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Schleichende radioaktive Verseuchung und illegale Einleitungen

Wiederaufarbeitung in La Hague

Am Standort La Hague arbeiten die zwei Wiederaufarbeitungsanlagen (WAA) UP 2 und UP 3. Die Abkürzung UP bedeutet Usine Plutonium (übersetzt: Plutoniumfabrik). Die gesamte Wiederaufarbeitungskapazität beträgt 1.600 Tonnen pro Jahr (t/a). Die Betreiberfirma der Wiederaufarbeitungsanlage COGEMA (Compagnie Générale des Matières Nucléaires) ist seit September 2001 Teil der Areva-Gruppe, die in allen Teilen der Atomindustrie - vom Reaktorbau bis zur WAA - aktiv ist.
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Usine Plutonium UP 2

Jahreskapazität 800 t/ a

Inbetriebnahme: 1966 bzw. 1994

Die Plutoniumfabrik UP 2 wurde in ihrer ursprünglichen Form 1966 in Betrieb genommen. Sie war zunächst ausschließlich für die Aufarbeitung von atomarem Brennstoff aus Gas-Graphit-Reaktoren (GGR) bestimmt. Ab 1976 wurde zusätzlich auch Brennstoff aus Leichtwasserreaktoren (LWR) aufgearbeitet. Seit Februar 1987 wird in der Wiederaufarbeitungsanlage UP 2 atomarer Brennstoff aus Leichtwasserreaktoren bearbeitet. Die Teile der Anlage, die nur für Brennstoff aus Gas-Graphit-Reaktoren bestimmt waren, wurden zu diesem Zeitpunkt stillgelegt. UP 2 ist überwiegend für den französischen Bedarf bestimmt.

Usine Plutonium UP 3

Jahreskapazität 800 t/ a

Inbetriebnahme: August 1990

Die Plutoniumfabrik UP 3 verfügt über eine Jahreskapazität von 800 Tonnen. Mehr als die in UP 2 bereits zur Verfügung stehenden Wiederaufarbeitungskapazitäten werden für den nationalen französischen Bedarf nicht benötigt. UP 3 ist deshalb ausschließlich für ausländische Kunden bestimmt und wurde nur aufgrund der Vorfinanzierung durch deutsche und japanische Kunden gebaut. In UP 3 werden atomare Brennelemente aus vier europäischen Ländern (Deutschland, Schweiz, Belgien, Niederlande) und Japan wiederaufgearbeitet. Mit Abstand größter Kunde sind die deutschen Atomstromproduzenten.

Ungelöste Entsorgung

In § 9a schreibt das Atomgesetz den Betreibern von Atomkraftwerken eine schadlose Verwertung oder die geregelte Endlagerung ihres hochradioaktiven Atommülls vor. Mit dem sogenannten Entsorgungsvorsorgenachweis muss ein Kraftwerksbetreiber der zuständigen Genehmigungsbehörde diese schadlose Verwertung oder die geordnete Beseitigung nachweisen. Als Nachweis gilt zurzeit die Lagerung in den kraftwerksinternen Abklingbecken und in Zwischenlagern, bis 2005 galt auch die Verlagerung in die Wiederaufarbeitungsanlagen La Hague (Frankreich) und Sellafield (Großbritannien). Die deutschen Atomkraftwerke lieferten bisher rund 60 Prozent (4.540 Tonnen) ihres Atommülls nach La Hague, 10 Prozent (655 Tonnen) nach Sellafield.

Bei der Wiederaufarbeitung werden in einem chemischen Verfahren hochgiftiges Plutonium und Uran aus abgebrannten Brennelementen abgetrennt. Da für die Wiederaufarbeitung zahlreiche Hilfsstoffe, Chemikalien und Werkzeuge notwendig sind, vervielfacht sich der Atommüllberg um das 20-Fache. Eines Teils des Atommülls entledigen sich die Betreiber der Wiederaufarbeitungsanlagen auf billige Weise über Abwasserpipelines. Jährlich werden rund 500 Millionen Liter radioaktives Abwasser von den Betreibern der Wiederaufarbeitungsanlage La Hague, COGEMA, in den Ärmelkanal/Nordsee gepumpt. Durch die Wiederaufarbeitung deutscher abgebrannter Brennelemente sind viele Tonnen Plutonium separiert worden.

Wiederaufarbeitung macht Meeresboden zu Atommüll

Anfang 1997 wiesen zwei französische Wissenschaftler in einer Studie den Zusammenhang zwischen den radioaktiven Einleitungen in La Hague und einer erhöhten Blutkrebsrate bei Kindern und Jugendlichen nach. Danach wurde eine im Vergleich zum Landesdurchschnitt um den Faktor drei höhere Blutkrebsrate innerhalb eines Umkreises von 10 Kilometern um die Anlage ermittelt.

Greenpeace führte im April 1997 erste Messungen am Abwasserrohr der Wiederaufarbeitungsanlage La Hague durch. Im Juni und September 1997 wurden Meerestier-, Sediment-und Abwasserproben von Greenpeace-Tauchern in unmittelbarer Nähe der Abwasser-Pipeline, teilweise unter Aufsicht eines vereidigten Sachverständigen, entnommen. Die Proben wurden von zwei unabhängigen Labors analysiert.

Nach den Analysen sind die inneren Ablagerungen der Pipeline so hoch verstrahlt, dass sie nach dem derzeitigen deutschen Recht in Zement verpackt und tiefengeologisch endgelagert werden müssten. Proben von Meeressediment und Rohrablagerungen enthielten derart viel Plutonium, dass diese Proben nach deutschem Recht als kernbrennstoffhaltig einzustufen sind. Auch Proben von Krebsen zeigen, dass die Meeresverseuchung bei La Hague Ausmaße angenommen hat, die mit Kontaminationen nach nuklearen Großunfällen vergleichbar sind.

Illegale Einleitungen

Bei einer Filterprobe des radioaktiven Abwassers - unter Aufsicht eines vereidigten technischen Sachverständigen aus Frankreich - stellte Greenpeace fest, dass COGEMA radioaktive Partikel einleitet, die eine Größe bis zu 63 Mikrometern haben. Die Betriebsgenehmigung erlaubt aber eine maximale Partikelgröße von nur 25 Mikrometern. Greenpeace verklagte daraufhin COGEMA.

Anfang 2000 ließ das zuständige Gericht die Greenpeace Klage zu. Um zu beweisen,dass sich seit 1997 an der Praxis der illegalen Partikel-Einleitung nichts geändert hat, führten Greenpeace Taucher im April 2000 erneut Messungen an der Abwasserpipeline durch. Ergebnis: die strahlenden Partikel im Abwasser sind mindestens 36 Mikrometer groß. Es fanden sich sehr hohe Konzentrationen von Kobalt-60 und Ruthenium-106 sowie des äußerst radiotoxischen Americium-241. Die radioaktiven Teilchen sind wasserunlöslich, strahlen Hunderte von Jahren und können über Fische und Meeresfrüchte in die Nahrungskette des Menschen gelangen.

Radioaktive Abluft

Um die Messungen am Standort La Hague zu vervollständigen, hat Greenpeace im Herbst 1998 damit begonnen, die Abluft der Anlage zu untersuchen. Mit großen Lenkdrachen an denen Geräte zur Luftentnahme befestigt waren, konnten Proben entnommen werden. Ergebnis: 93.000 Becquerel/m³ Luft Krypton-85, ein Edelgas das aufgrund von künstlichen Einträgen (Atomtests, Wiederaufarbeitung) weltweit im Durchschnitt nur mit 1-2 Becquerel/m³ in der Luft vorkommt. Die Untersuchungen ergaben, dass die Werte in La Hague mehrere Male im Jahr den Grenzwert von 1.850 Becquerel/m³ Luft überschreiten. COGEMA ignoriert damit die ohnehin schon für den Betrieb der Anlage günstig ausgelegte Einleitungslizenz. Damit macht sich die Firma nach französischem Recht strafbar.

Von Verwertung kann keine Rede sein

Von Verwertung des aus den abgebrannten Brennelementen gewonnenen Urans und Plutoniums kann aus mehreren Gründen keine Rede sein. Einerseits widerspricht die Tatsache, dass die Menge des endzulagernden Atommülls durch die Wiederaufarbeitung potenziert wird, den Grundsätzen der Verwertung.

Andererseits wurde das eigentliche Ziel, den Kernbrennstoff zu recyceln, nie erreicht. Im Gegenteil: In La Hague wurden seit Anfang der 70er Jahre bis 2000 rund 37 Tonnen Plutonium aus deutschen Brennstäben abgetrennt, von denen bis heute nur etwa sieben Tonnen wieder eingesetzt wurden. Ebenso wurden mehr als 2.000 Tonnen sogenanntes wiederaufgearbeitetes Uran (WAU) abgetrennt, aber erst maximal zwei Tonnen als Versuchsbrennelemente verarbeitet. Ob das WAU jemals eingesetzt wird ist fraglich. Verunreinigungen und teurere Verarbeitungsprozesse machen das Uran, insbesondere aber auch das Plutonium für die Energieversorger unattraktiv.

Greenpeace fordert:

  • Die Wiederaufarbeitung abgebrannter Brennelemente muss weltweit sofort eingestellt werden.
  • Die Atommüllproduktion muss durch den Ausstieg aus der risikoreichen Atomenergie beendet werden.

Stand 05/2000

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