Ernteausfälle durch Dürre – was zu tun ist
- Ein Artikel von Anja Franzenburg
- mitwirkende Expert:innen Matthias Lambrecht
- Im Gespräch
„Die Dürre ist kein Wetterpech, sondern das neue Normal“, sagt Greenpeace-Sprecher Matthias Lambrecht. Was ist nun zu tun, um die Landwirtschaft für die Zukunft gut aufzustellen? Ein Interview.
© Lucas Wahl / Greenpeace
Matthias Lambrecht, Experte für Landwirtschaft und Ökonomie bei Greenpeace
Greenpeace: Der Sommer war bislang trocken und heiß. Was bedeutet das für die Lebensmittelproduktion und die Landwirtschaft?
Matthias Lambrecht: Die Landwirtschaft leidet teils massiv unter der Trockenheit, insbesondere im Süden. Der Deutsche Bauernverband erwartet eine Getreideernte, deren Ertrag um fast zehn Prozent unter dem des Vorjahres liegt und deutlich unter dem Fünfjahresschnitt. Laut dem Deutschen Raiffeisenverband haben Hitze und Dürre insgesamt etwa drei Millionen Tonnen Erntegut gekostet: Bei Kartoffeln, Gemüse, Zuckerrüben, Sojabohnen oder Mais werden nicht die üblichen Erträge erreicht. Hohe Temperaturen und Wassermangel lassen auch das Gras verkümmern, die Heu- und Siloernte fällt geringer aus – das Tierfutter wird knapp.
Für uns Verbraucher:innen wird womöglich mit kleineren Pommes zu rechnen sein, weil die Knollen nicht die übliche Größe erreichen. Ansonsten müssen wir zwar noch nicht damit rechnen, dass Lebensmittel hierzulande deutlich teurer oder gar knapp werden. Für die Landwirt:innen bedeutet die Ernte jedoch einen Verlust von insgesamt etwa 600 Millionen Euro. Dieses Jahr trifft es vor allem Betriebe im Süden und Westen – für viele existenzbedrohend. Aber letztendlich ist kein Hof in Deutschland vor Dürre und Extremwetter gefeit. Die Landwirtschaft ist die Branche, die die Erderhitzung am schnellsten und härtesten zu spüren bekommt. Genau deshalb braucht sie besonderen Schutz und gezielte Unterstützung bei der Anpassung. Doch seit Jahren passiert nichts – auch jetzt nicht.
Wie reagiert die Politik auf die Folgen der wochenlangen Hitze und anhaltenden Trockenheit?
Die Bundesregierung nimmt ihre Verantwortung bislang nicht wahr. Der Kanzler hat zu den für alle in den vergangenen Wochen erkennbaren Folgen der Erderhitzung lapidar erklären lassen, die Lage erst einmal beobachten zu wollen. Und dem CSU-Landwirtschaftsminister Alois Rainer fällt lediglich ein, er könne es nicht regnen lassen. Das ist keine Politik, die den Herausforderungen auch nur annähernd gerecht wird, sondern eine Kapitulationserklärung.
Der Präsident des Bauernverbands hat bereits auf die kritische wirtschaftliche Lage der Bäuer:innen hingewiesen und fordert finanzielle Unterstützung – etwa durch noch stärker steuerbegünstigten Agrardiesel oder Beihilfen für Düngemittel.
Der Deutsche Bauernverband muss sich fragen lassen, ob er noch eine gute Interessenvertretung leistet, wenn er als Antwort auf die Folgen der Dürre zuallererst fordert, fossile Subventionen für Diesel oder mit Gas erzeugte Mineraldünger zu erhöhen. Das ist eine an kurzfristigen Erträgen orientierte weiter-so-Politik, mit der sich die Folgen der Klimakrise nur weiter verschärfen. Derart kurzsichtige Forderungen sind nicht geeignet, die zu erwartenden Schäden in der Landwirtschaft bei zunehmender Erderhitzung zu vermindern oder langfristig auszugleichen. Und auch vorgezogene Direktzahlungen aus EU-Mitteln, wie der Bauernverband sie vorschlägt, würden vor allem den großen Betrieben dienen.
Was bräuchte es stattdessen?
Kurzfristig brauchen die Betriebe schnelle, zielgenaue Liquiditätshilfen – die aber dorthin fließen müssen, wo die Existenz wirklich bedroht ist, und nicht – wie die Direktzahlungen – nach Fläche verteilt werden. Denn dann bekämen die größten Betriebe das meiste Geld. Die Fördermittel in Milliardenhöhe aus der EU müssen ab 2028 vorrangig Landwirt:innen honorieren, die konkret etwas für mehr Klimaresilienz tun – etwa durch den Anbau vielfältiger Fruchtfolgen und von Zwischenfrüchten oder Humusaufbau. Zweitens müssen wir das Wasser wieder stärker in der Landschaft halten: Moore vernässen, Auen renaturieren, Drainagen zurückbauen.
Der Bauernverband argumentiert aber, dass die Landwirtschaft bereits ihren Beitrag zum Erreichen der Klimaziele leistet.
Dass laut Bauernverbandspräsident Rukwied die Landwirtschaft verstärkt auf resilientere Sorten und wasserschonende Anbaumethoden setzt, ist gut und unbedingt zu begrüßen. Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Zahlen eindeutig sind: Die Landwirtschaft steht für 8,2 Prozent der deutschen Treibhausgasemissionen, allein die Tierhaltung für 34,6 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente – das sind 64,5 Prozent der Agraremissionen und 5,3 Prozent des deutschen Gesamtausstoßes. Rechnet man Moorböden, Brennstoffe und die Mineraldüngerherstellung dazu, sind es 14,7 Prozent.
Die Einschätzung aus der Wissenschaft ist klar: Bis 2045 ist mit einer Weiter-so-Politik kein weiterer Rückgang der Emissionen möglich. Um die gesetzlich vorgegebenen Klimaziele zu erreichen, braucht es zusätzliche Anstrengungen – besonders bei der bisher unzureichend berücksichtigten Tierhaltung. An einem deutlichen Abbau der Tierbestände führt kein Weg vorbei. Und das dient nicht nur dem Klimaschutz, sondern auch der Dürrevorsorge: Solange rund 55 Prozent unserer Agrarflächen Futter für Tiere produzieren, fehlt schlicht der Raum für eine extensivere Landwirtschaft mit vielfältigen Fruchtfolgen, mehr Leguminosen, Agroforst und Humusaufbau, also für genau die Maßnahmen, die Böden schonen und mehr Wasser halten lassen. Was die Emissionen senkt und die Landwirtschaft gleichzeitig klimaresilienter macht: weniger Tiere. Diese sollten flächengebunden, also an die zur Verfügung stehenden Weide- und Futteranbauflächen angepasst sowie womöhlich stärker auf dem Grünland gehalten werden.
Wie steht der Bauernverband zur Reduzierung der Tierzahlen?
Der Bauernverband stemmt sich gegen den klimagerechten Abbau der Tierhaltung, statt sich aktiv für eine gezielte Unterstützung von Betrieben einzusetzen, die weniger Tiere unter besseren Bedingungen ohne Tierqual halten wollen. Und gerade versucht er gemeinsam mit den unionsgeführten Landwirtschaftsministerien im Bund und in den Ländern, eine Aufweichung der Düngeregeln durchzusetzen– was zu mehr Überdüngung und damit zu mehr besonders klimaschädlichen Lachgasemissionen führt und zu einer stärkeren Verschmutzung unseres knapper werdenden Wassers.
Wer wie Rukwied gesellschaftliche Solidarität einfordert – etwa Direkthilfen aus unseren Steuermitteln oder subventionierte Mehrgefahrenversicherungen, weil Klimaschäden nicht mehr wirtschaftlich versicherbar sind, der muss auch zeigen, wie sich die Landwirtschaft solidarisch an der Bewältigung der Klimakrise beteiligt. Sonst geht Glaubwürdigkeit verloren.
„Die Dürre ist kein Wetterpech, sondern das neue Normal“, so deine Worte auf LinkedIn. Drohen uns irgendwann doch Lebensmittelengpässe und wie sieht die Versorgung weltweit aus?
In Deutschland werden die Supermarktregale wohl nicht so schnell leer bleiben – wir sind vorerst reich genug, um uns auf dem Weltmarkt freizukaufen. Engpässe können bei uns zu steigenden Preisen führen, aber nicht zu akutem Mangel. Die Vereinten Nationen rechnen aber damit, dass 2030 immer noch über 500 Millionen Menschen hungern werden - diese Zahl könnte mit weltweiten Wetterextremen und Ernteausfällen weiter steigen. Und hier liegt die eigentliche Ungerechtigkeit: Diejenigen, die am wenigsten zur Erderhitzung beigetragen haben, trifft sie zuerst und am härtesten – ohne subventionierte Versicherungen oder staatliche Dürrehilfen. Wir in den reichen Ländern verschärfen das sogar noch, wenn wir mit Futtermittelimporten für unseren übermäßigen Fleischkonsum Flächen belegen und Wasser in Regionen beanspruchen, die künftig verstärkt unter Dürren leiden dürften.
Sollten mehrere Kornkammern der Welt gleichzeitig ausfallen – in Nordamerika, Europa und der Schwarzmeerregion –, wird es allerdings deutlich schwerer, das über den Weltmarkt auszugleichen. Die sichere Versorgung mit Lebensmitteln erhalten wir deshalb, indem wir die Widerstandsfähigkeit unserer Landwirtschaft stärken – und mit jedem Zehntelgrad an Erderwärmung, das wir durch aktiven Klimaschutz vermeiden.