Daniel Moser, Greenpeace-Experte für Mobilität, zur Habitat-Konferenz in Ecuador

Grüner, klüger, lebenswerter

2050 werden gut zwei Drittel aller Menschen in Städten wohnen. Die Frage lautet: Wie werden sie dort leben? Der Weltsiedlungsgipfel soll Antworten geben – Greenpeace ist vor Ort.

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Schon heute lebt die Hälfte aller Menschen in Städten, Tendenz stark steigend: In 30 Jahren werden es bereits rund zwei Drittel sein. Das birgt soziale Probleme und ökologische. Aber es kann auch eine Chance sein: etwa für nachhaltige Verkehrskonzepte, die viele Menschen sicher und emissionsarm an ihr Ziel bringen – dank eines gut ausgebauten öffentlichen Nahverkehrs oder dichten Radwegenetzen.

Auf der Habitat-Konferenz in Ecuador beraten darum vom 17. bis zum 20. Oktober 40.000 UN-Delegierte über die Zukunft der Städte, darunter auch Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) und Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD). Diese Konferenz findet lediglich alle 20 Jahre statt – was hier besprochen wird, gibt die Leitlinien der Stadtentwicklung für die nächsten beiden Jahrzehnte vor. Daniel Moser, Greenpeace-Experte für Mobilität, wird das internationale Treffen für uns vor Ort beobachten und bewerten. Im Interview erklärt er, was wachsende Städte mit dem Klimaschutz zu tun haben.

Greenpeace: Worum geht es auf der Habitat-Konferenz in Ecuador?

Daniel Moser: Ganz grundsätzlich um die Frage, in was für einer Art von Städten wir künftig leben wollen. Die Konferenz schlägt vor, woran sich eine nachhaltige Stadtplanung orientieren müsste. Das ist eine drängende Frage, schließlich wächst der Anteil der Stadtbewohner rasant. Deswegen geht es im Grunde auf der Konferenz auch darum, ob wir die in Paris vereinbarten Klimaziele tatsächlich ernst nehmen.

Was hat Stadtentwicklung mit Klimaschutz zu tun?

Eine ganze Menge. In der Vergangenheit war der Maßstab der Stadtentwicklung das Auto. Eine Stadt musste so geplant werden, dass ihre Bewohner alle Ziele möglichst schnell mit dem eigenen Auto erreichen können. So entstanden monströse Straßenschluchten, die ganze Innenstadtviertel zerstörten, wie etwa die Ost-West-Straße in Hamburg. Stadtautobahnen wie die A100 in Berlin pumpen bis heute einen unablässigen Strom an Autos in die Stadt.

Inzwischen müssen wachsende Städte schmerzhaft lernen, dass dieses Prinzip nicht länger funktioniert: Zu den Stoßzeiten herrscht Dauerstau, die Luftqualität entlang der Hauptstraßen ist gesundheitsgefährdend, fahrende und parkende Autos nehmen Fußgängern und Radfahrern dringend nötigen Platz weg.

Dabei verursachen die immer länger im Stau stehenden Automassen nicht nur große Mengen an Treibhausgasen, auch der Bau der nötigen Straßen und Brücken aus Beton, Asphalt und Stahl steigert den CO2-Ausstoß massiv. Rechnet man hoch, wie viele Treibhausgase entstehen, wenn die rasant wachsenden Städte im globalen Süden eine vergleichbare Infrastruktur für Autos bauen, wie sie etwa in amerikanischen und europäischen Metropolen bereits entstanden ist, dann erwärmt sich schon alleine dadurch die Atmosphäre um mehr als zwei Grad.

Dabei haben sich die Staaten in Paris verpflichtet, den Temperaturanstieg wenn irgend möglich sogar auf 1,5 Grad zu begrenzen. Wie können Städte dazu beitragen?

Sie müssen sich schrittweise vom Auto verabschieden und natürlich parallel attraktive Alternativen aufbauen. Metropolen wie Paris, Oslo oder Kopenhagen zeigen längst, wie das geht. Sie sperren auch große Straßen für Autos und öffnen sie für Menschen, bauen das Netz an Radwegen spürbar aus und setzen mehr auf klimafreundliche Mobilität. Schon heute entstehen 75 Prozent der globalen Treibhausgase in Städten. Ein guter Teil davon lässt sich eingesparen, wenn Städte kompakter werden, nachhaltige Verkehrsmittel fördern und dabei das Auto Schritt für Schritt durch klügere Arten der Mobilität ersetzen.

Die Habitat-Konferenz muss Stadtplanern in aller Welt eine klares Signal senden: Mit dem Abschied vom Auto haben moderne Städte eine Menge zu gewinnen. Ohne eine Verkehrswende verlieren nicht nur die Stadtbewohner, sondern alle, die schon heute und in Zukunft von den Folgen des Klimawandels bedroht sind.

Vor welche Herausforderungen stellt die Verkehrswende die Städte?

Mit einer hohen Bevölkerungsdichte, der zumindest theoretischen Nähe aus Wohnen, Arbeiten und Einkaufen bieten Städte beste Voraussetzungen für den Abschied vom eigenen Auto. Sie müssen diese Chance ergreifen, in dem sie die verschiedenen Ziele besser erreichbar machen. Das fängt bei kurzen Fußwegen an und geht mit guten Radwegen weiter. Um weiter entfernte Ziele bequem zu erreichen, brauchen moderne Städte ein gut ausgebautes Nahverkehrssystem.

Das Ziel muss sein, den Anteil der Wege deutlich zu steigern, der mit grünen Verkehrsmitteln zurückgelegt wird: mit dem Fahrrad, dem ÖPNV oder zu Fuß. Denn der Autoverkehr verbraucht nicht nur unverhältnismäßig viel Fläche. Er ist auch ineffizient und verursacht hohe CO2­Emissionen. Und das Auto raubt der Stadt ihre Hauptqualität. Menschen brauchen öffentlichen Raum für Begegnungen, für Austausch und Erholung. Dieser Raum macht Städte erst lebenswert. 

Das klingt wie eine langfristige Aufgabe. Was können Städte kurzfristig tun?

Sie müssen dafür sorgen, dass weniger und sauberere Autos in der Stadt unterwegs sind. Damit das möglich wird, fordern wir die „Blaue Plakette“, mit der besonders schmutzige Autos aus den belasteten Stadtteilen herausgehalten werden können. Aber natürlich darf man den Menschen nicht einfach nur das Fahren verbieten, Städte müssen auch alternative Angebote machen. Schnell und kostengünstig ausbauen lässt sich etwa das Radwegenetz. Aber auch die Taktungen von Bussen und Bahnen müssen erhöht, schlecht erschlossene Stadtviertel besser angebunden werden. Nur so lässt sich das eigentliche Ziel erreichen: Städte, in denen niemand auf das Auto angewiesen ist.

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