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nuclear waste Iraq
© (c)2003 Greenpeace/P. Reynaers

Archiviert | Inhalt wird nicht mehr aktualisiert

Du hast beschrieben, wie herzlich Ihr von den Menschen empfangen worden seid, nachdem das nötige Vertrauen erst einmal hergestellt war. Gab es in der Öffentlichkeit nie den Vorwurf, Greenpeace kommt und mischt alles auf und verschwindet dann einfach wieder?

Nein, im Gegenteil. Erstens muss man sagen, dass es ja im Augenblick gar keine wirkliche Öffentlichkeit gibt. Es herrscht eine unglaubliche Anarchie. Es gibt keinen Strom, kein Wasser - oder jedenfalls nur unregelmäßig. Kein Telefon, kein Fernsehen, keine Polizei, keine Straßenverkehrsordnung, es gibt nichts. Der Müll stapelt sich seit Monaten, der Verkehr wird nicht geregelt. Du stehst manchmal eine Stunde lang auf der Kreuzung, weil alles verkeilt ist. Es gibt keine Verwaltung, keine Behörden.

Es herrscht der totale Egoismus. Es gibt nur Verbrechen, Schießereien, Diebstahl und Mord. Überall. Du kannst jemanden erschießen, und es gibt keinen, der dich dafür einsperrt. Die Amerikaner stehen daneben und schauen zu. Jetzt bildet sich langsam eine Öffentlichkeit: Arabische Sender, arabischer Rundfunk usw.. Seit ein paar Wochen sprießen auch die Zeitungen in Bagdad, 30, 40, 50 Blätter, viele Schülerzeitungen. Das ist die derzeitige Öffentlichkeit.

Daher kommt ein solcher Vorwurf an Greenpeace gar nicht auf. Im Gegenteil, man ist heilfroh, dass mal jemand kommt und konkret etwas unternimmt. Nicht nur redet und dokumentiert. Und die kleine Öffentlichkeit in Al-Tuwaitha begrüßt das und jubelt. Es gibt dort wohl ein Kommunikationssystem jenseits des Telefons. Denn alle, tausend und abertausend Leute, kennen uns mit Namen. Egal wo wir hinfuhren, alle wussten, wer wir sind.

Wie viele Menschen wohnen dort?

In der Region rund um das Atomgelände sind es 5.000 bis 10.000. Je nachdem, wie weit man das fasst.

Was müsste jetzt weiter gemacht werden?

In Europa und Amerika müsste massiv Lobbyarbeit betrieben werden. Alle sind jetzt gefragt: die Vereinten Nationen, Weltgesundheitsorganisation, Unicef. Rotes Kreuz, Roter Halbmond etc etc.. Besonders dringend, sofort, müsste die Internationale Atomenergiebehörde ein unbeschränktes Mandat erhalten. Und man müsste sich auch die anderen Atomanlagen im Irak anschauen.

Wie viele gibt es denn?

Neun. Al-Tuwaitha ist allerdings die größte. Die Menschen dort brauchen ein Spital. Sie können mit ihren Krankheiten nirgends hin. Nur in die weiter entfernten Krankenhäuser. Das ist natürlich ein wahnsinniger Aufwand für Menschen, die so arm sind. Sie leben von zwei US-Dollar im Monat. Es gibt keine Arbeit und alles liegt brach. Sie müssen ihre Möbel verkaufen und irgendwie versuchen, an Nahrung zu kommen. Und an Geld. Und dann noch diese Strahlenquellen überall.

Wir haben die Häuser in Al-Tuwaitha systematisch untersucht. Man muss dazu sagen, das sind keine Häuser wie unsere hier in Europa. Die Häuser sind aus Lehm beziehungsweise aus geplünderten Ziegeln errichtet, stehen einzeln, von einer Mauer umgeben, im freien Feld. Rundherum sieht es wie auf einer Müllhalde aus. Plastikzeug, Kannen, Dreck, kleine Kanäle mit stinkendem Wasser.

Einmal ist, als wir an ein solches Haus herangegangen sind, der Geigerzähler plötzlich massiv ausgeschlagen. Wir haben versucht in das Haus reinzugehen, aber dabei haben unsere Messgeräte völlig versagt. So stark hat es in dem Haus gestrahlt. 10.000fach erhöhte Strahlung. Das sind 50.000 counts per second (Impulse pro Sekunde). Das war der worst case (der schlimmste Fall), den wir uns vorstellen konnten. Wir haben dort eine Familie, die seit zwei Monaten mit einer extremen Strahlenquelle lebt.

Was macht man da ohne entsprechende Ausrüstung?

Wir wussten natürlich nicht, was es war, die Wände, die Schrauben, mit denen das Dach befestigt ist? Was ist es? Wir haben die Leute dann über die Gefahr aufgeklärt. Haben ihnen gesagt, dass das extrem gefährlich ist und zum Tod führen kann. Dann haben wir sie gebeten, sofort alles rauszuschmeißen, was aus der Atomanlage stammte. Und bei dieser Entrümpelungsaktion ist dann auch die Strahlenquelle rausgeflogen. Das Haus war wieder sauber.

Draußen haben wir das Objekt nach und nach lokalisiert. Es war ein faustgroßes schwarzes Stück Metall, eine industrielle Strahlenquelle. Diese haben wir dann weit von dem Haus entfernt gekennzeichnet. Anschließend haben wir die Amerikaner und die Presse geholt. Wir haben das Ding von den Amerikanern abholen lassen.

Die amerikanischen Soldaten haben das aber so russisch wegtransportiert wie das kein Russe getan hätte. Die haben das Objekt in einen kleinen Kübel gepackt, einen Blechkanister, wo früher vermutlich Speiseöl drin war. Diesen Eimer haben sie auf die Ladefläche ihres Jeeps gestellt und sich zu Acht rund um die Strahlenquelle gesetzt. So sind sie dann die rund 15 Minuten zur Atomanlage zurückgefahren.

Die Amerikaner sind so fortschrittsgläubig, auch die Journalisten vom CNN. Die sind mit ihren Kameras auf mehrere Zentimeter an die Strahlenquelle rangegangen und haben mit der Kamera direkt reingehalten. Wir haben sie gewarnt, mehrfach, es ist gefährlich. Es war Wahnsinn was sie dort machten. Und ganz unnötig.

Einer solchen Strahlendosis darf man sich nicht freiwillig aussetzen. Und schon gar nicht acht Leute. Mich hat das sehr gewundert. Aber wenn der Offizier sagt, ihr macht das jetzt so, und du warnst ihn vergeblich, dann ist es eben auch sein Geschäft.

Die Soldaten haben sich schwer in Gefahr gebracht. Okay, es waren 15 Minuten und die Familie war der Strahlung monatelang ausgesetzt. Sie haben statistisch gesehen hohe Chancen, krank zu werden oder Missbildungen zu bekommen.

Das ist ja nicht wie hier bei uns. Das strahlende Objekt liegt in einem Haus mit nur ein oder zwei Räumen. Da bist du der Strahlenquelle ständig ausgesetzt. Zum Glück sind industrielle Quellen leicht wegzuräumen. Anders ist es allerdings mit Uranoxidpulver. Wenn das weggeschüttet wird, wie hier geschehen, muss die Umgebung richtig dekontaminiert werden. Und dabei muss man mit Vollschutz die Erde abtragen.

Weiter geht es mit Teil 5 des Interviews. Wolfgang berichet darin über Sicherheit in Bagdad und Umgebung und über die Umstände, unter denen das Greenpeace-Team gearbeitet hat.

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