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Der Bialowieza Wald erstreckt sich an der polnisch-belarussischen Grenze
Greenpeace

Interview mit Dr. Torsten Welle, Leiter Wissenschaft und Forschung bei der Naturwald Akademie

Doppelt so viel CO2 wie bisher könnten die Wälder in der Europäischen Union (EU) Jahr für Jahr binden. Das wären 242,4 Millionen Tonnen zusätzlich. Um das zu erreichen, müsste ein Drittel weniger Holz eingeschlagen werden. Dr. Torsten Welle ist Leiter Wissenschaft und Forschung bei der Naturwald Akademie und hat zusammen mit seinem Team die Studie "Die Zukunft der Wälder in der Europäischen Union" erarbeitet.

Greenpeace: Dass wir Wälder schützen müssen, ist doch eigentlich klar. Wieso jetzt also eine Waldvision für Europas Wälder?

Dr. Torsten Welle: Die Wälder in Europa haben einerseits einen sehr geringen Holzvorrat und werden anderseits zu stark genutzt. Gerade jetzt wird in der EU diskutiert, sogar mehr Holz zur Energiegewinnung zu verbrennen. Im Rahmen des Green Deals wollen wir daher einen Lösungsweg aufzeigen, wie Europas Wälder einen wichtigen Beitrag für den Arten- und Klimaschutz leisten.

Greenpeace hat 2018 bereits eine Waldvision für deutsche Wälder veröffentlicht. Was ist an der Waldvision für europäische Wälder anders?

In Deutschland liegt ja nur ein kleiner Teil von Europas Wäldern. Wir wollten mit Greenpeace den Blick erweitern, was alle Wälder der EU zum Klimaschutz beitragen können. Die Waldvision für Deutschland 2018 wurde zusammen mit dem Ökoinstitut entwickelt. Die Ergebnisse basieren auf einer Modellierung der Biomasseproduktion, die die Nutzung und Zuwächse von Wäldern simuliert. In der nun entstandenen Europäischen Waldvision haben wir offizielle Zahlen der FAO, wie beispielsweise Zuwächse, Ernte oder Holzbrennstoffe, analysiert und zeigen anhand unterschiedlicher Szenarien auf, wie viel Holz und damit Kohlenstoff Wälder zusätzlich speichern können, ohne dass weniger langfristige Produkte erzeugt werden. Das Ergebnis zeigt, dass Wälder in der EU doppelt so viel Kohlendioxid speichern könnten, als es aktuell der Fall ist.

Wenn Wälder so viel mehr CO2 aufnehmen könnten, wieso müssen dann trotzdem die Emissionen weiter reduziert werden? Das hat doch gravierende wirtschaftliche Konsequenzen.

Wälder sind natürliche Kohlenstoffsenken. Wir sollten ihr Potenzial annehmen, aber sie können nicht alleine die Klimakrise aufhalten. Dazu sind wir als Menschheit gefordert. Durch unser tägliches Handeln müssen wir die Emissionen reduzieren. Dabei sind alle Sektoren gefragt. Aber reduzieren heißt nicht zwingend verzichten. So können Neuerungen bei Energieeffizienz oder Mobilität auch wirtschaftliche Chancen bieten.

Was waren die Vorgaben von Greenpeace?

Die Idee von Greenpeace ist es, die Holzernte schrittweise innerhalb von zehn Jahren, also bis 2030, auf 50 Prozent zurückzufahren. Diese Vision sieht eine gerechte Teilung der Zuwächse im Wald vor: Die eine Hälfte für den Wald, für die Arten und natürlich auch für den Klimaschutz, die andere Hälfte für die Menschen in Form von Holzprodukten. Wobei die Menschen auch von dem zusätzlichen Anteil für den Wald profitieren, nur wollen das einige nicht wahrhaben.

Gilt das für alle EU Länder, Waldtypen und Altersklassen? 

Das gilt nicht für alle EU-Länder. Manche Länder, wie Italien oder Griechenland ernten schon jetzt nur 48 Prozent ihres Zuwachses. Auf der anderen Seite steht beispielsweise Schweden, wo mehr geerntet wird, als nachwachsen kann. 

Zu den Waldtypen: Unsere Methodik unterscheidet zwischen Nadel- und Laubholz sowie langlebigen und kurzlebigen Holzprodukten. Beispiel Italien: Zwar nutzt das Land weniger als 50 Prozent des Zuwachses, allerdings sind davon knapp 90 Prozent Laubholz, das für Energieholz verwendet wird. Für den Klimaschutz ist das nicht sinnvoll. Uns schwebt keine Energieholznutzung, sondern nur eine Verwendung für langlebige Holzprodukte vor, so dass sich Laubwälder naturnäher entwickeln können.

Was sollte jetzt nach Veröffentlichung der Studie passieren? Was ist aus Ihrer Sicht der nächste Schritt für Politik, Wirtschaft, Verbraucherinnen und Verbraucher?

Unsere Ergebnisse zeigen, dass mehr Klimaschutz möglich ist. Dafür kann es hilfreich sein, die Recyclingraten für Papier zu erhöhen und die weniger Energieholz aus den Wäldern zu verbrennen. In Deutschland werden beispielsweise mehr als ein Drittel der jährlichen Holzernte zu Energieholz. Dies ist dreifach negativ für den Klimaschutz: Es erhöht die Emissionen in der Atmosphäre, verkleinert die Kohlenstoffsenke Wald und saugt Subventionen auf, die stattdessen für emissionsfreie Technologien oder Effizienz eingesetzt werden könnten.

Die Politik und auch die Bevölkerung müssen anerkennen, dass Holz kein klimaneutraler Brennstoff ist. Es dürfen beispielsweise keine Kohlekraftwerke mit Hilfe staatlicher Subventionen auf Holzverbrennung umgestellt werden. Auch eine Förderung von Pelletheizungen geht in die falsche Richtung. Eine Förderung von Wärmepumpen hat schon mehr Sinn. Holz muss verstärkt in mehreren Stufen genutzt werden, bis es dann am Ende zu Papier oder Pappe verarbeitet wird. Und schließlich können wir alle weniger Holz verbrennen, langlebige Holzprodukte bevorzugen und bei Papier ausschließlich auf Recyclingprodukte mit dem Blauen Engel zu setzen.

Wie gehen Sie selber mit der Nutzung von Papier, Taschentüchern und anderen Wegwerfprodukten aus Holz um? Was tun Sie, um den Wald zu schützen?

Ich verwende privat so wenig Papier wie möglich und kann sehr gut auf etwa Coffee-to-go-Pappbecher verzichten. Wo es nicht anders geht, kaufe ich Recyclingpapier-Produkte mit dem Blauen Engel. Die haben den höchsten Umweltstandard und sind besonders klimaschonend hergestellt. Vor zwei Jahren haben wir ein Haus aus Holz gebaut, hier ist der Kohlenstoff langlebig gebunden. Die Idee eines Holzofens habe ich aus genannten Gründen verworfen und mich für eine Erdwärmepumpe entschieden, die mit Ökostrom läuft. Und wenn wir mal online bestellen, sammeln wir die Pakete auf dem Dachboden und verwenden sie beispielsweise an Weihnachten für Geschenke weiter.

  • Buchenmischwald im Spessart

    Gäbe es wieder mehr naturnahe Wälder in Europa, wie hier im Spessart, wäre das hilfreich für Klimaschutz und Artenvielfalt

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  • Geschädigter Wald im Harz

    Fichtenplantagen wie hier im Harz sind kein guter Klimaschutz und auch nicht robust gegen Klimaschäden.

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