Jetzt spenden
Porträt von Martin Kaiser, geschäftsführender Vorstand von Greenpeace Deutschland
© Lucas Wahl / Greenpeace

„Wir haben es in der Hand“

In den vergangenen Tagen gab es in Teilen Deutschlands beispiellose Überflutungen. Was können wir tun, damit sich solche Bilder nicht wiederholen? Interview mit Martin Kaiser, geschäftsführender Vorstand von Greenpeace

Es ist eine Katastrophe. Mehr als hundert Menschen verloren in den vergangenen Tagen ihr Leben, hunderte werden noch vermisst. Nach den starken Regenfällen und Unwettern in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen werden die Aufräumarbeiten noch lange andauern. Sehen wir hier die Auswirkungen der Klimakrise? Wir sprachen mit Martin Kaiser, dem geschäftsführenden Vorstand von Greenpeace Deutschland, über diese schwere Zeit – und die, die uns bevorsteht. 

Greenpeace: Wie geht es dir, wenn du diese Nachrichten siehst?

Martin Kaiser: Wie uns allen. Die Bilder des Hochwassers in Deutschland sind erschütternd. Die Anteilnahme von Greenpeace gilt allen Betroffenen dieser Flut. Ich spreche da für alle, wenn ich sage: Wir denken an die Toten, die Vermissten und deren Angehörige.

Spürst du neben der Trauer auch Wut? Weil die Politik in der Vergangenheit nicht mehr unternommen hat? 

Die Wissenschaft hat davor gewarnt, und wir als Umweltschutzorganisation haben diese Warnungen jetzt mittlerweile 30 Jahre immer wieder verstärkt. Natürlich macht es wütend, nicht gehört zu werden. Dass sich solche Wetterextreme häufen und heftiger werden, ist schon lange mit Daten belegt. Und die Menschen in den betroffenen Landesteilen bekommen das jetzt schmerzlich zu spüren. Diese Starkwetterereignisse sind Teil der Klimakrise, daran gibt es keinen Zweifel. Angela Merkel hat in ihrer letzten Regierungserklärung den denkwürdigen Satz gesagt: „Wenn ich mir die Situation anschaue, kann kein Mensch sagen, dass wir genug getan haben.“ Ich fasse das so zusammen, die Politik hat versagt. Doch dieses Eingeständnis hilft den vielen Opfern in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz gerade nicht. Zum Glück sind viele Helfer:innen auch von uns vor Ort und machen dort einen so wichtigen und super Job.

Was muss passieren?

Diese Katastrophe zeigt, dass sofort gehandelt werden muss. Dieses Verständnis hat der Politik bisher gefehlt. NRW-Ministerpräsident und Unions-Kanzlerkandidat Armin Laschet hat sich in Hagen über die Hochwasserschäden informiert und dort vor allem von Nordrhein-Westfalens „Klima-Anpassungsgesetz“ gesprochen. Natürlich brauchen wir eine Anpassung an kommende Extremwetter-Katastrophen – auch in Deutschland. Aber: Viel besser als sich an Katastrophen anzupassen ist es doch, sie zu verhindern! Denn sonst wird es nur noch schlimmer.

Was macht Laschet als nordrhein-westfälischer Landesvater im Klimaschutz denn falsch?

Das Klimaschutzgesetz in NRW ist nicht wissenschaftsbasiert und viel zu schwach, um die Klimakrise abzuwenden: Durch die überzogene Abstandsregel werden Windräder quasi verhindert. Außerdem soll klimaschädliche Braunkohle noch weitere 17 Jahre lang in Deutschland abgebaggert und verfeuert werden. Das ist unglaublich, und das hatte Armin Laschet persönlich in einem Hinterzimmerdeal mit der Bundeskanzlerin so vereinbart. Dabei müssten gerade Braunkohlekraftwerke als Erstes vom Netz oder wenigstens gedrosselt werden, weil sie den höchsten CO2-Ausstoß aller Kraftwerke haben. 

Angesichts der aktuellen Bilder fällt es schwer, nicht zu verzweifeln. Wie können wir jetzt noch die Kurve kriegen?

Deutschland braucht wissensbasierten und mutigen, einfach echten Klimaschutz, der die 1,5-Grad-Grenze ernstnimmt. Wir brauchen Gesetze, die die Erderhitzung und damit noch größere Katastrophen verhindern. Wir müssen das Ruder jetzt sofort herumreißen. Sonst fallen die zukünftigen Katastrophen um ein Vielfaches schlimmer aus. Im September können wir Verantwortung für unsere Kinder übernehmen. Wir können eine Regierung wählen, die Klimaschutz ernst meint. Wir haben es in der Hand.

Wir starten gerade eine Regionaltour, wo wir ältere Menschen mit jungen ins Gespräch bringen wollen. Denn nur gemeinsam mit der älteren Generation können die jungen Menschen wieder Hoffnung bekommen und wirkliche Veränderung bewirken.

 

  • Starker Regen in Nordrhein-Westfalen

    Extrem starker Regen ist in der Nacht und am Tag gefallen, die Erft hat Straßen überflutet und Häuser zerstört.

    Überspringe die Bildergalerie
  • Aufräumarbeiten in Erftstadt

    Aufräumarbeiten in Erftstadt

    Überspringe die Bildergalerie
  • Starker Regen in Nordrhein-Westfalen

    Hochwasserschäden in Erfstadt nach starkem Regen. Greenpeace unterstützt die örtlichen Rettungsdienste mit einer Wasserpumpe.

    Überspringe die Bildergalerie
Ende der Gallerie

Online-Mitmachaktion

https://act.greenpeace.de/klimanotstand

Klimanotstand jetzt!

Klimanotstand jetzt! Bundeskanzler Merz muss uns gegen Hitze, Flut und Dürre schützen: Ausstieg aus fossilen Brennstoffen, mehr Naturschutz und finanzielle Hilfe für Städte und Kommunen.

Petition unterzeichnen
0%
vom Ziel erreicht
0
haben mitgemacht
0%
Gruppe von Jugendlichen auf historischem Platz schützen sich mit Regenschirmen vor der Sonn

Mehr zum Thema

Portrait von Roda Verheyen

Klimaklagen: Anwältin Roda Verheyen bekommt Umwelktpreis

Mit unkonventionellen Klagen kämpft die Rechtsanwältin Roda Verheyen für mehr Klimaschutz auf dem Rechtsweg. Dafür bekommt sie nun den Deutschen Umweltpreis.

mehr erfahren über Klimaklagen: Anwältin Roda Verheyen bekommt Umwelktpreis
Greenpeace-Aktive fordern Klimaschutz von Merz in Neuhardenberg

Kosten des Extremsommers 2026

Hitze, Dürre und Niedrigwasser haben Deutschland im Sommer 2026 mindestens 36 Milliarden Euro gekostet. Besonders hoch sind laut Greenpeace die Verluste in der Arbeitswelt.

mehr erfahren über Kosten des Extremsommers 2026
Heat Wave - Low Water Levels in River Rhine in Germany - Kaub, Bendorf, Loreley

Dürre Zeiten

Ein Dürre-Sommer reiht sich an den Nächsten, jährlich werden neue Rekorde gebrochen. 2026 ist schlimmer als die Jahre davor. Ausgetrocknete Flüsse und Waldbrände sind die Folge.

mehr erfahren über Dürre Zeiten
Let's Green Our Cities - Urban Farm in New York

„Mut zur Entsiegelung“

Was können Bürger:innen für grüne Städte tun? Mit dieser Frage befasste sich die langjährige Greenpeace-Aktive Deniz Hsu in ihrer Masterarbeit. Ein Gespräch über Schwammstädte und Hoffnung.

mehr erfahren über „Mut zur Entsiegelung“
Sternfahrt in Berlin für eine fahrradfreundliche Stadt (2016)

Effizienter Klimaschutz im Alltag

Tipps zum Einsparen von CO2 gibt’s jede Menge. Doch wie viel bringt welche Maßnahme? Hier sind elf Tipps, die wirklich helfen.

mehr erfahren über Effizienter Klimaschutz im Alltag
Dürre beeinträchtigt den Wasserstand des Rheins in Deutschland

Hitzewelle und Klimakrise

Eine Hitzewelle ist noch keine Klimakrise – aber mehrere sind es schon. Warum wir fast 40 Grad im Sommer nicht einfach als „heißes Wetter“ abtun sollten.

mehr erfahren über Hitzewelle und Klimakrise