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„Vollkommen verantwortungslos“

Die Strahlenwerte in Fukushima liegen weit über dem Grenzwert, die Menschen leiden noch immer unter der Katastrophe. Und Japans Regierung plant den Neustart zweier Reaktoren. 

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Vor über drei Jahren erlebte Japan seine bislang schlimmstes AKW-Unglück – und es dauert immer noch an. Bereits zehn Tage nach dem Unfall ging Greenpeace zum ersten Mal in das Katastrophengebiet, führte Messungen durch und sprach mit Betroffenen.

Als surreal und schockierend beschreibt Heinz Smital, Kernphysiker und Atomexperte bei Greenpeace, die aktuelle Situation in Fukushima. Denn in dieser Woche kehrte er mit einem Team zurück, um die Realität vor Ort zu dokumentieren und erneut Messungen durchzuführen.

Derweil plant die japanische Regierung mit einem Meiler in Sendai den nuklearen Neustart: Premier Abe und seine Minister tun so, als sei nie etwas passiert – eine Verhöhnung der Unglücksopfer von Fukushima.

Viel zu hohe Strahlungswerte

Für immer mehr Opfer wird das Zutrittsverbot für die betroffenen Regionen aufgehoben; sie sollen in ihre Dörfer zurückkehren. „Das ist vollkommen verantwortungslos“, sagt Smital. „Die aktuellen Strahlungswerte ergeben, dass die Belastung immer noch weit über dem Maximum liegt.“

Das Ziel der Dekontaminierung, die 2012 begann, sollte laut der Regierung bei einem Belastungswert von 20 Millisievert im Jahr liegen. Die Ergebnisse von Greenpeace zeigen: In allen betroffenen Dörfern sind die Werte sehr viel höher.

Riesige Mengen radioaktiven Abfalls

Tausende Arbeiter haben zehntausende Stunden die Dekontaminierungsversuche vorangetrieben, haben verseuchte Böden abgeschabt und Häuser gereinigt. Die Ergebnisse dieser Bemühungen sind überall zu sehen. Smital berichtet  von immensen Mengen radioaktiven Abfalls der in großen schwarzen Beuteln entlang der Straße lagert und darauf wartet, in Zwischenlager abtransportiert zu werden.

„Wir besuchten eines dieser Zwischenlager in Kawauchi“, erzählt Smital. „Es liegt in einer atemberaubend schönen Naturkulisse zwischen Wäldern und Bergen. Der erste Anblick lässt einen beinahe über die 200.000 schwarzen Beutel hinwegsehen, die dort abgedeckt mit grünen Planen liegen.“ Smital weiß: „Es gibt unzählige dieser Zwischenlager. Und niemand hat eine Ahnung, was am Ende mit dem radioaktiv verseuchten Material passieren soll.“

Zukunft mit Atomkraft

Der Erfolg der Dekontamination in der Region um Fukushima ist begrenzt. Die nukleare Krise scheint unlösbar. Dennoch plant die Regierung eine Zukunft mit Atomkraftwerken, anstatt sich um die Sicherheit ihrer Bevölkerung zu kümmern. Und das obwohl Japan seit einem Jahr problemlos ohne den Betrieb von Meilern auskommt.

Greenpeace präsentierte der Regierung von Kagoshima, der Region, in der das AKW Sendai ans Netz gehen soll, die Ergebnisse der Strahlenmessung. Nun muss der Gouverneur seinen Einfluss geltend machen, um den atomaren Neustart in Japan zu verhindern. Greenpeace fordert ihn und die Regierung auf, die Ergebnisse ernst zu nehmen, aus den Fehlern zu lernen und auf die Bevölkerung zu hören: kein Neustart der Sendai-Reaktoren, sondern eine Zukunft mit Erneuerbaren Energien.

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