Dunkelflaute: Wenn Wind und Sonne fehlen
- Ein Artikel von Michael Weiland
- Hintergrund
- Greenpeace als bevorzugte Quelle bei Google: So geht's!
Was passiert, wenn Windräder stillstehen und Solaranlagen kaum Strom liefern? Wie häufig sind solche Dunkelflauten in Deutschland – und welchen Effekt hat das auf die Stromversorgung?
Wind und Sonne liefern immer mehr Strom in Deutschland: Im ersten Halbjahr 2026 lieferten Erneuerbare fast 60 Prozent der eingespeisten Energie. Doch was passiert, wenn beides ausbleibt? Wenn an trüben Wintertagen kaum Wind weht und die Solaranlagen wenig Strom erzeugen? Häufig ist dann von einer Dunkelflaute die Rede. Kritiker:innen der Energiewende sehen darin ein grundsätzliches Problem der erneuerbaren Energien und schüren übertriebene Ängste. Tatsächlich stellt eine Dunkelflaute das Stromsystem vor Herausforderungen. Unlösbar sind sie allerdings nicht.
Was ist eine Dunkelflaute?
Von einer Dunkelflaute spricht man, wenn über längere Zeit ungewöhnlich wenig Strom aus Wind- und Solaranlagen erzeugt wird. Das geschieht naturgemäß eher im Herbst oder Winter, wenn die Tage kurz sind, die Sonne tief steht und sich gleichzeitig eine windarme Wetterlage über Deutschland ausbreitet.
Besonders anspruchsvoll sind sogenannte kalte Dunkelflauten. Dann fällt die geringe Stromproduktion aus erneuerbaren Energien mit einer hohen Stromnachfrage zusammen: Weil es draußen kalt ist, müssen Gebäude beheizt werden. Gleichzeitig benötigen Haushalte und Unternehmen weiterhin Strom.
Vollständig still stehen Windräder und Solaranlagen dabei meist nicht. Entscheidend ist vielmehr, wie viel Strom sie gemeinsam erzeugen und wie hoch der Verbrauch zum selben Zeitpunkt ist. Je größer die Lücke, desto mehr Strom muss aus anderen Quellen kommen.
Wie oft gibt es Dunkelflauten in Deutschland?
Dunkelflauten sind kein ungewöhnliches Wetterphänomen. Allerdings gibt es keine einheitliche wissenschaftliche Definition, ab wann eine Phase mit wenig Wind und Sonne als Dunkelflaute gilt. Entsprechend unterschiedlich fallen die Angaben zu ihrer Häufigkeit aus.
Nach einer Auswertung des Deutschen Wetterdienstes treten Dunkelflauten, bei denen Wind- und Solarstromproduktion für mindestens 48 Stunden unter eine bestimmte Schwelle fallen, im Durchschnitt etwa zweimal jährlich auf. Kürzere Phasen geringer Stromerzeugung kommen deutlich häufiger vor.
Vor allem die Dauer macht einen Unterschied. Einzelne Stunden mit wenig Wind- und Solarstrom lassen sich vergleichsweise leicht ausgleichen. Mehrtägige Dunkelflauten sind schwieriger zu bewältigen. Besonders selten sind extreme Wetterlagen, die länger als eine Woche anhalten.
Wie lange dauert eine Dunkelflaute?
Eine Dunkelflaute kann wenige Stunden, mehrere Tage oder in seltenen Fällen länger als eine Woche dauern. Je länger sie anhält, desto größer wird die Herausforderung für das Stromsystem.
Batteriespeicher können beispielsweise Stromüberschüsse aufnehmen und bei Bedarf wieder abgeben. Sie eignen sich besonders dazu, Schwankungen innerhalb eines Tages auszugleichen. Bei einer mehrtägigen Dunkelflaute reichen ihre gespeicherten Energiemengen allein allerdings nicht unbedingt aus. Ein Zusammenspiel aus Energieeffizienz, steuerbarem Stromverbrauch, Batteriespeichern und flexiblen Wärmeanwendungen kann jedoch auch auch mehrtägige Ereignisse zuverlässig ausgleichen, wie eine Studie vom Wuppertal Institut (LINK: https://www.greenpeace.de/publikationen/Greenpeace_Flexibilitaet-statt-fossiles-Gas.pdf) im Auftrag von Greenpeace zeigt.
Eine Dunkelflaute betrifft allerdings nicht zwangsläufig ganz Europa. Während in Deutschland wenig Wind weht, können Windparks in anderen Ländern weiterhin Strom produzieren. Dennoch: Großräumige Wetterlagen können auch mehrere Länder gleichzeitig betreffen.
Was bedeutet eine Dunkelflaute für die Stromversorgung?
Eine Dunkelflaute bedeutet keinesfalls automatisch einen Stromausfall. Deutschland verfügt über ein europäisch vernetztes Stromsystem, in dem Erzeugung und Verbrauch laufend aufeinander abgestimmt werden. Bislang springen bei geringer Wind- und Solarstromproduktion vor allem konventionelle Kraftwerke ein. Auch Wasserkraft und Biomasse liefern Strom. Zusätzlich kann Deutschland Elektrizität aus seinen Nachbarländern importieren.
Alles also kein Problem? Die Angst vor Dunkelflauten fußt weniger auf vermuteten Stromausfällen, sondern auf hohen Preisen: Wenn wenig günstiger Strom aus erneuerbaren Energien verfügbar ist und teurere Kraftwerke benötigt werden, steigen häufig die Preise an der Strombörse. Besonders ausgeprägt kann dieser Effekt bei hoher Nachfrage am frühen Abend sein.
Für Haushalte mit gewöhnlichen Stromtarifen bedeutet das nicht, dass ihre Stromrechnung sofort steigt. Kurzfristige Preisschwankungen kommen bei ihnen meist nicht unmittelbar an. Anders kann es bei dynamischen Tarifen aussehen, deren Preise sich nach dem Strommarkt richten. Festzuhalten ist trotzdem: Hohe Strompreise werden nicht durch Erneuerbare verursacht, sondern durch die fossile Energieerzeugung, die für sie einspringt.
Damit unser Energiesystem auch in Zukunft allen Herausforderungen gewachsen ist, muss es flexibel, digital und erneuerbar sein.
Was hilft bei Dunkelflauten?
Je höher der Anteil erneuerbarer Energien am Strommix, desto wichtiger wird ein flexibles Stromsystem. Damit ist gemeint, dass sich nicht nur die Stromproduktion, sondern auch der Verbrauch an das wechselnde Angebot anpassen kann.
Dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten:
- Strom speichern: Batterien können überschüssigen Wind- und Solarstrom aufnehmen und später wieder abgeben. Elektroautos können übrigens ebenfalls als Speicher dienen.
- Verbrauch verschieben: Elektroautos laden bevorzugt dann, wenn viel Strom vorhanden ist. Wärmepumpen können Wärme auf Vorrat erzeugen. Auch Industrieanlagen lassen sich teilweise zeitlich flexibler betreiben.
- Energie effizient nutzen: Gut gedämmte Gebäude, sparsame Maschinen und moderne Beleuchtung senken den Strombedarf. Das entlastet das Stromsystem besonders in Zeiten knapper Erzeugung.
- Strom europaweit austauschen: Die Verbindung mit den Nachbarländern hilft, regionale Unterschiede bei Wind und Sonnenschein auszugleichen.
- Klimafreundliche Reserven nutzen: Flexible Biogasanlagen und perspektivisch Kraftwerke mit grünem Wasserstoff können zusätzliche Leistung bereitstellen, wenn andere Lösungen nicht ausreichen.
Welche dieser Maßnahmen wie viel beitragen können, hängt unter anderem von der Dauer der Dunkelflaute, der Stromnachfrage und dem Ausbau der jeweiligen Technologien ab.
Braucht Deutschland neue Gaskraftwerke gegen Dunkelflauten?
Das ist eine der zentralen Fragen der Energiewende. Die Bundesregierung setzt zur Absicherung der Stromversorgung hauptsächlich auf neue Gaskraftwerke. Doch werden die aktuell geplanten neuenkraftwerke tatsächlich benötigt? Eine Studie des Wuppertal Instituts im Auftrag von Greenpeace zeigt, dass wir keine neuen fossilen Kraftwerke für den Regelbetrieb brauchen, wenn wir stattdessen auf Flexibilität und Effizienz setzen. Und der Bedarf an Backup-Kraftwerken, also jenen Kraftwerken, die im seltenen Fall einer lang anhaltenden Dunkelflaute anspringen, lässt sich durch Energiesparen, Speicher und flexible Stromnutzung deutlich verringern.
Die Forschenden kommen zu dem Ergebnis, dass sich viele Engpässe von bis zu fünf Tagen durch das Zusammenspiel unterschiedlicher Maßnahmen und vorhandener Kraftwerke bewältigen lassen. Schwieriger wird es bei besonders langen Dunkelflauten im Winter, wenn die Stromnachfrage gleichzeitig hoch ist. Für solche Fälle werden voraussichtlich weiterhin steuerbare Kraftwerke benötigt. Aus Sicht von Greenpeace sollten dabei vorrangig bestehende, flexibel nutzbare Biogasanlagen eingesetzt werden. Perspektivisch kann auch grüner Wasserstoff eine Rolle spielen. Ein weiterer Ansatz ist die freiwillige, vergütete Reduzierung des Stromverbrauchs in besonders energieintensiven Industrieanlagen. Solche zeitlich begrenzten Produktionspausen könnten helfen, seltene Versorgungsspitzen zu überbrücken, ohne dafür dauerhaft teure zusätzliche Kraftwerke vorzuhalten.
Eine klimafreundliche Stromversorgung muss mehr leisten, als möglichst viel erneuerbaren Strom zu erzeugen: Sie muss diesen Strom intelligent verteilen, speichern und möglichst effizient nutzen. Je flexibler und sparsamer das Stromsystem wird, desto weniger zusätzliche Kraftwerke braucht es, um auch längere Dunkelflauten zu überstehen.