25 Jahre, 30.000 Aktive, über eine Million gepflanzte Bäume – und viel in den Köpfen bewegt

Das Bergwaldprojekt

Manche Waldfreunde ketten sich an Bäume, andere pflanzen und pflegen sie: Vor 25 Jahren gründete Greenpeace in der Schweiz das Bergwaldprojekt, das heute mit freiwilligen Arbeitseinsätzen in sechs Ländern aktiv zum Waldschutz beiträgt. Ein Blick in die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Organisation.
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Mitte der 1980er Jahre sorgte ein Wort für Aufsehen in der ganzen Welt: Waldsterben. Die öffentliche Aufmerksamkeit brachte damals Wolfgang Lohbeck von Greenpeace Deutschland und den Schweizer Förster Renato Ruf auf die Idee, das Bergwaldprojekt zu gründen. "Es fiel mir auf, dass wir viel vom Wald redeten, aber keiner wusste wirklich etwas vom Wald", erzählt Lohbeck von der Gründungsphase. "Uns war klar, wir wollten ein 'Positivprojekt', welches das Bewusstsein und das Verständnis für den Wald schärft." Nachdem sich Greenpeace bislang auf Protestaktionen gegen Umweltsünder konzentriert hatte, plante die Organisation nun erstmals einen Einsatz im handwerklichen aktiven Naturschutz.

Ein Jahr lang reisten Wolfgang Lohbeck und Renato Ruf durch die Schweiz und suchten einen Bergwald, der als Startpunkt für das Projekt geeignet war. "Wir wollten in der Schweiz starten, weil dort die Verbundenheit der Menschen mit dem Wald noch tiefer ist als in Deutschland", berichtet Lohbeck. In der Gemeinde Malans im Kanton Graubünden fanden die zwei schließlich einen Wald, der durch einen Hangrutsch fürchterlich zugerichtet worden war und wieder aufgebaut werden musste.

Erster Einsatz gleich ein Erfolg

Nach Gesprächen mit dem Gemeinderat von Malans, der Zweifel am Projekt und auch Skepsis gegenüber Greenpeace mitbrachte, konnte das Bergwaldprojekt 1987 schließlich probeweise starten. Rund 25 Freiwillige beteiligten sich an der "Grundsanierung" des Waldes, sie kümmerten sich um den Wegebau, sie durchforsteten den Wald mit standortheimischen Bäumen, und sie stabilisierten erosionsgefährdete Bachbetten mit Steinen und Holzschwellen. "Nach einer Woche schaute der Gemeinderat vorbei und stellte fest, dass unsere Arbeiten Hand und Fuß hatten – wir durften weitermachen", erzählt Lohbeck.

In der Schweiz besitzt das Bergwaldwaldprojekt den Status einer gemeinnützigen Stiftung und sitzt in Trin, Graubünden. Aus einer kleinen Gruppe Pioniere hat sich über die Jahre ein europaweites Netzwerk entwickelt mit Einsätzen auch in Deutschland, Österreich, im Fürstentum Liechtenstein, in der Ukraine und im spanischen Katalonien. Über 30.000 Freiwillige waren seit 1987 international aktiv. 

In Deutschland fand 1991 eine erste Projektwoche in St. Andreasberg im Harz statt. Zwei Jahre später wurde offiziell der deutsche Ableger des Bergwaldprojekts als gemeinnütziger Verein gegründet. Die Geschäftsstelle befindet sich in Würzburg.

Vom Bergwaldprojekt zum Waldschutzprojekt

Allein in Deutschland gibt es derzeit 29 Einsatzorte zwischen Schleswig-Holstein und Bayern, die meisten in naturnahen Wäldern. Mittlerweile betreut der Verein nicht mehr nur Bergwälder. Auf der Nordseeinsel Amrum zum Beispiel gibt es weit und breit keine Berge, nur bis zu 30 Meter hohe Dünen, außerdem etwa 200 Hektar Wald in Strandnähe. Ein Orkan riss 1999 mehrere große und kleine Löcher in den Wald, der daraufhin von Bergwaldprojektlern wieder aufgeforstet wurde – mit Eichen, Birken, Bergahorn, Buchen und Winterlinden – und nun regelmäßig Hege und Pflege erhält.

Immer wochenweise machen sich Gruppen aus 20 bis 25 Frauen und Männern für die Wälder nützlich, zu allen Jahreszeiten. Da kommen pro Jahr etwa 1.000 Freiwillige und 50.000 ehrenamtliche Arbeitsstunden zusammen. In der Regel sind die Teilnehmer zwischen 18 und 80 Jahre alt, zusätzlich gibt es Angebote für Familien mit Kindern. Vor jeder Einsatzwoche bespricht der Verein mit den jeweiligen Revierförstern oder Nationalparkbehörden, wo es dem Wald weh tut und welche Maßnahmen ökologisch sinnvoll sind. Das Arbeitsspektrum reicht von Pflanzungen und Pflegemaßnahmen über Erosionsverbauungen, Steigbau und Biotop-Pflege bis hin zu Moor- und Bachrenaturierungen.

Eine Woche Aktiv- und Bildungsurlaub

Vorkenntnisse benötigen die Freiwilligen nicht, auch keine Superkräfte. Sie sollten aber eine normale körperliche Fitness mitbringen, nicht zimperlich sein und mal eine Woche auf Komfort und Privatsphäre verzichten können. Im Wald werden sie von einem fachkundigen hauptamtlichen Projektleiter und einem ehrenamtlichen Gruppenleiter angeleitet und betreut. Theorie und Praxis gehen während der Woche Hand in Hand. Die Unterkünfte sind einfache Forsthütten oder Ferienlagerhäuser, im Sommer wird teilweise auch in Zelten übernachtet. Mittags gibt es ein rustikales Mahl im Wald über einer Feuerstelle, abends verwöhnt ein Koch die hungrigen Heimkehrer mit vegetarischen Biogerichten. Viele Freiwillige empfinden solch eine Arbeitswoche wie einen privaten Aktiv- und Bildungsurlaub – und gehen mit dem guten Gefühl nach Hause, etwas Sinnvolles geleistet zu haben.

Das Bergwaldprojekt ist heute von Greenpeace unabhängig, wird aber von der Greenpeace Umweltstiftung unterstützt. Auch andere Stiftungen sowie private Spender und Fördermitglieder unterstützen den Verein finanziell, weiterhin bestehen Kooperationspartnerschaften mit Wirtschaftsunternehmen. 2012 erhielt der Verein die UN-Auszeichnung als offizielles Projekt der UN-Dekade Biologische Vielfalt

Ein Zuwachs an Förderern und Partnern ist zwar erwünscht, doch nicht oberstes Ziel des Vereins. "Wir wollen lieber ein vertieftes Verständnis hervorrufen", erklärt Wolfgang Lohbeck. "Wenn wir dazu beitragen, dass sich die Waldbewirtschaftung in Deutschland, der Schweiz und anderen europäischen Ländern deutlich in Richtung Nachhaltigkeit entwickelt, dann haben wir viel erreicht. Und wenn durch unsere Projekte immer mehr Leute verstehen, wie wichtig ein intakter Wald ist, dann haben wir noch mehr erreicht."

Die Leistungen der deutschen Bergwaldprojekt’ler im Überblick:

  • Zwischen 1991 und 2012 wurden rund 1,3 Millionen standortheimische Bäume in der Schutzwaldsanierung und im naturnahen Waldumbau gepflanzt
  • circa 520 Hektar Wald wurden naturnah gepflegt und durchforstet
  • rund 50 Kilometer Bachläufe renaturiert
  • 110 Kilometer Wildschutzzäune abgebaut
  • über 120 Kilometer Steige im Hochgebirge in Handarbeit angelegt
  • etwa 200 Hektar Biotope gepflegt für Auer-, Birk- und Haselhühner
  • gut 50 Holzkastenverbauungen in Erosionsrinnen errichtet
  • 130 Hektar Hochmoore wiedervernässt
  • rund 180 Hochsitze zur Unterstützung der ökologischen Jagd gebaut

(Autorin: Nicoline Haas)

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