Interview mit Heike Buchter zu den Nachhaltigkeitsversprechen des Vermögensverwalters Blackrock

„Überall ist Blackrock drin“

Die Finanzwelt muss ökologischer werden, fordert der größte Vermögensverwalter der Welt. Wir fragten Autorin Heike Buchter, was von Blackrocks „grüner Wende“ zu halten ist.

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Mitte Januar machte das Fondsunternehmen Blackrock Schlagzeilen. Diesmal ging es nicht um die unheimliche Marktmacht des New Yorker Vermögensverwalters, um Atomwaffengeschäfte oder undurchsichtige Verstrickungen mit der Politik. In einem offenen Brief wandte sich der CEO von Blackrock, Larry Fink, an die Unternehmenswelt. Seine Botschaft: „Jede Regierung, jedes Unternehmen und jeder Anleger muss sich mit dem Klimawandel auseinandersetzen.“ Sein Unternehmen würde sich künftig von Anlagen trennen, die dieses Risiko nicht zur Kenntnis nehmen.

Unter anderem ist Blackrock einer der größten Einzelaktionäre bei Siemens – die stehen vor der Hauptversammlung ihrer Aktionäre am 5. Februar unter gewaltigem Druck, ihre Geschäfte in Australien zu rechtfertigen: Mit der aus Deutschland gelieferten Signaltechnik soll dort ein großes Kohleprojekt des Unternehmens Adani realisiert werden – während vor Ort der Busch brennt: eine Folge von Trockenheit und Hitze, verstärkt durch die voranschreitende Erderhitzung, ausgelöst durch genau solche klimaschädlichen Unternehmensentscheidungen.

Müsste ein Investor wie Blackrock da im Sinne seiner neu gefundenen Verantwortung nicht seine beträchtliche Macht spielen lassen? Wir telefonierten mit Heike Buchter, Auslands-Korrespondentin der ZEIT in New York, die mit dem Buch „Black Rock: Eine heimliche Weltmacht greift nach unserem Geld“ die bislang umfangreichste Recherche zu dem Unternehmen veröffentlicht hat. Wir wollten wissen, was von der grünen Wende Larry Finks zu halten ist.

Greenpeace: Blackrock ist ein Name, mit dem man als Otto Normalverbraucher erst einmal nicht allzu häufig in Berührung bekommt… 

Heike Buchter: Das stimmt, die Leute kennen den Namen Blackrock nicht unbedingt. Aber wenn Sie morgens aufstehen und sich die Zähne putzen, dann ist die Zahnpasta mit hoher Wahrscheinlichkeit von einem Unternehmen hergestellt worden, in das Blackrock investiert ist. Genauso wenn Sie ein Deo benutzen, Rexona oder Axe zum Beispiel, auch da ist Blackrock drin. Wenn ihr Sohn zum Frühstück Nesquik trinkt, wenn Sie bei Vonovia zur Miete wohnen, sogar wenn sie Fußpilzsalbe benutzen, überall steckt Blackrock mit drin. 

Und das liegt einfach daran, dass das der größte Vermögensverwalter der Welt ist, mit einem derzeitigen Vermögen von über sieben Billionen Dollar. Das sind deutsche Billionen, keine amerikanischen billions, ich habe mich da nicht versprochen. Um auf diese Summe zu kommen, müssen alle Deutschen zwei Jahre lang arbeiten. Das macht Blackrock natürlich unglaublich wichtig für Unternehmen. Und macht es auch unglaublich wichtig für uns.

Vor Kurzem hat Blackrock-CEO Larry Fink sein Unternehmen per offenem Brief auf mehr Nachhaltigkeit eingeschworen. Was können die überhaupt tun?

Dazu muss man verstehen, wie Blackrock investiert ist. Zwei Drittel von dem, was Blackrock von ihren Kunden verwaltet, liegt in sogenannten Indexfonds. Das sind Fonds, die einen Aktienindex abbilden, wie zum Beispiel den DAX. Solche Indizes werden nicht von Blackrock, sondern von anderen Firmen erstellt. Beispielsweise legt eine Firma einen Index auf, in dem wichtige Biotech-Unternehmen enthalten sind. Dann kann Blackrock Fonds anbieten, die alle diese Aktien im Portfolio haben. Das heisst, wenn Blackrock einen solchen Indexfonds anbietet, ist man dort gezwungen, auch in alle Aktien zu investieren, die in dem Index vorkommen. Denn das ist der Auftrag, den der Kunde gegeben hat. 

Sagen wir, Sie wollen als Privatanleger Altersvorsorge betreiben. Sie glauben an die deutsche Wirtschaft, darum investieren sie in den DAX. Das machen Sie heute in aller Regel über Indexfonds. Bei Blackrock ist das die Marke iShares. Jetzt ist beispielsweise Siemens ein Teil des DAX, und wenn Blackrock einen Indexfonds darauf anbietet, müssen sie diese Aktie auch kaufen. Sie können dann nicht sagen: Bei uns ist im DAX Siemens aber nicht mit drin. Und RWE wollen wir wegen des Hambacher Forsts nicht haben; aus anderen Gründen die Deutsche Bank nicht. Das geht nicht. 

Was Blackrock durchaus allerdings machen kann, ist Einfluss nehmen auf die Geschäfte eines Unternehmens, auf das Management. Denn Blackrock ist durch diese gewaltige Vermögenssumme, die sie verwalten, in ganz, ganz vielen wichtigen Unternehmen einer der größten Einzelaktionäre, und damit wird Larry Fink natürlich zum mächtigsten Mann im Spiel. 

In welchen Fällen lässt er denn seine Macht spielen?

Das passiert zum Beispiel, wenn Fusionen oder Übernahmen anstehen. Dann spielen die Wünsche wichtiger Einzelaktionäre natürlich eine große Rolle. Ein Manager eines Konzerns ist in der Regel gut beraten, sich da die Meinung von Großinvestoren einzuholen, sei es Blackrock oder Vanguard oder ein anderer der Großen. Das heißt, auf dieser Schiene kann man bei Blackrock schon einiges tun. Wenn sie es denn tun. Denn das war einer der größten Kritikpunkte von Umweltschützern in den vergangenen Jahren: In der Vergangenheit hätte es dort, wo andere Aktionäre auf Hauptversammlungen gefordert hatten, dass das Unternehmen doch wenigstens die Klimarisiken offenlegt, mehr Resultate gegeben, wenn Blackrock mitgezogen hätte. 

Da sind sie auch nicht die einzigen. Das Climate Majority Project schaut sich an, ob die großen Investoren bei Hauptversammlungen im Sinne von Klimaschutz abstimmen oder nicht. Laut deren Bericht hat Blackrock im letzten Jahr bei Vorlagen von anderen Aktionären nur in zwölf Prozent der Fälle mit für entsprechende Vorschläge gestimmt. Das heißt, aus dieser Perspektive kommt Larry Finks grüne Wende zum Jahresanfang 2020 doch etwas überraschend.

Der deutsche Konzern Siemens steht gerade heftig in der Kritik, weil er Kohleprojekte in Australien ermöglicht. Rob Henderson, der ehemalige Chef-Volkswirt der National Australia Bank und der Dresdner Bank, sagte gegenüber der SZ: „Geht dieses Bergwerk in Betrieb, wird es das größte Klimazerstörungs-Projekt der Erde sein.“ Nun ist Blackrock einer der größten Aktionäre bei Siemens. Müsste Fink da im Sinne seines Nachhaltigkeits-Credos nicht bei Siemens intervenieren? 

Das müssten Sie jetzt Larry Fink fragen. Man kann allerdings nicht erwarten, dass Blackrock komplett bei Siemens aussteigt, um die zu bestrafen, das geht in dem Geschäftsmodell überhaupt nicht. Das Druckmittel liegt eher bei anderen Investoren. Mit einer Ausnahme: Wenn Blackrock einen Fonds anbietet, für den ein Fondsmanager aktiv Siemens-Aktien ausgewählt hat – solche aktiven Investmentfonds bietet Blackrock ebenfalls an– dann kann der durchaus sagen: Wenn Siemens das durchzieht, dann steigen wir an dieser Stelle aus. Das kann man dem Unternehmen so als Drohung klarmachen. 

Ansonsten kann Blackrock natürlich im Sinne dieses Briefes hingehen und sagen: Das hier ist ein Projekt, von dem wir als wichtiger mitführender Einzelaktionär nicht wünschen, dass ihr euch beteiligt. Wir legen das darum den anderen Aktionären bei der Hauptversammlung vor und regen an, dass sich Siemens künftig an solchen Projekten nicht beteiligt.

Befeuert die Finanzwelt Ihrer Ansicht nach die Klimakrise?

Wenn niemand mehr Kohlebergwerke oder die Teersand-Ausbeutung in Kanada finanzierte, wenn kein Geld mehr in den Bau von Pipelines gesteckt würde, dann sähe natürlich auch ganz vieles in der fossilen Brennstoffindustrie anders aus, aus Mangel an Kapital. Deswegen sagen seit einigen Jahren viele Umweltschützer: Wir müssen uns nicht nur die einzelnen Unternehmen angucken, sondern uns auch deren Eigentümer vorknöpfen. 

Blackrock hat da bislang immer geantwortet: Ja, ja, wir mischen uns ja ein. Ihr Begriff dafür ist Engagement, das heißt: Sie sprechen die Unternehmen gezielt auf Investitionen an. In der letzten Periode haben sie in diesem Rahmen mit über 300 Firmen gesprochen, so viel haben sie offengelegt. Investiert sind sie aber in vielen Tausenden. Und in vielen dieser Engagement-Gespräche wird Klima auch gar kein Thema gewesen sein. 

Man kann Fink so verstehen, dass es für ihn unerheblich ist, ob der Klimawandel stattfindet oder nicht: Wenn die Angst davor das Anlageverhalten beeinflusst, dann reagiert er eben darauf. Ihrer Meinung nach: Ist Larry Fink ein Umweltschützer?

Nein, aber das schreibt er ja ganz klar in seinem Brief. Er sagt nicht: Ich bin zum Schluss gekommen, dass wir da was tun müssen. Stattdessen steht da ganz deutlich: Es sind immer mehr Kunden deswegen auf uns zu gekommen. Sehen Sie, das neue heiße Thema an der Wall Street sind im Moment die sogenannten ESG-Fonds. Die sind auch sozial nachhaltig, nicht nur umweltbewusst, und die sind richtig gut gelaufen. 

Blackrock ist selbst ein börsennotiertes Unternehmen, das Gewinne erwirtschaften muss. Die müssen zusehen, dass sie wachsen, und es ist wahnsinnig schwierig, wenn sie mal eben sieben Billionen Dollar verwalten. Neues Geld muss da in großen Summen reinkommen, damit das bei ihren Gewinnen überhaupt noch irgendwo die Tachonadel ausschlagen lässt. Dann schaut man eben: Was interessiert die Anleger? Auch dank Greta ist das zunehmend Umwelt- und Klimaschutz. Das kriegt Blackrock zu spüren. Der japanische staatliche Pensionsfonds hat einen Teil seines Vermögens wieder bei Blackrock abgezogen, weil die sich in ihrer Anlagestrategie umweltfreundlicher ausrichten. Das sind Warnsignale, die Larry Fink natürlich nicht ignorieren kann. 

Im Grunde könnte doch egal sein, warum Blackrock mehr für den Klimaschutz tun will, Hauptsache, sie tun es.

Ich gehörte auch zu den Kritikern, die sagten: Die müssen jetzt endlich mehr machen. Aber im Grunde genommen verlangen wir, dass sie sich für eine Sache engagieren, die wir nicht großen Investoren überlassen sollten, und auch nicht großen Unternehmen. Es sollten eigentlich die Wähler und die Politik sein, die die Rahmenbedingungen schaffen. Dann müssten wir nicht dankbar sein, wenn Larry Fink an irgendwelche Manager böse Briefe schreibt. 

Die politischen Rahmenbedingungen müssen den Klimaschutz gewährleisten. Dann können Sie auch in jedes Unternehmen investieren, weil ja alle klimaschützend arbeiten müssen. Darum regt es mich total auf, wenn nun alle jubeln und sagen: Wie geil ist das denn, dass Larry Fink sich nun entschieden hat, grün zu werden? Damit entlassen wir die Politiker aus der Verantwortung, und auch uns selbst. Wir sind als Konsumenten ja auch gefragt.

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