Skip to main content
Jetzt spenden
Greenpeace-Aktion am Atommüll-Lager Morsleben am 17. August 1993
Sabine Vielmo / Greenpeace

Morsleben – das bröckelnde Endlager

Der Fall Morsleben ist, wie der Fall Asse, ein Lehrstück. Deutsche Politiker in Ost und West stellten die Interessen der Atomwirtschaft stets über das in ihrem Amtseid geleistete Versprechen, dem Wohle des Volkes zu dienen und Schaden von ihm abzuwenden . In beiden Fällen war ein Desaster absehbar und wurde trotzdem in Kauf genommen.

Morsleben ist schon rund 60 Jahre  Bergbaustandort, bevor es 1970 zum Atomendlager auserkoren wird. Der Salzstock ist vom Kali- und Steinsalzabbau durchlöchert wie ein Schweizer Käse. Bereits 1969 hatten DDR-Wissenschaftler deshalb Zweifel an der Sicherheit des alten Bergwerks geäußert: Die Grube sei trotz gegenwärtig geringer Zuflüsse einer großen hydrologischen Gefährdung ausgesetzt.  Bei der Überflutung des Grubengebäudes könne es durch Auflösung der Stützpfeiler zum Einsturz kommen.

Standsicherheit mangelhaft

Trotzdem erwerben 1970 die DDR-Atomkraftwerksbetreiber die Salzgrube. Ein Jahr darauf wird das „Endlager für radioaktive Abfälle Morsleben“ (ERAM) im Schacht Bartensleben in Betrieb genommen – „versuchsweise“. 500 Kubikmeter Atommüll werden eingelagert, ohne dass überhaupt mit dem Ausbau zum Endlager begonnen wurde. Im selben Jahr stellen Gutachter fest: Der zentrale Teil der Grube Bartensleben lässt wahrscheinlich keine ausreichende Standsicherheit erwarten. Auch in den Folgejahren melden die Experten immer wieder ihre Zweifel an. Doch wie beim Salzstock Asse II in Westdeutschland werden auch im Osten alle Bedenken beiseite gewischt. 1981 nimmt ERAM offiziell den Betrieb auf, zunächst befristet für fünf Jahre. Eine Genehmigung für den Dauerbetrieb lag nicht vor. Die kommt erst im April 1986 und gilt für schwach und mittel radioaktive Abfälle. Bis 1991 werden insgesamt 14.430 Kubikmeter strahlende Abfälle eingelagert.

Die DDR verschwindet – Morsleben bleibt

Nach der Wiedervereinigung übernimmt die Bundesregierung das Atommüllendlager. Nur für kurze Zeit wird Morsleben geschlossen. Dann sorgt die Bundesregierung dafür, dass wieder eingelagert wird - obwohl die geologischen Probleme bekannt sind. Aber für das einzige westdeutsche „Versuchsendlager“ für schwach und mittel radioaktiven Müll, die Schachtanlage Asse II, liefen die Einlagerungsgenehmigungen bereits Ende 1978 aus. Die deutsche Atomindustrie steht ohne Entsorgungsmöglichkeit da. Morsleben wird kurzerhand zum „Bundesendlager“. 1995 beantragen Greenpeace und Anwohner der Atommüllkippe den Widerruf - aus gutem Grund. Die Geologen Detlef Appel und Jürgen Kreusch sind 1993/94 zu dem Ergebnis gekommen: Der schlimmstmögliche Ereignisablauf beim Absaufen der Gruben führt zum Zusammenbruch des gesamten Grubengebäudes und der Freisetzung des radioaktiven Inventars in die Umwelt. Selbst die neue Betreiberin, die Deutsche Gesellschaft zum Bau und Betrieb von Endlagern (DBE), schließt ein Versagen der Stützen nicht aus. 

Merkels atomare Altlast

Trotzdem stellt die damalige Umweltministerin Angela Merkel (CDU) dem Atommülllager Morsleben 1997 einen Blankosicherheitsnachweis aus: Die Standsicherheit des Endlagers und der betroffenen Versturzkammern, aber auch der Hohlräume darüber und darunter, sei für die nächsten Jahrzehnte gegeben. Merkel erweitert - ohne Langzeitsicherheitsnachweis und ohne Planfeststellungsverfahren - die Einlagerung in Morsleben auf das Ostfeld, da das Westfeld voll ist. 1998 verlängert sie die Betriebsgenehmigung um weitere fünf Jahre bis zum 30. Juni 2005.Kurz darauf entscheidet das Oberverwaltungsgericht in Magdeburg über eine Klage von BUND, der Bürgerinitiative Morsleben und Greenpeace: Es stoppt die weitere Einlagerung in Morsleben. Nicht aus Sorge um die Menschen oder die Umwelt - aus rein formalen Gründen. Der Betrieb verstieß in zwei Punkten gegen die alte DDR-Genehmigung.Die zu diesem Zeitpunkt eingelagerte Müllmenge hat ein Volumen von rund 37.000 Kubikmetern feste Abfälle plus rund 7000 umschlossene Strahlenquellen. Sechzig Prozent davon stammen aus der Zeit nach der Wiedervereinigung.  Im Zentralteil stürzt im Jahr 2001 ein rund 5000 Tonnen schwerer Gesteinsbrocken von der Grubendecke, 2009 folgen kleinere Abbrüche, weitere drohen.  Mit Millionenaufwand  aus Steuergeldern [LINK: Die wahren Kosten der Atomkraft] verfüllt das Bundesamt für Strahlenschutz die Grube teilweise mit Salzbeton, die Kosten der Schließung werden in die Milliarden gehen. Morsleben soll damit soweit gesichert sein, dass in absehbarer Zeit keine Radioaktivität in die Umwelt austreten kann.Greenpeace und andere Umweltschutzorganisationen kritisieren allerdings diverse Schwachstellen des Stilllegungsplans. Weder ist Morsleben als Endlager geeignet. Noch ist genau klar, was an Atommüll dort eingelagert wurde. Die von der damaligen Umweltministerin Angela Merkel und ihrem Leiter der Abteilung Reaktorsicherheit Gerald Hennenhöfer vorangetriebene illegale Einlagerung von radioaktiven Abfällen darf über einen Stilllegungsplan nicht nachträglich legitimiert werden. Die Abfälle müssen herausgeholt und sicher endgelagert werden. Besonders problematisch gestalten sich die Teile des Atommülls, die ursprünglich nur zwischengelagert werden sollten.Im Jahr 2011 war ein Erörterungstermin, der Planfeststellungsbeschluss steht noch aus und wird nicht vor 2014 erwartet.

  • Bei einer Aktion vor dem Bundestag fordert Greenpeace die Stillegung von Morsleben, September 1993

    Aktion gegen Morsleben vor dem Bundestag

    Überspringe die Bildergalerie
  • Blockade aus Sandsäcken vor dem Atommüll-Endlager Morsleben, August 1994

    Sandsäcke vor Morsleben

    Überspringe die Bildergalerie
  • Protest mit Atommüll-Fässern mit Schwimmreifen bei dem Atommüll-Lager Morsleben, November 1997

    Einsturzgefahr in Morsleben

    Überspringe die Bildergalerie
  • 20 Greenpeace-Aktivisten legen das Atommüll-Endlager Morsleben still, November 1993

    Morsleben stillgelegt

    Überspringe die Bildergalerie
Ende der Gallerie

Jetzt mitmachen

Du willst Teil der Energiewende sein?

Menschen stellen die Energiewende dar - von der Atomkraft zur Windkraft 15.04.2011

Dann besuche in unserer Mitmach-Community Greenwire die Energiewende-Themengruppe und tausche dich mit Anderen aus, finde weitere Mitmachangebote und erfahre mehr über unsere Kampagnen.

Hier lang zur Themengruppe-Energiewende

Themengruppe auf

Menschen stellen die Energiewende dar - von der Atomkraft zur Windkraft 15.04.2011

Mehr zum Thema

Shut Down of Nuclear Power Plants: AKW Dinosaur in Berlin

Am Ende der Atomkraft

  • 15.04.2023

Welche Wirkung die Gnadenfrist für deutsche Atomkraftwerke hatte, zeigt eine Studie im Auftrag von Greenpeace und Green Planet Energy: kaum eine. Der Abschied von der Atomkraft fällt leicht.

mehr erfahren
Last Resistance Party in Gorleben, Germany

Adieu, Atomkraft

  • 14.04.2023

Nach Jahrzehnten des Protestes steigt Deutschland endlich aus der Atomkraft aus. Roland Hipp, geschäftsführender Vorstand von Greenpeace Deutschland, blickt zurück - und mit Freude in die Zukunft.

mehr erfahren
Projection for Final Shutdown at Neckarwestheim NPP

Die Mär von der Renaissance der Atomkraft

  • 05.04.2023

Auch wenn vielerorts eine “Renaissance der Atomkraft” herbeigeredet wird, die Fakten sprechen dagegen: Atomenergie ist in Deutschland, im Rest Europas und weltweit auf dem absteigenden Ast.

mehr erfahren
Projektion zum Atomausstieg am AKW Isar 2

Atomkraftwerke abschalten

  • 03.04.2023

Atomkraft ist nicht nur riskant, sondern auch keine Lösung für die Energiekrise. Vor dem Jahrestag der Fukushima-Katastrophe fordern Greenpeace-Aktivist:innen, die deutschen AKW endlich abzuschalten.

mehr erfahren
"Shut Down"-Projektion am AKW Emsland

Atomausstiegsfest

  • 03.04.2023

Die Vorfreude steigt: Nach jahrzehntelangem Einsatz vieler mutiger Menschen steigt Deutschland endlich aus der Atomkraft aus. Diesen Erfolg wollen wir mit euch feiern. In München und Berlin!

mehr erfahren
Balloons on the 'Plein' at The Hague

Scheinlösung Kernfusion

  • 27.03.2023

Ein technologischer Meilenstein, aber kein Modell für die Zukunft: Warum der gelungene Versuch der Kernfusion nicht die Probleme der Gegenwart löst.

mehr erfahren