der finanzielle Ausgleich für die Betreiber von Atomkraftwerken muss neu geregelt werden. Das ist im Sinne Vattenfalls und peinlich für die Bundesregierung.

mehr erfahren
AKW Gundremmingen

Nichts gelernt

  • 03.03.2021

Hat die Nuklearkatastrophe von Fukushima zu mehr Sicherheit in europäischen Atomkraftwerken geführt? Offenbar nicht: Ein aktueller Greenpeace-Bericht belegt die Versäumnisse.

mehr erfahren