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Finnische Urwälder wieder in Gefahr

Erst im Juli beschlossen, steht ihm jetzt schon das Ende bevor: Das Holzfäll-Moratorium des staatseigenen finnischen Forstwirtschaftsunternehmen "Forest Park Service" (FPS) soll beendet werden. Damit sind die letzten finnischen Urwälder wieder vom Kahlschlag bedroht. In nicht weniger als 50 verschiedenen Gebieten mit ursprünglicher Bewaldung Nord- und Ostfinnlands werden demnächst wieder die Motorsägen kreischen.

Vertreter des FPS teilten mit, dass Wälder in der Nähe von Lehmivaara in Kuhmo im Laufe dieses Jahres zum Einschlag vorgesehen seien. Das Vorhaben des FPS stößt bei Umweltschützern und der indigenen Bevölkerung - den Sami - auf Ablehnung. Schon Anfang des Jahres hatte Greenpeace im Zuge mehrerer Aktionen auf die Misere der letzten finnischen Urwälder aufmerksam gemacht.

Eine ganze Anzahl von bedrohten Tier- und Pflanzenarten, die auf der Roten Liste geführt werden, finden sich in den finnischen Urwaldgebieten. Das bestätigen sogar Studien, die vom Umweltforschungszentrum der Regierung und von FPS erstellt wurden. Dort kann man auch nachlesen, dass der Kahlschlag in den Wäldern einen nicht wieder gutzumachenden Schaden für die Artenvielfalt mit sich bringt.

Es scheint, als ob egoistische und selbstherrliche Entscheidungen die wissenschaftlichen Beweise, die finnischen Gesetze sowie internationale Abkommen einfach außer Kraft setzen können, kritisiert Matti Liimatainen, Waldexperte von Greenpeace. Die FPS verhandelt zurzeit sogar mit Umweltschützern über die Schutzmöglichkeiten der finnischen Urwälder. Trotz der Verhandlungen, betreibt sie in in den Gebieten, über die verhandelt wird, Kahlschlag.

Doch FPS ist nicht der einzige, der sich in dieser Angelegenheit paradox verhält: Die finnischen Papierindustrie hat mitgeteilt, dass sie die Verhandlungen unterstütze. Zugleich fährt sie jedoch fort, das Holz aus den umstrittenen Gebieten für ihre Produktion zu verarbeiten.

Von den borealen Urwäldern, die einst fast ganz Finnland bedeckten, sind heute nur noch fünf Prozent übrig. Davon soll die Hälfte durch die Holzfäller der staatlichen FPS unwiederbringlich zerstört werden. Schuld daran ist der wachsende "Holz-Hunger" der Papierindustrie.

Die Gebiete mit uraltem Baumbestand spielen eine unschätzbare Rolle für die Artenvielfalt und das traditionelle Leben der Sami und anderer Gemeinschaften. Viele Sami finden ihr Auskommen durch Rentierhaltung. Die Urwälder dienen als lebenswichtige Futterquelle für die Herden. Allein sechs der zum Einschlag vorgesehenen Waldgebiete liegen in Territorien, in denen die Sami zu Hause sind.

Die Holzfäll-Praxis der FPS zerstört auf lange Sicht den Kern der Sami-Kultur, gibt Laiimatainen zu bedenken. Helsinki hat internationale Abkommen unterzeichnet, in denen es sich unmissverständlich dazu verpflichtet, die Rechte der indigenen Bevölkerung auf Ausübung ihrer eigenen Kultur zu schützen. Außerdem genießen die zivilen Rechte der Sami den Schutz durch die finnische Gesetzgebung. Es wird allmählich Zeit, dass FPS und die finnische Papierindustrie diese juristischen Verpflichtungen anerkennen.

Für einen heißen Herbst könnte das neuste Vorhaben des finnischen Agrar- und Forstministeriums sorgen: Dort arbeitet man an einem neuen Forst-Gesetz, das die Rechte für friedliche Proteste in der Nähe von Holzfällarbeiten in den Urwäldern einschränken soll. Nach dem Sommer wird sich das Parlament in Helsinki damit befassen.

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