Freiwillige Kennzeichnung führt noch immer nicht zu besserem Fleischangebot im Supermarkt

Hauptsache billig

Fleisch aus tierschutzwidriger Haltung dominiert weiter das Sortiment in den Supermärkten. Das zeigen eine Abfrage beim Handel sowie Recherchen von Greenpeace-Aktiven.

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Update vom 17.10.20: Greenpeace-Demonstration vor Supermärkten in 50 Städten

In rund 50 Städten protestieren heute Greenpeace-Aktive gegen Billigfleisch und klären die Kundschaft der Supermärkte über die wahren Kosten der Fleischproduktion auf. (Eine Liste der Orte finden Sie hier.) Mit stilisierten Schweinemasken und Barcode-Clips am Ohr machen sie auf die Ausbeitung von Menschen, Tieren und Umwelt aufmerksam: "Billigfleisch ist ein krankes System" steht auf den Bannern. „Das Konzept der Supermärkte, Fleisch zu Dumpingpreisen anzubieten, um damit Verbraucherinnen und Verbraucher in ihre Läden zu locken, ist Teil des kranken Systems Billigfleisch”, sagt Stephanie Töwe, Landwirtschaftsexpertin von Greenpeace.

Große Supermarktketten: Vor allem Billigfleisch im Regal

Immer wieder sorgten in den letzten Monaten Corona-Ausbrüche in der Belegschaft großer Schlachthäuser für Aufregung – und damit rückte jedes Mal auch die Fleischproduktion von Tönnies und Co. in den Fokus der Öffentlichkeit. Das kranke System Billigfleisch beutet Menschen, Tiere und Umwelt gnadenlos aus. Sogar die Politik plant mittlerweile, die Tierhaltung in Deutschland in den nächsten 20 Jahren so zu ändern, dass die Tiere artgerecht gehalten werden können. Für den Umbau sollen Landwirtinnen und Landwirte finanziell gefördert werden.

Und was macht der Handel derweil? Die großen Supermarktketten Aldi Nord, Aldi Süd, Edeka, Kaufland, Lidl, Netto, Penny und Rewe setzen weiter auf Billigfleisch. Gut 90 Prozent des Frischfleischs der großen Einzelhandelsketten stammt von Tieren, die unter qualvollen und häufig gesetzeswidrigen Bedingungen gehalten wurden. Sie sind mit der freiwilligen Fleischkennzeichnung Haltungsform 1 oder 2 ausgewiesen. Schon fast auf Schatzsuche müssen sich Kundinnen und Kunden begeben, wenn sie Fleisch der besseren Haltungsform 3 kaufen möchten: Kaum eine Filiale bietet es an. Auch Angebote von Produkten aus der Haltungsform 4 – dazu zählen unter anderem Bio-Produkte – sind eher die Ausnahme im Fleischregal. 

„Der Handel ist mit seiner Einkaufspolitik maßgeblich dafür verantwortlich, dass Mensch, Tier und Klima massiv durch die industrielle Fleischproduktion geschädigt werden”, sagt Stephanie Töwe, Landwirtschaftsexpertin von Greenpeace. „Wir fordern die großen Ketten auf, Billigfleisch zügig aus dem Sortiment zu nehmen und Landwirte fair zu bezahlen. Nur dann können Tiere artgerecht gehalten werden.“ 

Kennzeichnung oft nur Greenwashing?

Um zu sehen, ob die Angaben des Handels mit dem tatsächlichen Angebot übereinstimmen, haben Greenpeace-Ehrenamtliche parallel zur Abfrage in rund 300 Filialen aller befragten Händler bundesweit das Schweinefleischsortiment unter die Lupe genommen. Massive Lücken bei der Haltungskennzeichnung gibt es vor allem an den Bedientheken mit Frischfleisch: Lediglich fünf Prozent der von Greenpeace besuchten Märkte von Edeka, Kaufland und Rewe haben das Schweinefleisch ausreichend gekennzeichnet. Während Kaufland gegenüber Greenpeace angab, an allen Theken zu kennzeichnen, zeigt sich vor Ort ein anderes Bild: In 14 von 16 besuchten Kaufland-Filialen war das Frischfleisch-Angebot bei Schwein an der Theke gar nicht markiert. „Die Kennzeichnung mit der Haltungsform schafft zwar grundsätzlich Transparenz. Wenn Kundinnen und Kunden aber fast ausschließlich Billigfleisch kaufen können, verkommt die Kennzeichnung zu Greenwashing”, so Töwe. 

Bereits vor gut zehn Monaten hatte Greenpeace den Lebensmitteleinzelhandel zur Kennzeichnung und dem aktuellen und geplanten Frischfleisch-Sortiment befragt. Im Vergleich zeigen sich keine Verbesserungen, was die Verfügbarkeit von Fleisch der besseren Haltungsformen 3 und 4 angeht. Auch die Pläne, ab wann das Billigfleisch der Haltungsformen 1 und 2 nicht mehr verkauft werden soll, sind meistens nicht ambitioniert genug. Insgesamt gilt leider weiterhin: Eine Haltungskennzeichnung für Frischfleisch allein reicht nicht aus, um die Tierhaltung in Deutschland zu verbessern.

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