Goldwaschanlage Amazonas: Der Milliarden-Betrug mit Geister-Lizenzen
- Ein Artikel von Miryam Nadkarni
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Der illegale Goldabbau im Amazonasgebiet boomt. Eine neue Greenpeace-Recherche deckt auf, wie Minenbetreiber Giftgold im Wert von Milliarden Dollar in den legalen Handel schleusen.
Der antike König Midas wünschte sich, dass alles, was er berührte, zu Gold würde. Ein Geschenk, das sich schnell als Fluch entpuppte: Er konnte seinen Hunger nicht stillen und seine Tochter nicht umarmen, ohne dass sie zu kaltem Metall erstarrte. Heute spiegelt sich die Warnung dieser alten Sage in einer realen Tragödie wider: Im Amazonasgebiet zerstört der globale Hunger nach Gold riesige Flächen des Regenwalds. Und das beim Abbau eingesetzte Quecksilber vergiftet die dort lebenden Indigenen und Tiere.
Damit gefährden wir nicht nur ein Naturparadies und die Menschen, die im und um den Regenwald leben, sondern auch unsere eigene Lebensgrundlage. Denn der Amazonas-Regenwald stabilisiert das globale Klima – und mit jedem abgeholzten Baum verlieren wir einen Verbündeten im Einsatz gegen die Klimakrise. Wie der Sagenkönig Midas sind wir dabei, unsere eigene Lebensgrundlage für Gold zu opfern.
Wie der Gold-Boom den Amazonas gefährdet
In Zeiten geopolitischer Instabilität, wirtschaftlicher Unsicherheit und des wachsenden Wettbewerbs um strategische Ressourcen feiert Gold sein Comeback als krisensichere Anlage. Investor:innen kaufen es, Zentralbanken horten es und Luxusmarken verkaufen es.
Doch hinter einem Teil dieses globalen Handels verbergen sich düstere Kosten: Zerstörte Wälder, verseuchte Flüsse und angegriffene indigene Gebiete.
Eine neue Untersuchung von Greenpeace Brasilien mit dem Titel „Gold Laundering in the Amazon: Anatomy of a Fraud„ (Goldwäsche im Amazonas: Anatomie eines Betrugs) zeigt nun detailliert, wie illegal gefördertes Gold aus dem brasilianischen Amazonasgebiet in legale Lieferketten eingeschleust wird und von dort aus die Weltmärkte erreicht.
Die Masche: Wie das Goldwaschen in Brasilien funktioniert
Die Analyse von Greenpeace Brasilien deckt die perfiden Methoden der Kriminellen auf: Sie nutzen offizielle Abbaugenehmigungen für Gebiete, in denen überhaupt kein Bergbau stattfindet, um die Herkunft von illegal gefördertem Gold aus Schutzgebieten und Territorien Indigener zu verschleiern.
Im Zentrum dieses Betrugssystems stehen Genehmigungen der brasilianischen Bergbaubehörde – ein System, das ursprünglich zur Regulierung des handwerklichen Kleinbergbaus geschaffen wurde. Das Problem:
- Lizenzen werden oft ohne vorherige geologische Gutachten vergeben. Heißt: Die Behörde überprüft nicht, ob sich in dem lizenzierten Gebiet überhaupt Goldadern befinden.
- Das System basiert rein auf Eigenerklärungen der Betreibenden. Sie können also selbst angeben, wie viel Gold sie in einer Mine vermuten.
Dadurch fehlen jegliche verlässliche technische Parameter, um zu überprüfen, ob die gemeldeten Goldmengen überhaupt realistisch sind. Dieses massive Schlupfloch sorgt dafür, dass Gold, das illegal aus indigenen Territorien und Naturschutzgebieten geraubt wurde, legal auf den internationalen Markt gelangt.
Greenpeace hat 187 behördlich zugelassene Bergbaugebiete in der Nähe von indigenen Territorien und Naturschutzzonen untersucht. Das Ergebnis: In 98 dieser Gebiete gab es keinerlei Anzeichen von Minenaktivitäten. Dennoch hatten die Händler:innen angegeben, dass das Gold, das sie verkaufen, aus diesen Gebieten stammt. Die Schlussfolgerung: Der illegale Goldhandel hat sogenannte Geister-Lizenzen genutzt, um den Verkauf von sage und schreibe 26,8 Tonnen Gold im geschätzten Wert von 3,88 Milliarden Dollar offiziell zu legalisieren.
„Wir müssen davon ausgehen, dass das Gold in Wahrheit illegal aus geschützten Regionen und indigenen Gebieten geraubt wurde“, sagt Greenpeace-Waldexpertin Gesche Jürgens. „Das ist nicht nur für die Natur und die Menschen vor Ort eine Katastrophe. Menschen aus aller Welt investieren in Gold, in der Hoffnung, dass es ihre Zukunft sichert. Aber mit jedem Stück Regenwald, das wir für Gold roden, sägen wir am Ast, an dem unsere Zukunft hängt.“
„Wir wollen wissen, wohin das aus den indigenen Gebieten gestohlene Gold verschwindet. Wir wollen wissen, wer dieses Gold kauft. Wir wollen mit den Käufer:innen sprechen. Wir leiden, und das müssen sie wissen!“
Giftgold aus dem Amazonas
Giftgold: Die fatalen Folgen für Mensch und Natur
Die Auswirkungen dieses kriminellen Systems reichen weit über die eigentlichen Minen hinaus. Allein zwischen 2023 und 2025 wurden im brasilianischen Amazonasgebiet mehr als 5.249 Hektar Regenwald durch den Goldabbau innerhalb indigener Territorien zerstört – eine Fläche, die rund 7.500 Fußballfeldern entspricht. Der illegale Abbau verseucht Flüsse mit Quecksilber, zerstört die Artenvielfalt, schürt Gewalt und treibt das Eindringen in geschützte Gebiete voran.
Besonders hart treffen die Folgen die indigenen Gemeinschaften:
- Zerstörte Lebensgrundlagen: Die Quecksilberverseuchung bedroht die Nahrungs- und Wasserquellen. Das hochgiftige Schwermetall gelangt in Flüsse und Fische und reichert sich in der Nahrungskette an. Der menschliche Körper kann Quecksilber nicht abbauen. Das Gift verursacht bei Menschen und Tieren irreversible Schädigungen des Nervensystems.
- Sicherheitsrisiko: Die mit dem illegalen Bergbau einhergehende Kriminalität zerstört das Gemeinschaftsleben und gefährdet die Sicherheit der Gebiete.
- Frauen im Visier: Indigene Frauen sind oft den schlimmsten Konsequenzen ausgesetzt, darunter zunehmende Belästigung, Ausbeutung und Gewalt.
Wie akut die gesundheitliche Bedrohung ist, zeigt eine aktuelle Studie aus dem indigenen Territorium der Munduruku: Dort wiesen 98,5 Prozent der untersuchten schwangeren indigenen Frauen einen Quecksilberspiegel auf, der weit über den sicheren Grenzwerten lag.
Gold-Boom im Amazonas-Regenwald: ein Vermächtnis von Bolsonaro
Die Rechercheergebnisse machen deutlich, wie stark der Druck auf indigene Gebiete weiterhin ist – eine anhaltende Folge der früheren brasilianischen Regierung unter Präsident Bolsonaro, die illegale Goldminen jahrelang gewähren ließ. Zwischen 2018 und 2022 explodierte der illegale Bergbau regelrecht: Die Abbauflächen auf indigenem Land wuchsen um unglaubliche 265 Prozent. Die Folgen: Zerstörte Wälder, verseuchte Flüsse und massive Eingriffe in die Lebensgrundlage indigener Gemeinschaften.
Seit dem Amtsantritt von Präsident Luiz Inácio Lula da Silva im Jahr 2023 geht Brasiliens Regierung verstärkt gegen illegalen Goldabbau vor. Zwar beschlagnahmte die Bundespolizei im vergangenen Jahr eine Rekordmenge an illegalem Gold, doch der Boom im Regenwald reißt nicht ab. Stattdessen zeigt eine Greenpeace-Recherche aus dem Jahr 2025, dass sich die Goldminen von einem Gebiet ins nächste verlagern. Zu groß sind die behördlichen Schlupflöcher, zu lukrativ ist das Geschäft, zu arm die Goldgräber:innen.
Wie illegales Amazonas-Gold in die Weltmärkte gelangt
Noch nie war Goldabbau so lukrativ wie heute. Angesichts wirtschaftlicher Unsicherheiten und globaler Krisen steigt die Nachfrage nach dem Edelmetall weiter – allein 2024 ist der Goldpreis um 44 % gestiegen. Zentralbanken und Investor:innen treiben den Markt an, während illegales Gold aus dem Amazonasgebiet unbemerkt in den weltweiten Handel gelangt.
Gold ist extrem schwer nachzuverfolgen. Sein hoher Wert, die dadurch mögliche kompakte Größe von Goldbarren und die nahezu unbegrenzte Haltbarkeit machen es zum idealen Schmuggelgut. Einmal in den Lieferketten, verliert sich seine Spur: Es wird gehandelt, raffiniert, weiterverarbeitet – und gelangt schließlich in den legalen Markt.
Schweizer Gold: vertrauenswürdig – oder nur gut getarnt?
Im Jahr 2024 gingen die meisten brasilianischen Goldexporte nach Kanada (29,4 Tonnen), in die Schweiz (16 Tonnen) und ins Vereinigte Königreich (7,5 Tonnen) – drei der wichtigsten Drehscheiben für den internationalen Goldhandel. Besonders die Schweiz spielt eine zentrale Rolle: Sie ist nicht nur der größte globale Handelsplatz für Gold, sondern auch das Tor für über die Hälfte der EU-Goldimporte – auch für Deutschland. Die Schweiz ist einer der wichtigsten Knotenpunkte für den Goldhandel und die Raffinierung – dabei besitzt das Land nicht einmal eigene Vorkommen. Doch wie wurde die Schweiz zu einem globalen Schwergewicht im Goldgeschäft?
Die Geschichte ist belastet: Während des Zweiten Weltkriegs kauften Schweizer Banken mehr als drei Viertel des Nazigoldes – darunter große Mengen an Raubgold. Auch nach dem Krieg handelten sie mit sanktionierten Regimen, etwa dem Apartheidsregime in Südafrika, und halfen ihnen, an Devisen zu kommen. Der Vorwand? Schweizer Neutralität. Trotz internationaler Kritik hielt das Land an diesen Geschäften fest.
Schweizer Gold: Vertrauenswürdig – oder nur gut getarnt?
Im Jahr 2024 gingen die meisten brasilianischen Goldexporte nach Kanada (29,4 Tonnen), in die Schweiz (16 Tonnen) und ins Vereinigte Königreich (7,5 Tonnen) – drei der wichtigsten Drehscheiben für den internationalen Goldhandel. Besonders die Schweiz spielt eine zentrale Rolle: Sie ist nicht nur der größte globale Handelsplatz für Gold, sondern auch das Tor für über die Hälfte der EU-Goldimporte – auch für Deutschland. Die Schweiz ist einer der wichtigsten Knotenpunkte für den Goldhandel und die Raffinierung – dabei besitzt das Land nicht einmal eigene Vorkommen. Doch wie wurde die Schweiz zu einem globalen Schwergewicht im Goldgeschäft?
Die Geschichte ist belastet: Während des Zweiten Weltkriegs kauften Schweizer Banken mehr als drei Viertel des Nazigoldes – darunter große Mengen an Raubgold. Auch nach dem Krieg handelten sie mit sanktionierten Regimen, etwa dem Apartheidsregime in Südafrika, und halfen ihnen, an Devisen zu kommen. Der Vorwand? Schweizer Neutralität. Trotz internationaler Kritik hielt das Land an diesen Geschäften fest.
Die Rolle der Schweizer Goldraffinerien – ein verschleierter Ursprung des Goldes
Heute befinden sich vier der sieben größten Goldraffinerien der Welt in der Schweiz und dominieren den globalen Markt. Sie kaufen Roh- oder Recyclinggold auf, raffinieren es teilweise nochmals und verarbeiten es weiter oder exportieren es. Einmal in der Schweiz angekommen, wird Gold umetikettiert und unter dem begehrten Label „Swiss Gold“ weiterverkauft. Seine ursprüngliche Herkunft? Oft kaum noch nachvollziehbar.
2024 importierte die Schweiz mehr als 2000 Tonnen Gold. Besonders auffällig: Laut Bundesamt für Zoll und Grenzsicherheit stammten 155,8 Tonnen aus den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) – offiziell als „recyceltes Gold“ deklariert. Doch die VAE haben, genau wie die Schweiz, keine eigenen Goldvorkommen. Dubai hat sich in den letzten Jahrzehnten zu einem der weltweit größten Umschlagplätze für Gold entwickelt, insbesondere auch für Gold aus Krisengebieten in Afrika, aber lasche Vorschriften und mangelnde Kontrollen machen es schwer, die tatsächliche Herkunft des Goldes zu überprüfen.
Von Dubai aus gelangt das Gold als „recyceltes Gold“ in die Schweiz, wo es weiterverarbeitet und als hochwertiges „Swiss Gold“ in den internationalen Handel eingespeist wird. Das sorgt für Vertrauen – aber verschleiert oft, woher das Gold ursprünglich stammt.
Die Greenpeace-Recherche „Giftgold„ deckt dabei brisante Ungereimtheiten auf: 2022 überstiegen die Goldimporte der Schweiz die offiziell aus Brasilien gemeldeten Exporte um 67 Prozent, 2023 lag die Differenz immer noch bei 62 Prozent. Diese Lücken im Handel deuten darauf hin, dass ein beträchtlicher Teil des Goldes auf intransparente oder illegale Weise in den internationalen Markt gelangt.
Deutschland und das schmutzige Geschäft mit Amazonas-Gold
Zwischen 2019 und 2023 importierte Deutschland laut Destatis 720 Tonnen Gold – 56 Prozent davon über die Schweiz, die als zentrales Drehkreuz für den europäischen Goldhandel gilt. Direkt aus dem brasilianischen Bundesstaat Amazonas kamen 1289 kg. Diese stammen nach einer Auswertung des brasilianischen Instituto Escolhas mit hoher Wahrscheinlichkeit aus illegalem Abbau. Doch das bedeutet nicht, dass dies das einzige illegale Amazonas-Gold ist, das in Deutschland landet. Die verschlungenen Handelswege und mangelnde Transparenz begünstigen es, dass fragwürdiges Gold unbemerkt in eigentlich seriösen Märkten auftaucht. Solange das nicht besser nachverfolgt wird, bleibt das Risiko hoch, dass auch Deutschland unwissentlich von Umweltzerstörung und Menschenrechtsverletzungen im Amazonasgebiet profitiert.
Gefahren des illegalen Goldabbaus
Das Redaktionsnetzwerk Deutschland RND geht davon aus, dass im Amazonas-Regenwald derzeit über 20.000 illegale Goldgräber:innen aktiv sind. Die genaue Zahl lässt sich nicht bestimmen, vermutlich sind es viel mehr. Sie schlagen ihre Camps unter dem dichten Dach des Regenwaldes auf und suchen sich unberührte Stellen, um nach Gold zu graben. Dabei holzen sie oft großflächig Bäume ab, graben und fluten tiefe Erdlöcher. Nicht selten kommt es dabei auch zu Gewalttaten oder tödlichen Übergriffen gegenüber Indigenen. Besonders problematisch: Die Goldförderung verwendet große Mengen an hochgiftigen Quecksilber, um das Gold aus dem Gestein zu lösen. Das Schwermetall gelangt beim Goldabbau in das Grundwasser und vergiftet umliegende Flüsse und Seen. Quecksilber ist nicht biologisch abbaubar, reichert sich in der Nahrungskette an und verursacht bei Menschen und Tieren irreversible Schädigungen des Nervensystems.
Die Gold-Lieferkette ist eine gemeinsame Verantwortung. Forderungen:
Was sollte die Schweiz tun?
- Die Schweizer Regierung muss sicherstellen, dass Handelsinformationen zu ihren Goldimporten mit Blick auf die gesamte Lieferkette gesammelt und öffentlich gemacht werden (also nicht nur zu den Re-Exportländern, sondern auch zu den Abbauländern und allen anderen Ländern, durch die das Gold transportiert wird). Zudem sollten die Namen der Lieferanten und Empfängerunternehmen veröffentlicht werden.
- Die aktuelle Revision des Edelmetallkontrollgesetzes muss die OECD-Richtlinien zur Förderung verantwortungsvoller Lieferketten und Bergbaubedingungen berücksichtigen und diese Anforderungen mit strengen Bedingungen und hohen Strafen umsetzen.
- Als zentraler Punkt in der Lieferkette müssen Schweizer Raffinerien und Schmelzereien Verantwortung übernehmen und vollständige Transparenz in Bezug auf die Herkunft und Verarbeitung von Gold bieten.
Was sollte die Bundesregierung tun?
- Unternehmen und Finanzinstitutionen entlang der Gold-Lieferkette dazu verpflichten, die Namen ihrer Lieferanten offenzulegen, einschließlich des Abbauorts und des Ortes der (wesentlichen) Verarbeitung;
- Kein Gold aus Ländern und Lieferketten importieren, die durch konfliktbelastete und hochriskante Gebiete führen;
- Unabhängige Prüfstellen einrichten, die die Einhaltung verantwortungsvoller Produktions- und Lieferkettenpraktiken überwachen.
Was sollte Europäische Union tun:
- Umweltgefahren in die Überarbeitung der Sorgfaltspflichtverordnung im Rahmen der Konfliktmineralienverordnung aufnehmen;
- Die Schweiz und Brasilien auf die CAHRA-Liste (Konfliktbelastete und Hochrisikogebiete) setzen, um Unternehmen, die mit Schweizer Gold handeln, strengere Sorgfaltspflichten aufzuerlegen.
Giftgold-Report
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Report Toxic Gold
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