"Es ist möglich, Naturschutz und Agrikultur zu verbinden."

Weltmeister der Pestizide

Antônio Inácio Andrioli ist Experte für Agrarökologie. Im Greenpeace Interview spricht er über Pestizidverbrauch in Brasilien, was dieser mit Europa zu tun hat sowie andere Herangehensweisen an Landwirtschaft.

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Antônio Inácio Andrioli war jahrelang Vizepräsident der brasilianischen staatlichen Universität UFFS (Universidade Federal da Fronteira Sul), die sich schwerpunktmäßig mit nachhaltiger Landwirtschaft und Agrarökologie beschäftigt. 

Greenpeace: Sie nennen Brasilien den “Weltmeister im Pestizid-Einsatz”. Warum?

Antônio Andrioli: Wie ich in meinem neuen Buch genauer ausführe, verfügt Brasilien über enorme Naturressourcen und sehr unterschiedliche Klimazonen, die eine riesige biologische Vielfalt hervorgebracht haben und den Anbau fast aller Kulturpflanzen ermöglichen. Die Wirtschaftsstruktur ist aber nach wie vor stark von Agrarexporten geprägt, basierend auf Monokulturen wie Kaffee, Soja und Zuckerrohr. Diese begünstigen Pestizideinsatz: In keinem Land der Welt wird soviel Pestizid verwendet wie in Brasilien. Im Jahr 2020 ist der gesamte Einsatz der Agrargifte auf rund 1 Milliarde Kilogramm gestiegen. Für das Jahr 2021 wird einen Zuwachs von 10 Prozent erwartet. Nach Schätzungen ist damit Brasilien bereits für etwa ein Fünftel des weltweiten Pestizidverbrauchs zuständig.

Welche Auswirkungen hat das auf die Biodiversität und Natur vor Ort?

Pestizide töten viele wirbellose Tiere, besonders Spinnen, Käfer und die für den Boden vorteilhaften Regenwürmer. Auch Fischarten und Wasserorganismen sterben durch Rückstände der Wirkstoffe in den Gewässern ab. Das ganze Ökosystem ist betroffen. So genannte Unkrautvernichtung macht den größten Anteil der eingesetzten Pestizide aus. Sie führt zu unerwünschten ökologischen Auswirkungen, denn die angeblichen Unkräuter spielen eine wichtige Rolle im biologischen Pflanzenschutz und als Schutzdecke gegen die Erosion des Bodens.

Was hat Pflanzenvielfalt damit zu tun?

Die Abnahme der Bodenfruchtbarkeit und mit ihr verbunden die Zunahme von Schädlingen, Krankheiten und Unkräutern ist eine unübersehbare, negative Folge des übermäßigen Chemikalieneinsatzes. Um mit den Problemen zurechtzukommen, wäre die Fruchtfolge die beste Option. Pflanzenarten wie Roggen, Gerste, Weizen, Tabak und Hafer setzen beispielsweise über ihre Wurzeln oder bei der Zersetzung toxische Substanzen frei, die die Keimung und die Entwicklung mancher Wildkräuter hemmen.

Dennoch sehen besonders Großbetriebe Fruchtfolge als nachteilig an, denn manche für das Gleichgewicht des Bodens wichtige Pflanzen lassen sich gar nicht oder nur weniger rentabel vermarkten, verglichen mit den Monokulturpflanzen.

Was bedeutet der Pestizideinsatz für die Menschen, die in den Regionen leben?

Das Wasser, die Luft, den Boden und die Nahrungsmittel sind zunehmend kontaminiert. Untersuchungen in 1.396 Kommunen stellten 27 Giftstoffe in 25 Prozent der Kommunen des Landes fest. Davon sind 21 in der EU nicht zugelassen, 16 davon als extrem oder hochgiftig eingestuft, 5 mit der Entwicklung von Krebs und 6 mit Missbildungen und Reproduktionsproblemen verbunden. Die Vermischung von Giftstoffen hat vermutlich weitere toxikologische Auswirkungen.

2.931 Kommunen haben leider die vorgesehenen Untersuchungen nicht durchgeführt, ihre Ergebnisse würden die Zahl der betroffenen Regionen sicherlich noch steigern. Der Bundestaat São Paulo ist mit rund 500 Kommunen, in denen die 27 Giftstoffen nachgewiesen wurden, am stärksten betroffen. Und die Tendenz aller Zahlen ist steigend.

Laut Expertin Larissa Bombardi gehören zu den gesundheitlichen Folgen zwischen 2007 und 2017 offiziell 41.612 Vergiftungen durch Pestizide (3.782 pro Jahr, zehn pro Tag), unter den Betroffenen waren 514 Babys. Die Dunkelziffer liegt vermutlich viel höher.

Welche Rolle spielen indigene und bäuerliche Gemeinschaften?

Sie sind am stärksten von der Vergiftung im Wasser, in der Luft, im Boden und in Nahrungsmitteln betroffen. Der zunehmende Pestizideinsatz hat aber auch mit der Ausweitung von Monokulturen wie Soja zu tun, deren Produktion 2020 auf 57 Prozent der brasilianischen Ackerfläche stieg. Sie wird nach Europa und China exportiert und stellt wiederum die Existenz der bäuerlichen Gemeinschaften und Indigenen in Frage, die zunehmend verarmen, verhungern und von ihrem Land vertrieben werden.

Sie sprechen von Agrarökologie und Solidarwirtschaft. Können Sie ausführen, was das bedeutet?

Die Agrarökologie ist eine wissenschaftlich unterlegte Reaktion auf die negativen Auswirkungen der “Grünen Revolution” besonders in den ärmsten Ländern. Sie hat deshalb eine starke politische Komponente: Indem sie den Input senken und die natürlichen Produktionsgrundlagen bewahren will, wirkt sie ökonomisch stabilisierend für die traditionellen Gemeinschaften und reduziert technische Abhängigkeiten durch traditionelles und lokales Wissen.

Die Solidarwirtschaft umfasst Organisationsformen, die auf kollektivem Eigentum, der Solidarität unter den Produzenten und dem Recht auf individueller Freiheit bei den wirtschaftlichen Initiativen basieren. Eine genossenschaftliche Organisation kann beispielsweise interessant sein, wenn sie zugleich auf eine regional vernetzte Produktion und Versorgung setzt. Nötig sind staatliche Mechanismen einer solidarischen Umverteilung des Einkommens und die Bereitstellung von Mikrokrediten.

Ich denke, dass die angewandte Agrarökologie zusammen mit der Selbstorganisation von Bäuerinnen, Bauern und Konsument:innen die einzige tragfähige und zukünftige Produktionsform von Lebensmitteln ist. Durch Agrarökologie und Solidarwirtschaft ist es möglich, Naturschutz und Agrikultur, Tradition und Wissenschaft zu verbinden, um eine enkeltaugliche Produktionsform von Lebensmitteln zu gestalten.

Welchen Einfluss hat die Umsetzung solcher Konzepte auf den Pestizideinsatz?

Der Übergang von der traditionellen zu einer ökologischen Landwirtschaft kann in vier Phasen ablaufen. Erstens verringerter Chemikalieneinsatz, zweitens verbesserte Effizienz bei ihrem Einsatz durch integrierte Schädlingsbekämpfung und Nährstoffbehandlung, drittens Umstellung auf energiesparende Technologien und viertens Umstellung auf eine diversifizierte Landwirtschaft. Wichtig ist, die biologische Vielfalt an der Bodenoberfläche und die gesamte Biomasseproduktion zu steigern, die Giftrückstände abzubauen, den Verlust an Nährstoffen zu reduzieren und Produktionsfaktoren im Betrieb intelligenter zu kombinieren, eben beispielsweise durch Fruchtfolge sowie die Integration tierischer und pflanzlicher Produktion.

Was hat der brasilianische Pestizid-Einsatz mit Deutschland und der EU zu tun?

Interessen europäischer Konzerne stecken hinter dem Pestideinsatz. 44 Prozent der in Brasilien eingesetzten Pestizide sind in der EU nicht zugelassen. Allein BASF vermarktet 13 und Bayer zwölf Wirkstoffe in Brasilien, die in der EU nicht zugelassen sind. Die Ausweitung von Monokulturen wird dadurch erst möglich. Man sollte auch nicht übersehen, dass die Herstellung von Pestiziden und Medikamenten teils in einer Hand liegt, so dass Chemiekonzerne indirekt von den Behandlungen der vergifteten Menschen und Tiere profitieren.

Welche Rolle spielt die europäische Handelspolitik?

Zuerst muss das EU-Mercosur-Abkommen gestoppt werden. Es soll einen Absatzmarkt für Produkte der europäischen Industrie schaffen und vertieft andersherum die Abhängikeit von Agrarprodukten aus Lateinamerika, zum Beispiel Soja und Ethanol. Davon würden Konzerne und Großgrundbesitzende profitieren, während die Umwelt, kleine Landwirt:innen und Konsument:innen auf beiden Seiten des Atlantiks verlieren.

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