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Schlimmer als angenommen - die Folgen der Atomkatastrophe

Radioaktive Strahlung macht nicht halt - und ist längst in weiter entfernten Gebieten zu messen: Grüner Tee aus einem großen Teeanbaugebiet - 370 Kilometer von der havarierten Atomanlage entfernt - war über Grenzwert mit Cäsium belastet. Erstmals wurde jetzt auch radioaktives Strontium im Grundwasser entdeckt. Immerhin soll eine Dekontaminierungsanlage das Problem mit den verstrahlten Wassermassen aus der Atomruine lösen. Doch die Arbeit vor Ort bleibt katastrophal.

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Am kommenden Freitag soll die Anlage in Betrieb genommen werden, die das hochradioaktiv verseuchte Wasser dekontaminieren soll. Das Wasser wird gefiltert und dann - so der Plan - erneut zur Kühlung eingesetzt. Uns ist nicht bekannt, wie diese Anlage funktionieren soll, sagt Christoph von Lieven, Strahlenexperte bei Greenpeace. Nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl ist unter großem Aufwand ebenfalls Wasser dekontaminiert worden. Die dann anfallenden hochradioaktiven Abfallstoffe müssen aber auch entsorgt werden. Und dafür gibt es kein Lager. Weltweit.

Man kann nur hoffen, dass es funktionieren wird, denn täglich fließen mehrere Tonnen Wasser in die Atomruine, um die Brennstäbe bzw. das, was davon noch übrig ist, zu kühlen. Die Anlage sowie die Auffangtanks sind voll damit. Durch Lecks entweicht das Wasser aber auch immer wieder. Es ist dringend notwendig, dieser kontaminierten Wassermassen Herr zu werden.

Unterdessen leisten die Arbeiter in Fukushima weiterhin Unfassbares. TEPCO gab nun bekannt, dass sechs weitere Arbeiter womöglich einer zu starken Strahlung ausgesetzt waren - erst kürzlich hatte der Konzern Verstrahlungen bei zwei Mitarbeitern bekannt gegeben. Alle waren im März bei Reparaturarbeiten in der Anlage eingesetzt. Japanische Behörden gaben bekannt, dass mindestens 90 weitere Arbeiter mehr als 100 Millisievert (mSV) Strahlung abbekommen haben und einige nahe am neuen Grenzwert von 250 mSv liegen. Die japanische Regierung hatte den Grenzwert nach der Katastrophe für die Beschäftigten in der Anlage von 100 auf 250 Millisievert pro Jahr hochgesetzt.

Gesund? War mal!

Erhöhte Strahlung wurde nun - drei Monate nach dem Unglück - auch in Gebieten gemessen, die Hunderte Kilometer entfernt liegen: Grüner Tee aus der größten Teeanbau-Provinz Shizuoka ethielt 679 Becquerel Cäsium pro Kilogramm. Der Grenzwert liegt bei 500 Becquerel. Grüner Tee ist auch in Deutschland wegen seiner positiven Wirkung auf die Gesundheit beliebt. Für näher am AKW Fukushima-Daiichi gelegene Anbaugebiete hatte die japanische Regierung bereits Auslieferungen von Grüntee gestoppt.

Beunruhigend ist, dass nahe der Atomruine erhöhte Strontiumwerte nun auch im Grundwassser gemessen wurden, so Lieven. Ich vermute, dass der radioaktive Stoff mit dem Wasser aus den Reaktoren gespült wurde und dann im Boden versickert ist. Strontium war bislang in Bodenproben gemessen worden. Erst jetzt kam heraus, dass auch weiter entfernte Gebiete betroffen sind: zum Beispiel die Stadt Fukushima, die 60 Kilometer vom AKW Fukushima-Daiichi entfernt liegt - und nicht evakuiert ist. Strontium - gerne auch Knochenkiller genannt - schädigt das Knochenmark, reichert sich in Knochen an und kann Blutkrebs (Leukämie) auslösen.

Dass diese Technologie zu gefährlich und nicht beherrschbar ist, sehen auch die Menschen in Japan: Tausende protestierten am vergangenen Samstag für die Energiewende. Angereist war auch Kumi Naidoo, Geschäftsführer von Greenpeace International. Er schloss sich dem Protest an.

Publikationen

Der Plan - Deutschland ist erneuerbar!

Der Plan ist das Greenpeace-Senario für einen kompletten Umstieg auf erneuerbare Energien. Deutschland ist erneuerbar, weil ein Ruck durchs Land geht, weil wir AKW abschalten, bereits 17 Prozent Erneuerbare Energien haben und damit international an der Spitze stehen, weil wir in 40 Jahren zu 100 Prozent unseren Strom aus Erneuerbaren Energien beziehen.

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Report: Unequal Impact

Menschenrechtsverletzungen bei Frauen und Kindern nach dem Atomunfall im Kraftwerk Fukushima Daiichi. Report in englischer Sprache.

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Von Fukushima in eine erneuerbare Zukunft

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