Transparency-Index: Wie nachvollziehbar handelt die Modeindustrie?

Ziemlich zugeknöpft

Modeketten machen Fortschritte in Sachen Nachhaltigkeit. Beim Thema Verschwendung lässt sich die Branche allerdings ungern in die Karten schauen. Genau dort liegt das Problem.

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Vieles, was wir über die Modeindustrie wissen, macht wütend: die Überproduktion, die schadstoffhaltige Chemie, die Arbeitsbedingungen in den Textilfabriken. Nicht alles liegt offen; doch die Forderung nach Transparenz, bei Greenpeace seit Jahren Bestandteil der „Detox my Fashion“-Kampagne, hat bereits viel bewirkt.

In Sachen Chemikalienmanagement darf man sagen: Es wird besser. (Welche Ökosiegel bei Kleidung empfehlenswert sind, verrät der Greenpeace-Textilratgeber.) Gleiches gilt für die Arbeitsbedingungen in den ärmsten Gegenden der Welt, die für die reichen Länder Kleidung herstellen: Seit der Katastrophe von Rana Plaza vor fünf Jahren, bei der mehr als 1100 Menschen beim Einsturz einer Fabrik in Bangladesch ums Leben kamen, ändern sich langsam die Konditionen. Selbst wenn noch viel im Argen liegt: Nach Rana Plaza konnten Unternehmen vor ihren Kunden keine Unwissenheit mehr vorschützen.

Wissen ist Macht, auch in diesem Fall. Wo die Fakten auf dem Tisch liegen, lassen sich Missstände erkennen und beheben. Mehr noch: Die Öffentlichkeit verlangt danach. Hier kommt der gerade veröffentlichte Transparency-Index für die Modebranche ins Spiel. Der beziffert, wie viele Marken recyceln, welche Reparaturservices anbieten, welche Umweltschutzanforderungen sie an ihre Zulieferer stellen. Dabei klafft eine bezeichnende Lücke in dem Bericht. Bei dem Thema Verschwendung geben sich die Firmen nämlich außerordentlich zugeknöpft: Weniger als ein Fünftel der befragten Unternehmen wollte zu seinem Umgang damit konkrete Angaben machen.

Berge unverkaufter Kleidung

Was bedeutet Verschwendung in dem Zusammenhang? Im Grunde alles Überflüssige, das produziert wird. Dazu gehört Verschnitt bei der Produktion, fehlerhafte Kleidung, die gar nicht erst ausgeliefert wird, aber auch alles, was nicht verkauft wird. Und das ist eine Menge: Im ersten Quartalsbericht 2018 erklärte H&M, auf einem sprichwörtlichen Berg Klamotten im Wert von rund 3,5 Milliarden Euro zu sitzen. Ein irrsinniges Volumen (das zum Teil in Kraftwerken verfeuert wird), aber symptomatisch für Fast-Fashion-Ketten, deren Kollektionen nahezu wöchentlich wechseln: Mode ist ein Wegwerfprodukt. Und zwar nicht nur für den Verbraucher, der sich eines ungeliebten Kleidungsstückes entledigt, sondern auch für die Händler und Hersteller, im großen Stil.

Wie viel verschwendet wird, sagen sie nicht, aber anhand einiger Parameter lässt sich die Größenordnung immerhin schätzen. Die ist erschreckend, schon bevor die Ware überhaupt in die Läden gelangt. Bis die Kollektion dort an Bügeln hängt, ist durchschnittlich bereits ein Viertel bis die Hälfte der eingesetzten Stoffe als Verschnitt und Produktionsabfall in der Entsorgung gelandet. Ein Müllberg, der wächst und wächst. Darum muss nicht nur weniger produziert werden, sondern auch effizienter und ressourcenschonender.

Fast Fashion, langsam in der Nachhaltigkeitsentwicklung

Für den Transparency Index wurden insgesamt 150 Unternehmen zu nachhaltigen Praktiken in Produktion und Vertrieb befragt. 40 davon nehmen in ihren Shops Kleidung zurück beziehungsweise bieten an, Textilien zu recyceln. Nur neun Unternehmen reparieren kaputte Kleiderstücke ihrer Kunden. Ein modernes Schlagwort in Sachen Nachhaltigkeit lautet „Closing the Loop“, also den Kreis zu schließen. Damit sind technische Lösungen gemeint, die Kleidung kreislauffähig machen sollen, durch ein weitgehend verlustfreies Recycling. Mittlerweile unterhält knapp ein Viertel der Befragten solche Programme, ein positiver Trend im Vergleich zu 14 Prozent im vergangenen Jahr.

Der Ansatz ist zwar löblich, geht aber am drängendsten Problem vorbei: dass die Modeindustrie zu viel und zu schnell produziert. Vorerst ist nicht in erster Linie „Closing the Loop“ gefragt – sondern zunächst einmal „Slowing the Flow“: die Schlagzahl verringern. Dafür muss Kleidung allerdings so widerstandsfähig sein, dass man sie lange trägt: qualitativ hochwertig und reparierbar. Eben kein Wegwerfprodukt.

Fragen stellen – und Antworten einfordern

Heute jährt sich das Unglück von Rana Plaza zum fünften Mal, erneut findet um den Jahrestag herum die Fashion Revolution Week statt: im Andenken an die Opfer und als Denkanstoß für Konsumenten. Die verlangen Antworten. Wer produziert eigentlich meine Kleidung? Wie viel Abfall entsteht dabei? Und was geschieht mit den Kleiderbergen, die nicht verkauft werden? Diese Fragen laut zu äußern ist wichtig. Noch wichtiger ist es, dass die Industrie sie endlich ehrlich und vollständig beantwortet.

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