Skip to main content
Jetzt spenden
Tschernobyl, November 2016: Auf Schienen wird die neue Schutzhülle an die Atomruine heran- und darübergezogen.
© © dpa

Neue Schutzhülle für AKW-Ruine Tschernobyl heute am Ziel

Archiviert | Inhalt wird nicht mehr aktualisiert

Zentimeter für Zentimeter schiebt sich der Koloss voran, 31.000 Tonnen Stahl auf Schienen. Heute soll er sein Ziel erreichen: der neue Sarkophag für die Atomruine von Tschernobyl.

Silbern glänzt die Stahlhülle in der ukrainischen Wintersonne. Unwirklich fast - wie ein futuristisches Raumschiff inmitten sowjetischer Industrie-Ruinen. Die PR-Abteilung der Osteuropa-Bank (EBRD) hat ganze Arbeit geleistet. Die Bank, die den Bau der Schutzhülle koordiniert, hat die Ummantelung „Neue Sichere Sperre“ (New Safe Confinement) genannt. Ganz so, als könne man durch das Adjektiv „sicher“ etwas heraufbeschwören, das gerade in Tschernobyl undenkbar ist: Sicherheit.

1986 ereignete sich im sowjetischen AKW Tschernobyl die bisher schwerste Atomkatastrophe der Geschichte. Zehn Tage lange brannte der explodierte Atomreaktor. Er schleuderte radioaktive Partikel in die Luft, die sich über ganz Europa verteilen sollten. Nur wenige Tage später begann man hastig und improvisiert mit dem Bau einer Schutzhülle aus Stahlbeton, dem berühmt-berüchtigten Sarkophag. Hunderttausende Soldaten und Arbeiter  wurden dafür abkommandiert, viele Tausende erkrankten oder starben infolge der Strahlung. Das Provisorium, das auf 20 bis 30 Jahre ausgelegt war, ist alt und klapprig geworden, es droht einzustürzen. Heute wird die neue Schutzhülle in Position gebracht, die den alten Sarkophag von der Außenwelt abschirmen soll.

Kaum kleiner als die Cheops-Pyramide

Die neue Tschernobyl-Hülle ist das größte bewegbare Bauwerk der Menschheit. 260 Meter breit, 165 Meter lang und 110 Meter hoch, ist sie kaum kleiner als die Cheops-Pyramide. Die neue Hülle direkt über dem alten Sarkophag zu bauen, wäre noch gefährlicher gewesen als die Arbeiten ohnehin schon sind: wegen der Einsturzgefahr und, vor allem, wegen der Strahlung, der die Arbeiter ausgesetzt gewesen wären. So entstand die 31.000 Tonnen schwere Schutzhülle in 300 Meter Abstand zur Atomruine.

Seit Mitte November wird die neue Hülle auf Teflon-Schienen Schritt für Schritt, in 60-Zentimeter-Schüben, über den alten Sarkophag geschoben, angetrieben von 224 hydraulischen Winden. Ein großer Moment, wenn sie heute ihr Ziel erreicht. Doch damit sind die Arbeiten nicht beendet. Der eigentliche Abschluss erfolgt in etwa einem Jahr, wenn die Seitenwände mit den noch existierenden Strukturen des alten Reaktorgebäudes verbunden sind.

400.000 Kubikmeter radioaktiver Abfall

So viel Aufwand für etwas, was so lange zurückliegt? Muss das sein?  Die Tschernobyl-Katastrophe vor 30 Jahren, in einem Land, das längst nicht mehr existiert, mag uns wie ein fernes historisches Ereignis vorkommen. Doch wenn es um Atomkraft und Atommüll geht, müssen wir in ganz anderen Zeiträumen denken. Physikalisch betrachtet hat die Tschernobyl-Katastrophe  gerade erst begonnen. Während sich bei einer Halbwertszeit von etwa 30 Jahren die Kontamination durch Cäsium und Strontium gerade einmal halbiert hat, ist die Plutonium-Kontamination bei einer Halbwertszeit von 24.000 Jahren heute praktisch unverändert hoch. Und damit auch die Gefahr.

Unter dem maroden Sarkophag befinden sich 400.000 Kubikmeter radioaktiver Abfälle, die geborgen werden müssen, davon 40.000 Kubikmeter mit langlebigen radioaktiven Stoffen. Zum Vergleich: Die Menge des gesamten hochradioaktiven Atommülls aus 60 Jahren Nutzung der Atomkraft in Deutschland wird etwa 28.000 Kubikmeter betragen.

Einige Tonnen dieser Abfälle liegen in Form radioaktiven Staubs vor, der sich im Falle eines Zusammenbruchs des alten Sarkophags über Dutzende von Kilometern verteilen könnte. Diese tödliche Gefahr scheint mit dem heutigen Tage vorerst gebannt. Doch damit ist lediglich eines der ersten Kapitel abgeschlossen, der Schlusspunkt unter die Geschichte von Tschernobyl ist noch lange nicht gesetzt. Die Schutzhülle ist nur ein weiteres Provisorium, das den provisorischen ersten Sarkophag für die nächsten 100 Jahre ablösen soll.

Unter der Hülle eine Hölle

Weiterhin ist Eile geboten: Sollte der alte Sarkophag in den kommenden Jahren einstürzen, wäre zwar die Ausbreitung hochradioaktiven Staubs verhindert oder zumindest minimiert – doch Menschen könnten innerhalb der neuen Schutzhülle dann praktisch nicht mehr arbeiten. Der Rückbau und die Bergung des brennstoffhaltigen Atommülls würde noch erheblich gefährlicher und aufwendiger – und damit auch teurer. Mit ferngesteuerten Kränen an der Unterseite der neuen Schutzhülle soll deshalb in den kommenden ein bis zwei Jahren damit begonnen werden, zumindest die oberen Teile des alten Sarkophags zu demontieren.

Nach bisherigen Schätzungen wird die Schutzhülle etwa 1,8 Milliarden Euro gekostet haben. In den kommenden Jahrzehnten werden weitere drei bis fünf Milliarden Euro für die Bergung, Verpackung und Zwischenlagerung des Atommülls hinzukommen. Mindestens. Die Ukraine ist ein armes Land. Es ist ein seltenes Beispiel internationaler Solidarität, dass sich die G7-Staaten und weitere 36 Länder weltweit an der Finanzierung beteiligt haben, Deutschland mit insgesamt 300 Millionen Euro. Greenpeace fordert die internationale Gemeinschaft auf, die Ukraine auch weiterhin bei der Bewältigung der Tschernobyl-Folgen mit Know-how und finanziellen Mitteln zu unterstützen, um die Schäden zu begrenzen, die noch Generationen nach uns treffen werden.

30 Jahre nach der Nuklearen Katastrophe von Tschernobyl

Der alte Sarkophag von Tschernobyl ist einsturzgefährdet.

Mehr zum Thema

Projektion am AKW Grohnde: Für ein atomstromfreies Europa

Anti-Atomkraft-Appell an die Bundesregierung

  • 21.01.2022

Die EU will Energie aus Gas und Atomkraft als nachhaltig einstufen. Greenpeace und weitere Verbände fordern in einem gemeinsamen Appell von der Bundesregierung, dieses Vorhaben zu verhindern.

mehr erfahren
Die vier Kühltürme des Atomkraftwerks Mochovce in der Slowakei

Falsches Grün

  • 07.01.2022

Kapern Atomenergie und Gas gerade den Green Deal der EU und machen ihn damit unbrauchbar? Umweltschützende protestieren gegen den Plan, Risikotechnologien als nachhaltig zu verkaufen.

mehr erfahren
Expert:innen in Tschernobyl

Gefährliches Gestern

  • 25.04.2021

Die Katastrophe von Tschernobyl rückt in die Vergangenheit, ihre Folgen verschwinden aber nicht aus der Gegenwart. Sie sind eine Mahnung – auch an Atomkraftbefürworter:innen.

mehr erfahren
Dunkle Wolken über Fukushima

Gefährliche Mythen

  • 13.04.2021

Mit bewussten Fehleinschätzungen wird der Plan gerechtfertigt, Millionen Liter radioaktives Wasser aus Fukushima ins Meer abzulassen. Greenpeace entkräftet diese Halbwahrheiten.

mehr erfahren
Luftbild vom Atomkraftwerk Fukushima

Der ewige Denkzettel

  • 11.03.2021

Die Katastrophe ist nicht vorbei: Auch zehn Jahre nach dem Atomunfall in Fukushima leiden japanische Bürger:innen unter den Folgen – während die Regierung Normalität vorgaukelt.

mehr erfahren
AKW Gundremmingen

Nichts gelernt

  • 03.03.2021

Hat die Nuklearkatastrophe von Fukushima zu mehr Sicherheit in europäischen Atomkraftwerken geführt? Offenbar nicht: Ein aktueller Greenpeace-Bericht belegt die Versäumnisse.

mehr erfahren