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Josef Settele
Sebastian Wiedling

Biodiversitätsforscher Josef Settele zur Corona-Politik

Vor Covid-19 haben Regierungen Warnungen der Wissenschaft überhört: Mit der Naturzerstörung wachsen Pandemie-Risiken. Jetzt müssen wir endlich langfristig denken.

Gastkommentar von Josef Settele, Biodiversitätsforscher und Mitglied im Sachverständigenrat für Umweltfragen der deutschen Bundesregierung:

Dieser Tage und Wochen schleppe ich ein merkwürdiges Gefühl mit mir herum. Zwar freue ich mich, wie viel Aufmerksamkeit die Wissenschaft gerade erfährt. Aber ich weiß auch, dass es wieder ganz anders sein wird, wenn wir die Pandemie in den Griff bekommen haben. Dann haben es Forscherinnen und Forscher wie eh und je schwer, an das Ohr der breiten Öffentlichkeit zu dringen. Die dringend notwendige Debatte über die Ursachen für das furchtbare Zusammenspiel aus Klimawandel, Artensterben und Pandemien landet wieder in interessierten Kreisen - und damit leider auch die Diskussion über die Konsequenzen aus dieser dreifach fatalen Entwicklung.    

Als ich im Sommer an meinem neuen Buch „Die Triple-Krise“ saß, las ich nach Jahren wieder eine zwischen 2008 und 2010 mit Kollegen wie dem Biologen Joachim Spangenberg verfasste Arbeit zu den Risiken des Artensterbens. Wir legten darin ein wissenschaftlich fundiertes Szenario für mögliche Pandemien inklusive der Folgen vor. Ich bin ehrlich erschrocken, wie nah wir in unseren Worst-Case-Aussagen der Realität von heute kamen. Die Vorhersage von damals enthielt zehntausende Tote, überfüllte Krankenhäuser, zur Isolation gezwungene Menschen und weitgehend zusammengebrochene Volkswirtschaften.  

Die vorhergesagte Katastrophe

Nun erlebt die Welt genau das: Ein Virus, das es vom Tier zum Menschen schaffte, bringt der Menschheit auf allen Kontinenten Tod, Schmerz und Trauer sowie schwere ökonomische und soziale Schäden. Glauben Sie, Joachim Spangenberg und mich hat damals irgendwer aus der Politik gefragt: Was können wir tun, damit sich Ihr schreckliches Szenario vermeiden lässt? Natürlich nicht. Keine einzige Regierung mit Zugang zum Internet kann behaupten, nichts von den Risiken einer von Viren ausgelösten Pandemie gewusst zu haben. Bill Gates appellierte im März 2015 auf einer Konferenz in Vancouver an die Staaten der Welt: „Wir müssen uns für eine Epidemie wappnen wie für einen Krieg." Geschehen ist nichts. Leider.

Ich wünschte mir das Gegenteil. Doch zeigt sich bereits, dass sich die Natur durch den Corona-Stillstand nicht nachhaltig genug erholt. Die Brände in Australien und die böswilligen Brandrodungen im Amazons belegen: Die vor allem vom Menschen ausgehende Zerstörung des blauen Planeten geht ungebremst weiter. Dabei haben die Amerikaner mit der Wahl von Joe Biden zum neuen Präsidenten neue Hoffnung geschaffen. Sie haben der Menschheit vier Jahre Zeit geschenkt, um die durch Klimawandel, Artensterben und Pandemien ausgelöste Triple-Krise einzudämmen. 

Der Preis unseres Konsums

Covid-19 ist längst nicht die erste tödliche Infektionskrankheit, die über ein Tier zum Menschen gelangte. Malaria, Aids, Ebola, MERS und SARS (Covid) und diverse Formen der Grippe sind ebenfalls Zoonosen. Die Pufferzonen zwischen Natur und Mensch verschwinden zunehmend, weil Wälder abgeholzt und die Areale in Weiden, Äcker und Plantagen verwandelt oder bebaut werden. Viren, die nur zwischen einzelnen Tierarten zirkulieren und so keinen Schaden anrichten, werden in diesen zerstörten Naturräumen die erstbeste Chance nutzen, Menschen zu befallen. Ich versuche, nicht daran zu denken, wie die nächste oder übernächste Pandemie aussehen wird – doch das gelingt mir kaum, denn ich befürchte: Covid-19 ist harmlos gegen das, was da noch auf uns zukommen kann. Das ist kein Alarmismus, sondern wissenschaftliche Logik.   

Ich hoffe es für die Menschheit, dass sich die Politik Gedanken macht, wie sie das Schlamassel bereinigen will, das sie über Jahrzehnte mit ihrem Mantra mitgeschaffen hat: Wachstum muss sein – und zwar um jeden Preis. Dabei müsste es heißen: Konsum hat seinen Preis. Und den werden wir alle zahlen, wenn wir uns nicht endlich neu ausrichten und weiter so tun, als wäre die Natur mit ihren Ressourcen ein Zauberfass, das sich von selbst auffüllt.

Die Vernachlässigung des Vorsorgeprinzips

Der Lockdown im Frühjahr und über die Feiertage und die ökonomischen Konsequenzen zeigen uns Deutschen, die wir in einem der reichsten Staaten leben, wie teuer die Vernachlässigung des Vorsorgeprinzips ist: Sie kostet etliche Milliarden Euro, verursacht Schulden ohne Ende und bringt soziale Verwerfungen sowie psychische Belastungen und Existenzängste mit sich. Bei der Zerstörung der Umwelt werden solche Folgen bislang überhaupt nicht bedacht – und bislang war die Offenheit für die Relevanz des Zusammenhangs von Klimawandel, Artensterben und Pandemien eher begrenzt. Noch immer negieren ihn Politikerinnen und Politiker, gar Regierungschefinnen und -chefs wichtiger Staaten, auch in Europa.

Deshalb lautet mein Appell: Wir müssen den Blick auf die Ursachen der Pandemie richten – und das nicht nur kurz, als wäre es eine lästige Pflichtübung. Es zeigt sich immer wieder, dass wir Menschen viel zu schnell Dinge vergessen, sobald das Alltagsproblem gelöst ist. Der Kampf gegen die Zerstörung der Natur muss Teil einer mittel- und langfristigen Strategie sein, um die Gefahren der Triple-Krise zu bannen. Es ist niemandem damit geholfen, immer nur an das nächste oder maximal übernächste Jahr zu denken. Es geht um die kommenden Jahrzehnte. Viele der eben beschriebenen Kosten wären vermeidbar, wenn die Menschheit endlich begreifen würde: Umweltschutz ist Gesundheitsschutz. Gehen wir es an. Und zwar jetzt!

Josef Settele ist Professor am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Halle, Co-Vorsitzender des Weltberichts zum ökologischen Zustand der Erde (IPBES) und "Umweltweiser" im Sachverständigenrat für Umweltfragen der deutschen Bundesregierung

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