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Beech Trees in Kellerwald Forest
© Michael Löwa / Greenpeace

Interview: Wälder brauchen Schutz statt Sägen

Unseren Wäldern geht es schlecht. Selbst in Schutzgebieten werden massiv Bäume gefällt. Sie brauchen besseren Schutz – auch aus rechtlicher Sicht. Zwei Wald-Expertinnen von Greenpeace erklären warum. 

Greenpeace hat eine Rechtsexpertise in Auftrag gegeben, mit der die Organisation die Rechtmäßigkeit von Baumfällungen in Schutzgebieten infrage stellt (die taz berichtet). Die Wald-Expertinnen Sandra Hieke und Gesche Jürgens von Greenpeace erklären im Interview, was für mehr Waldschutz nötig ist.

Greenpeace: Ihr bemängelt, dass in Deutschland in Waldschutzgebieten Bäume gefällt werden. Wie groß ist dieses Problem?

Porträt von der Wald-Expertin Sandra Hieke

Sandra Hieke, Expertin für Wälder bei Greenpeace

Sandra Hieke: Eigentlich sollte man davon ausgehen, dass Wälder in Schutzgebieten, wie zum Beispiel den sogenannten Flora-Fauna-Habitaten (FFH), gut geschützt sind. Leider ist es aber so, dass nur in knapp 2,8 Prozent der Wälder in Deutschland Bäume vor der Motorsäge sicher sind – obwohl gut zwei Drittel in Schutzgebieten liegen. Das schwächt die Wälder und muss sich ändern. Mindestens 15 Prozent unserer Wälder sind streng schützenswert, doch aktuell werden in den meisten Wäldern, die unter Schutz stehen, Bäume gefällt. Häufig werden sie anschließend zu Wegwerfprodukten verarbeitet oder in Kraftwerken verfeuert. Wir haben das nun rechtlich prüfen lassen.

Greenpeace: Zu welchem Ergebnis kommt ihr mit der Rechtsexpertise, die ihr habt erarbeiten lassen?

Sandra Hieke: Kurz gesagt: Ungeprüfte Baumfällungen in Schutzgebieten, welche die Schutzziele dieser Wälder gefährden, halten wir für rechtswidrig. Juristisch betrachtet, ist das sehr komplex. Bäume dürfen in FFH-Schutzgebieten nur gefällt werden, wenn bestimmte Auflagen erfüllt sind. Dazu gehört laut europäischem Naturschutzrecht eine Verträglichkeitsprüfung aller forstwirtschaftlichen Eingriffe, welche die Ziele zum Erhalt des jeweiligen Waldes beeinträchtigen könnten. Diese Prüfung führen die zuständigen Behörden jedoch in der Regel nicht durch. Wir erwarten von Cem Özdemir, dass in diesen Gebieten die Kettensägen ruhen, bis geltendes Recht angewandt wird. 

Greenpeace: Das klingt noch sehr abstrakt. Habt ihr konkrete Beispiele?

Portraits of Gesche Jürgens Campaigner Forests and Biodiversity

Gesche Jürgens, Wald-Expertin bei Greenpeace

Gesche Jürgens: Während Sandra sich mit den rechtlichen Fragen auseinander gesetzt hat, war ich sechs Wochen lang im Wald unterwegs, um bundesweit FFH-Gebiete unter die Lupe zu nehmen. Zum Beispiel in Nußloch, Baden-Württemberg. Der Wald gehört zum  FFH-Gebiet “Steinachtal und Kleiner Odenwald”. Das Gebiet dient dem Schutz der Buchenwälder –  wichtige Ökosysteme und das Zuhause heimischer Tierarten, die in Europa selten geworden sind. Das sind zum Beispiel die Bechsteinfledermaus oder auch die Mopsfledermaus.

Greenpeace: Was hast du in diesem Wald entdeckt, was dir Sorgen bereitet? 

Gesche Jürgens: Wir haben dort dokumentiert, dass auf kahlgeschlagenen Flächen vor allem Douglasien gepflanzt wurden. Das ist eine Baumart, die definitiv nicht dem Erhalt von Buchenwäldern dient, im Gegenteil – sie hat die Tendenz, andere Baumarten sogar zu verdrängen. Die Kahlschläge sind ein radikaler Eingriff in das Mikroklima. Der Wald verliert seine Fähigkeit, sich selbst Kühlung zu verschaffen. Angrenzende Bäume, insbesondere Buchen, können durch ungefilterte Sonneneinstrahlung in Stress geraten und absterben, ein Domino-Effekt. Das ist gerade bei zunehmenden Auswirkungen der Klimakrise zentral, da Trockenheit und auch Hitze insbesondere im Sommer zunehmen. Deswegen ist es wichtig, Buchenwälder möglichst geschlossen und kühl zu halten.

Außerdem sind dort Bodenschäden zu erwarten, weil mit schweren Geräten im Wald gearbeitet wird. Waldböden stecken voller Leben! Die Vitalität und Qualität des Bodens beruht auf den vielen Wechselwirkungen der im Boden lebenden Kleinorganismen und Mykorrhiza – also der Symbiose aus Pilzen und Pflanzen.

Nußloch Forest Baden-Wuerttemberg Germany

Kahlschlag eines Fichtenbestandes und Neupflanzung von Douglasien

Greenpeace: Wie schätzt ihr diese Situation unter Berücksichtigung des Rechtsgutachtens ein?

Sandra Hieke: Die Forstwirtschaft erteilt sich bis heute, also auch noch 30 Jahre nach Verabschiedung der FFH-Richtlinie, einen Freifahrtschein. Sie stellt damit die Interessen der Forst- und Holzindustrie über das Gemeinwohl. Dabei brauchen wir angesichts des massiven Artensterbens und der Klimakrise mehr denn je stabile Wälder. 

In gesetzlich geschützten Wäldern weiter wie bisher Bäume für die Holzindustrie zu fällen, ist längst nicht mehr zeitgemäß und – so unsere Einschätzung – in vielen Fällen sogar rechtswidrig. Der Bund schaut dabei zu. Zwar ist die Forst- und Naturschutzverwaltung Ländersache, aber die Bundesregierung ist dafür verantwortlich, dass die Länder beispielsweise das Bundesnaturschutzgesetz ordnungsgemäß ausführen.