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Dunkle Wolken über Fukushima
© Christian Åslund / Greenpeace

Kontaminiertes Wasser aus dem AKW Fukushima bedroht die Umwelt

Mit bewussten Fehleinschätzungen wird der Plan gerechtfertigt, Millionen Liter radioaktives Wasser aus Fukushima ins Meer abzulassen. Greenpeace entkräftet diese Halbwahrheiten.

Diese Entscheidung hat unabsehbare Folgen für die Umwelt: Die japanische Regierung hat heute beschlossen, mehr als eine Million Tonnen radioaktiv kontaminiertes Wasser aus dem havarierten Atomkraftwerk Fukushima verdünnt ins Meer abzulassen, im kommenden Jahr will sie damit beginnen. Ein Mythos, der zur Rechtfertigung des Vorgangs hervorgebracht wird, lautet: Dann seien die Lagerkapazitäten erschöpft; das behauptet zumindest die Betreiberfirma Tepco. Warum sich so eine gewaltige Menge strahlenbelastetes Wasser ansammelte, wie das mit einem Konstruktionsfehler der Anlage Fukushima Daiichi zusammenhängt und welche Fehler im Umgang mit der drohenden Krise geschehen sind, haben wir 2019 in einem Artikel erklärt.

Greenpeace Japan veröffentlichte im vergangenen Jahr einen Report, der belegt, dass in den vorausgangenen zwei Jahren diese bekannten Versäumnisse nach wie vor nicht ausgeräumt wurden. Machbare Alternativen zur schlechtesten Lösung, nämlich das radioaktive Wasser einfach ins Meer fließen zu lassen, wurden gar nicht erst in Betracht gezogen. Geplant ist, ab Ende 2022, Anfang 2023 das gespeicherte Wasser nach und nach abzulassen – in einem Projekt, das sich bis in die 2050er Jahre zöge. Dieses Vorhaben ist inakzeptabel und wird von der Bevölkerung, von Umwelt- und Fischereiverbänden sowie von Anrainerstaaten wie Südkorea und China kritisiert.

Drei Mythen, und wie sie entkräftet werden

Bei genauerer Betrachtung der speziellen Abwasserproblematik in Fukushima zeigt sich, wie von der japanischen Regierung und der Betreiberfirma Tepco Mythen und Fehlinformationen in die Welt gesetzt wurden, aus finanziellen und politischen Gründen. Die Regierung vermittelt dadurch den Eindruck, die Reaktorkatastrophe sei von beschränkter Dauer, und es gäbe gute Fortschritte bei der Bewältigung. Dabei gibt es keinerlei Fakten, die diesen Eindruck stützen: Es werden noch sehr viele Regierungen kommen und gehen, die radioaktiven Probleme aber bleiben. Geschickt wurde ein Mythos geschaffen, als gäbe es keine Alternative zur Einleitung. Dabei will man nur auf die billigste Variante zurückzugreifen und das Meer als Müllkippe missbrauchen.

  • Mythos 1: Ab 2022 gibt es keinen Platz mehr für weitere Wassertanks.

    Wahr ist: In Fukushima entstehen nach wie vor viele Zwischenlager für abgetragene kontaminierte Erde, die in vielen Millionen Säcken gelagert werden müssen. Genauso ließe sich auch Platz für weitere Wassertanks schaffen. Das haben Tepco und die japanischen Regierung bewusst verworfen, um eine Notlage zu suggerieren, die es nicht gibt.
     

  • Mythos 2: Das Wasser ist gereinigt und enthält nur mehr ungefährliches Tritium.

    Tatsächlich enthält das kontaminierte Wasser auch noch viele andere gefährliche Radionuklide wie Strontium-90, das sich im Knochen einlagert. Was an radioaktivem Strontium nun ins Meer gelangen soll, entspricht etwa der Menge, die ein Druckwasserreaktor im Normalbetrieb in 120.000 Betriebsjahren einleiten würde. 

    Dazu kommt das ungelöste Problem durch radioaktiven Kohlenstoff-14, einem Kohlenstoff-Isotop mit einer Halbwertszeit von 5730 Jahren, das sich vor allem  in lebenden Zellen anlagert. Die Wasseraufbereitungsanlage ALPS, die in Fukushima zum Einsatz kommt, ist gar nicht dafür ausgelegt, Kohlenstoff-14 herauszufiltern: in der Liste der 62 berücksichtigten Radionuklide ist es überhaupt nicht enthalten.

    Seit Jahren wissen Tepco und die japanische Regierung, dass die von ihnen gewählte Wasserreinigungs-Technologie ALPS (kurz für “Advanced Liquid Processing System”) nicht die beste Lösung war. Aus Kostengründen hat man auf eine amerikanische Technologie mit besseren Erfahrungswerten verzichtet. Erst im September 2018 hatte Tepco zugegeben, dass die Anlage nicht so funktioniert wie sie sollte, obwohl das schon 2013 festgestellt worden ist. Daher müssen 800.000 Tonnen noch einmal aufbereitet werden, allerdings mit zweifelhaften Erfolgsaussichten. 
     

  • Mythos 3: Mit dem Ablassen des Wassers ist das Problem gelöst.

    Tatsächlich fangen die Probleme hier erst an. Es wäre der Beginn einer nicht endenden, bewussten Wasserverschmutzung mit radioaktiven Substanzen – und das in einer Region, die sowieso schon stark belastet ist. Laut Regierungsplänen soll die Einleitung 2022 beginnen und bis Mitte der 2050er Jahre andauern. Doch selbst das wäre nicht das Ende der Geschichte. Die weitaus meiste Radioaktivität steckt nach wie vor in dem geschmolzenen Kernbrennstoff des havarierten Atomkraftwerks. Durch ihn wird Tag für Tag frisches Grundwasser hochradioaktiv verunreinigt – und weltweit existiert keine Technologie, die Kernschmelze zu bergen. 

    Zum Vergleich: Nach dem schweren Reaktorunglück in Tschernobyl wurde entschieden, um die Reaktorruine einen Sarkophag zu errichten, und zwar für die nächsten 100 Jahre. Die Lage in Fukushima mit drei Kernschmelzen und starken Grundwasserströmen ist noch wesentlich komplexer als die Situation in Tschernobyl und wird von Tepco und der japanischen Regierung nicht angemessen bewertet und kontrolliert.

Nach einer Reihe falscher Entscheidungen soll in Fukushima nun eine permanente Umweltbelastung mit unabsehbaren Folgen ihren Anfang nehmen – aus finanziellen und politischen Gründen, die mit Halbwahrheiten und bewussten Fehleinschätzungen gerechtfertigt werden. Der Pazifik soll zur Müllkippe werden. Dabei gibt es Alternativen. 

Dieser Text ist die bearbeitete Version eines Artikels vom 23.10.2020

Interview mit Heinz Smital zum Thema

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