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Anton Beneslavsky, Greenpeace-Aktivist aus Russland
© Juila Petrenko

Greenpeace-Aktivist Anton Beneslavsky zu den Waldbränden in Sibirien

Seit Wochen wüten die Waldbrände in Russland. Wie es zu dieser ökologischen Katastrophe kommen konnte, erzählt  Anton Beneslavsky von Greenpeace Russland  im Interview.

Der Himmel über Sibirien ist grau. Dicke Rauchschwaden behindern die Sicht, das Haus des Nachbarn ist nur schwer zu erkennen. Obwohl die Brände in Sibirien derzeit wieder abflauen, kämpft Russland weiterhin mit den katastrophalen Auswirkungen des Klimawandels: 5,6 Millionen Hektar Wald stehen in Flammen ­­­­­­­­­­­– eine Fläche so groß wie die Schweiz. Bereits abgebrannt sind 15 Millionen Hektar; 2019 wird somit vermutlich das schlimmste Jahr für Russlands Wälder seit Beginn des Jahrhunderts. Trotz des zusätzlichen Löscheinsatzes von Militärflugzeugen und Hubschraubern ist die Lage kritisch: Vier Regionen haben bereits den Ausnahmezustand ausgerufen.

Die Folgen sind fatal: Giftiger Rauch bedroht die Gesundheit und das Leben der dortigen Bevölkerung; die Brände zerstören den Lebensraum der heimischen Tierwelt. Die Vernichtung der Wälder heizt den globalen Klimawandel weiter an: Durch die Brände gehen nicht nur wertvolle Kohlenstoffspeicher verloren, auch klimaschädliches CO2 wird in die Atmosphäre freigesetzt. Verlieren wir unsere Wälder, verlieren wir den Kampf gegen den Klimawandel.

Im Interview erklärt Greenpeace-Aktivist Anton Beneslavsky aus Moskau, wie sich die Brände durch den Klimawandel verstärkt haben, warum die russische Regierung sie hätte verhindern können ­– und was nun passieren muss, damit sich die Lage nicht verschlimmert. 

Greenpeace: Greenpeace ist vor Ort und versucht, die Bevölkerung zu schützen, stellt Feuerlöschausrüstung zur Verfügung und dokumentiert die Ereignisse. Wie ist die Situation? 

Anton Beneslavsky: Es ist frustrierend. Menschen schauen dabei zu, wie ihre Familien, ihre Verwandten mit gesundheitlichen Problemen kämpfen. Und es gibt nichts, was sie dagegen tun können. Natürlich fühlen sich die Bewohner in Regionen wie Krasnoyarsk alleine gelassen: Sie leiden unter den Auswirkungen der riesigen Wald- und Torfbrände und es gibt keine großflächige Brandbekämpfung. Diese ist den Verantwortlichen in Moskau zu teuer, sie sehen sie als “wirtschaftlich unzumutbar”. Versuchen Sie mal, jemandem, der gerade mit gesundheitlichen Problemen ringt, zu erklären, dass es wirtschaftlich unzumutbar ist, ihm zu helfen.

Warum konnten sich die Brände so ausbreiten?

Neun von zehn Bränden entstehen durch menschliches Handeln – das kann vom Wegwerfen eines Zigarettenstummels bis hin zu krimineller Brandstiftung reichen. Die russische Regierung teilt die Waldflächen des Landes in Zonen ein. 90 Prozent der Wälder, die derzeit in Flammen stehen, liegen in sogenannten „Kontrollzonen“: Bei Bränden, die in solchen Zonen auftreten, sind Regionalregierungen gesetzlich nicht dazu verpflichtet, einzugreifen, wenn keine lebensbedrohliche Gefahr besteht. In der Praxis bedeutet das, dass sie mit dem Löschen so lange warten können, bis das Feuer näher an Siedlungen heranrückt. So gerieten die Waldbrände, die vor vielen Wochen noch klein waren, außer Kontrolle. 

Die Brände hätten also verhindert werden können? 

Auf jeden Fall. Die ersten 45 Minuten eines Brandes bezeichnet man als "goldene Zeit" -- wenn man damit anfängt, ihn innerhalb dieses Zeitraumes zu löschen, kann er mit wenig Aufwand gestoppt werden. 

Die Brände in der Taiga entstehen jedes Jahr. Was ist dieses Mal anders?

Was sich geändert hat, ist das Klima: Die Brände sind intensiver und häufiger, weil es immer heißer und trockener wird. Zudem verschärft das Abholzen der Wälder die Situation: So entstehen immer mehr offene Flächen, auf denen sich das Feuer schneller ausbreiten kann. Das zerstört auch die Artenvielfalt, die ein Wald braucht, um sich zu regenerieren. Wenn die Taiga gesund wäre, würde sie nur einmal alle achtzig, neunzig Jahre brennen. 

Bisher kümmert sich die russische Regierung nur um neun Prozent der aktuellen Brände. Warum schafft der Forstdienst es nicht, die Brände rechtzeitig zu stoppen? 

Dem Kreml geht es nur um Geld. Während er behauptet, dass nicht genügend Staatsmittel für den Waldschutz da seien, fördert er die Ölindustrie mit unheimlich großen Summen. Das Forstpersonal verdient dadurch einen beschämend niedrigen Lohn ­– in einigen Fällen sind es weniger als 100 Euro pro Monat. Förster sind also unterfinanziert, viele junge Menschen entscheiden sich gegen diesen Beruf: Wie soll man auch damit seine Familie ernähren? 

Was fordert Greenpeace von der russischen Regierung, um die Situation in Sibirien zu verbessern und künftige Brände zu verhindern? 

Sie muss zusätzliche Kräfte zur Bekämpfung neuer Brände entsenden und der Bevölkerung helfen, sich vor giftigem Rauch zu schützen. Die „Kontrollzonen“ müssen deutlich verkleinert und das Budget für den Waldbrandschutz erhöhet werden. Einige dieser Forderungen hat die Regierung teilweise erfüllt, aber das reicht noch lange nicht aus. Deshalb müssen wir wachsam sein und sie weiterhin daran erinnern: Wenn sie jetzt nicht handelt, wird sich nächstes Jahr die Katastrophe wiederholen.

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