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Eule auf einem Baum in Schweden
Günter Lenhardt

Bedrohte Artenvielfalt

Die Klimakrise ist in vielen Köpfen angekommen. Doch eine weitere große Umweltkrise gelangt erst nach und nach ins Bewusstsein: wie bedroht Artenvielfalt und Natur wirklich sind.

An den Insekten zeigt sich besonders, dass sich etwas geändert hat. Insekten galten früher als etwas Lästiges. Etwas das in Massen vorkommt. Etwas, das mit Sicherheit nicht bedroht ist, vielleicht abgesehen von ein, zwei sehr speziellen Käferarten und Schmetterlingen, die aber viele Menschen nicht weiter interessiert haben. 

Seit das Bienensterben einer größeren Öffentlichkeit bekannt wurde, stimmt das so nicht mehr. Die Biene hat als einziges Insekt den Ruf, eindeutig nützlich und zudem durch Biene Maja auch sympathisch zu sein. 2017 belegte dann eine wissenschaftliche Langzeitstudie in der Fachzeitschrift Plos One, dass insgesamt die Masse der Insekten stark abnimmt. Und zwar breit über alle Arten hinweg. Manche Akteurinnen und Akteure reagierten erschrocken, andere zweifelten die Studie an, da sie nicht repräsentativ sei, doch es passierte: relativ wenig.

2019 schließlich folgte der Bericht des Weltbiodiversitätsrates, der insgesamt zur Artenvielfalt ein verheerendes Bild zeichnete: Eine Million Arten, diese gigantische Zahl waberte um die Welt, seien vom Aussterben bedroht, wenn die Menschen nichts unternähmen. Neben Insekten auch Säugetiere und Vögel, Meerestiere und Pflanzen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus 50 Ländern hatten drei Jahre lang intensiv geforscht, bis sie zu diesem Ergebnis gekommen waren - damit war es nicht mehr wegzudiskutieren.

Erstmals nahm dementsprechend eine breitere Öffentlichkeit wahr, dass Artensterben kein Problem mehr ist, was sich auf einzelne und zudem ferne Tierarten wie Tiger oder Nashörner beschränkt. Nein, Artensterben betrifft alle Weltregionen und eine erschreckend große Menge von Tier- und Pflanzenarten weltweit. Und bedroht sind auch nicht mehr nur Einzelarten, sondern ganze Ökosysteme. 

Artensterben und Klima

Grundsätzlich ist es natürlich, dass in der Erdgeschichte immer wieder Tier- und Pflanzenarten aussterben. Auch abgesehen vom Sterben der Dinosaurier war es immer wieder so, dass Tier- und Pflanzenarten vom Erdboden verschwanden. Dafür gab es unterschiedliche Anlässe, etwa natürliche Klimaschwankungen und Vulkanausbrüche. Doch durch den Einfluss des Menschen hat sich die Rate dramatisch erhöht und dürfte weiter steigen, wenn nichts geschieht. Zu der Klimakrise gesellt sich also eine zweite, gigantische menschengemachte Umweltkrise. Beide sind eng miteinander verbunden: Die weltweiten Klimaveränderungen machen es vielen Arten schwer und schwerer. 

Im Meer schreitet das Artensterben dabei deutlich schneller voran als an Land. Es leiden insbesondere Korallen und Muscheln, aber auch andere Meerestiere an den atmosphärischen Veränderungen. Einer der Gründe ist, dass mit dem wachsenden Anteil an Kohlendioxid im Wasser dessen PH-Wert steigt und die Säure Kalkskelette und -schalen angreift. Ein anderer die Erwärmung des Wassers: Meerestiere wie etwa manche Schildkröten- und Fischarten haben beispielsweise eine relativ enge Temperaturspanne haben, in der sie fruchtbar sind. Es gibt Arten, die wegen der Wärme ihren Standort verändern, andere sterben. In Binnengewässern breiten sich zudem bei Hitze sauerstoffarme Todeszonen aus, die für wandernde Fischarten unüberwindliche Barrieren darstellen können, so dass diese nicht mehr zu ihren Laichgewässern kommen.

Regenwälder wie im Amazonasbecken wiederum sind sogar als gesamtes Ökosystem bedroht und damit auch viele dort lebende Tier- und Pflanzenarten: Forscherinnen und Forscher schätzen, dass der Amazonas ab einem Temperaturanstieg von zwei bis drei Grad großflächig versteppen würde - verheerend für die Tier- und Pflanzenwelt vor Ort. Zudem würde er wiederum als Klimaschützer ausfallen, was den Temperaturanstieg stark beschleunigen würde. Der Amazonas ist dabei, wie andere Ökosysteme, von mehreren Seiten bedroht. Neben der Erderhitzung ist die Waldvernichtung durch Brandstiftung und Abholzung ein dramatisches Problem, was den Wald ebenfalls - und sogar noch schneller als die Klimakrise - in die Versteppung treiben kann.

Der Effekt für die Klimakrise wäre der Gleiche. Die Wissenschaft spricht hier von sogenannten Kipppunkten, ab denen selbstverstärkende Effekte eintreten. Die Gefahr selbstverstärkender Effekte gibt es nicht nur im Amazonas-Regenwald, sondern auch in anderen Ökosystemen, auch hierzulande. Moore beispielsweise sind, wenn sie gesund sind, wichtige CO2-Speicher. Trocknen sie durch die Klimaerhitzung aus, geben sie hingegen CO2 ab. Gleichzeitig geraten die dort angesiedelten Arten wie etwa Libellen in Gefahr. Auch in Europa, inzwischen sogar in Deutschland, häufen sich Dürren und Jahre mit starker Trockenheit, und schränken das Wachstum vieler Pflanzen stark ein. 

Die Folgen

Das Artensterben hat viele verschiedene Folgen, auch für die Menschen. Positiv ist keine davon. So ist es für unsere Ernährungssicherheit nicht nur wichtig, Bienen und andere bestäubende Insekten zu erhalten, sondern beispielsweise auch den Verlust an Nützlingen wie Regenwürmern zu beenden, die so dringend für die Bodenqualität gebraucht werden. So weit, so bekannt und besorgniserregend - doch bedrohlich ist auch, dass vermutlich viele Tier- und Pflanzenarten noch unbekannt sind. Ihre Rolle in Ökosystemen kann daher noch gar nicht eingeschätzt werden. Wir wissen noch viel zu wenig darüber, was passiert, wenn ein Baustein einer Nahrungskette wegfällt. 

Ein Beispiel zeigt, dass die Folgen längst nicht nur die direkten Mitglieder einer Nahrungskette betreffen. Als in den USA im Yellowstone-Park vormals ausgerottete Wölfe wiederangesiedelt wurden, hatte das positive Auswirkungen auf erstaunlich viele Arten, die mit Wölfen direkt gar nichts zu tun hatten. Beispielsweise wuchsen mehr Pappeln, weil sie seltener den nun dezimierten Rothirschen zum Opfer fielen. Was wiederum positive Auswirkungen auf die Vogelpopulationen hatte, die sich in Pappeln Nester bauen. Mit anderen Worten: Zuvor hatte die Ausrottung der angeblich so gefährlichen Wölfe das komplette Ökosystem beeinträchtigt.

Gleichzeitig bietet das Beispiel Hoffnung, denn mit entschlossenem Eingreifen kann Artensterben umgekehrt werden: Wenn die Nahrungskette wieder vollständig ist, können Ökosysteme sich erholen.

Die Politik muss handeln

Es gibt viele wirtschaftspolitische Irrwege, die zum Verlust von Biodiversität beitragen - doch positiv gesagt gibt es auch viele Maßnahmen, die wir ergreifen können, um das Artensterben zu stoppen. Der IPBES-Bericht von 2019 nannte beispielsweise ganz konkret den Abbau schädlicher Subventionen zugunsten einer ökologischeren Land- und Forstwirtschaft sowie Fischerei. 

Konkrete Maßnahmen, die helfen: Es dürfen beispielsweise nur so viele Fische gefangen werden, dass die Bestände dauerhaft gesichert werden. Es muss echte Meeresschutzgebiete geben, in denen die Natur sich selbst überlassen bleibt und sich regenerieren kann. In Wäldern muss weniger Holz geschlagen werden und sie müssen sich stärker selbst verjüngen dürfen, denn Totholz im Wald ist keineswegs Müll, sondern wichtig für die Artenvielfalt. Eine ökologische Landwirtschaft mit intelligenter Fruchtfolge und traditionellen Anbaumethoden kann auf chemische Pestizide verzichten, was den Tod von Millionen Insekten sowie in der Folge von Millionen Vögeln verhindern kann. Wir müssen den Flächenverbrauch eindämmen. Dazu braucht es politische Lösungen - aber auch jeder und jede Einzelne kann etwas tun. Eine Ernährung mit vielen pflanzlichen und wenig tierischen Lebensmitteln aus ökologischer Erzeugung verbraucht weniger Fläche und weniger Pestizide, erzeugt weniger CO2 und schützt daher direkt die Artenvielfalt. Ein bewusster Umgang mit Papier ist wiederum gut für die Wälder, weniger Konsum schützt oft auch Regionen in anderen Ländern vor Flächenverbrauch oder Flüsse vergiftenden Chemikalien. Noch ist es nicht zu spät.

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