Greenpeace-Report: Unternehmen können Waldzerstörung für ihre Produkte nicht ausschließen

Leere Versprechen

Firmen halten Zusagen nicht ein: Noch immer ist die Produktion vieler Waren wie Shampoo und Fleisch mit Abholzung verknüpft. Wald-Expertin Gesche Jürgens dazu im Interview.

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Shampoo, Tütensuppe, Pizza, Küchenrolle oder Schokolade: Für den alltäglichen Lebensmitteleinkauf werden an vielen Orten dieser Welt Wälder vernichtet. Alle drei Sekunden etwa verschwindet Wald in der Größe eines Fußballfeldes. Rund 80 Prozent dieser Flächen gehen in die landwirtschaftliche Nutzung, insbesondere um Agrargüter wie Fleisch, Palmöl, Zellstoff, Kakao oder Soja zu erzeugen.

Bis zum Jahr 2020 solle sich das ändern, versprachen 2010 etwa 400 Firmen, darunter Nestlé und Unilever. Die im „Consumer Goods Forum“ zusammengeschlossenen Unternehmen verpflichteten sich, dass dann für ihre Produkte kein mehr Wald zerstört würde. Denn Wälder spielen eine zentrale Rolle, um die sich zuspitzende Klimakrise in den Griff zu bekommen.

Nun haben wir Mitte 2019 – und nahezu alles ist beim Alten. Das ist das Ergebnis einer Greenpeace-Analyse: Keines der Unternehmen ist nur ansatzweise auf dem Weg, das Versprechen einzulösen. Im Interview erklärt Gesche Jürgens, Greenpeace-Expertin für Wälder, was das für Verbraucher und Politik bedeutet.

Greenpeace: Wie groß ist das Ausmaß der Zerstörung und welche Produkte sind am schlimmsten?

Gesche Jürgens: Insgesamt ist das Ausmaß riesig. Greenpeace International hat errechnet, dass sich die Abholzung seit der Selbstverpflichtung der Firmen im Jahr 2010 bis zum Ablauf der Umsetzungsfrist Anfang 2020 auf rund 50 Millionen Hektar Wald belaufen wird. Das ist eine Fläche, die in etwa so groß ist wie Spanien.

Den größten Einfluss auf die Waldzerstörung haben der Anbau von Tierfutter und die Tierhaltung. Viele Tiere, deren Produkte wir essen, wie Eier, Grillsteak, Käse und Schinken auf dem Sandwich oder Milch, hatten Soja im Futtertrog.

Die Unternehmen sind noch weit vom Ziel entfernt, Waldzerstörung in der Lieferkette auszuschließen – obwohl sie fast zehn Jahre Zeit hatten. Gibt es vielleicht doch gute Gründe, die Transparenz verhindern?

Nein, die gibt es nicht. Vor allem fehlt der Wille. Die Intransparenz ermöglicht allen, so weiterzumachen wie bisher – ohne Verbraucher mit der Nase darauf zu stoßen, dass ihre Produkte im Zusammenhang mit Abholzung stehen.

Die Firmen kennen zum Teil ihre eigenen Lieferketten nicht gut genug. Die Bemühungen herauszufinden, woher die Agrarrohstoffe genau stammen, sind nicht ausreichend. Sie erklären dann lediglich, diese von großen Ölpflanzen-Händlern wie Cargill oder ADM zu beziehen.

Manche Unternehmen verweisen darauf, die Lieferkette nicht offenlegen zu können, weil sie sich vertraglich dazu verpflichtet haben. Doch das ist vorgeschoben. Einige Unternehmen wie beispielsweise Nestlé, Mars und L’Oréal haben ja zumindest einige Zulieferer benannt.

Gibt es denn unter den analysierten Unternehmen welche, die Waldzerstörung ausschließen können?

Nein. Selbst Firmen, die im Vergleich zu anderen für etwas mehr Transparenz sorgen, können das nicht. Auch sie beziehen ihre Agrarrohstoffe von den großen Händlern.

Konkretes Beispiel Palmöl: Vergangenes Jahr veröffentlichten 17 Firmen auf Druck von Greenpeace ihre Zulieferer. Auf dieser Grundlage konnten wir nachweisen, dass keine davon ausschließen kann, Palmöl zu nutzen, für das Wald zerstört wurde.

Und deshalb nimmt Greenpeace jetzt die Politik in die Pflicht?

Nach knapp zehn Jahren unerfüllter Versprechen lautet die bittere Erkenntnis: Die freiwilligen Selbstverpflichtungen der Firmen reichen bei weitem nicht, um der globalen Klimakrise und dem Artensterben entgegenzuwirken.

Leider fehlt es derzeit massiv am politischen Willen der Bundesregierung, die Spielregeln so zu ändern, dass sich auf Kosten von Mensch und Umwelt kein Geschäft mehr machen lässt.

Was müsste die Bundesregierung unternehmen?

Wir brauchen dringend ein Gesetz, das Unternehmen dazu verpflichtet, was eigentlich selbstverständlich sein sollte: Sie müssen Menschenrechte und den Schutz der Umwelt achten. In Frankreich wurde so ein Gesetz bereits 2017 beschlossen.

In Deutschland hat sich Bundesentwicklungsminister Gerd Müller für ein solches Gesetz ausgesprochen. Derzeit liegt der Schwerpunkt auf dem Schutz der Menschenrechte, Umweltaspekte sollten allerdings ebenfalls berücksichtig werden. Denn nicht nur viele Firmen, auch Regierungen wie die deutsche Bundesregierung haben sich dazu verpflichtet, die Abholzung zu beenden.

Noch gibt es das Gesetz nicht. Können Verbraucher Waldzerstörung ausschließen, wenn sie bestimmte Produkte nicht kaufen, die zum Beispiel Soja oder Palmöl enthalten?

Kaum, da diese Stoffe direkt und indirekt in sehr vielen Produkten stecken – sogar in Putzmitteln und Zahnpasta. Greenpeace geht es auch nicht darum, einzelne Agrargüter wie Palmöl zu verteufeln. Jedoch muss der Anbau nach strengen ökologischen sowie sozialen Kriterien erfolgen.

Wenn wir Palmöl durch andere Pflanzenöle wie beispielsweise Sonnenblumenöl oder Rapsöl ersetzen würden, bräuchten wir viel mehr Fläche für den Anbau, um die gleiche Menge Öl zu erhalten. Das wäre ökologisch auch nicht sinnvoll und würde Probleme nur in andere Regionen verlagern.

Vor allem müssen wir den Verbrauch drosseln, insbesondere da, wo er keinen Sinn macht. Rund die Hälfte des in Europa verwendeten Palmöls landet beispielsweise im Tank. Das verschärft den Druck auf die Wälder nur noch mehr.

Was auf jeden Fall hilft: regionale und unverarbeitete Produkte zu kaufen. Selber zu kochen, zu backen oder Kosmetik und Reinigungsmittel herzustellen. Auch Produkte, die nach strengen ökologischen und sozialen Kriterien hergestellt werden, sind eine gute Wahl.

>>> Für alle, die mehr tun möchten, haben wir zehn Alltagstipps zusammengestellt, die zum Waldschutz beitragen.

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