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Greenpeace-Aktivisten haben ihrem Protest am frühen Sonntagmorgen Ausdruck verliehen: Auf den Kühlturm des Meilers projizierten sie in großen Lettern AKW Biblis: 28 Jahre Russisch-Roulette! RWE, Politiker, TÜV, merkt ihr noch was?

Greenpeace fordert Konsequenzen. Atomkraft ist keine Spielerei. Nicht nur der Betreiber RWE sondern auch die politisch Verantwortlichen dieser Schlamperei in den Atomaufsichtsbehörden des Landes wie des Bundes müssen zur Rechenschaft gezogen werden. RWE muss die Betriebsgenehmigung entzogen werden.

RWE, der TÜV, aber auch die Aufsichtsbehörden von schwarzer bis grüner politischer Couleur haben sträflich versagt, sagte Greenpeace-Atomexpertin Susanne Ochse vor Ort. Der hoch gepriesene Sicherheitsstandard deutscher Atomkraftwerke ist um keinen Deut besser als in den Ländern Osteuropas. Es ist nicht auszudenken, was im dicht besiedelten Rhein-Main-Gebiet passiert wäre, wenn das Notkühlsystem in Biblis einmal bei einem schweren Unfall gebraucht worden wäre.

Die Nachricht, dass die Ansaugöffnungen der Notkühlpumpen in Biblis nur halb so groß sind wie vorgeschrieben, sorgt seit dem 17. April für Aufregung. An diesem Tag hat RWE das hessische Umweltministerium informiert, dass die Bruttofläche der Öffnungen nur 5,9 statt 7,3 Quadratmeter beträgt. Das heißt, dass nach Abzug der Siebflächen netto nur noch drei Quadratmeter übrig bleiben. Diese Fläche ist zu klein, um bei einem Störfall das Kühlwasser schnell genug anzusaugen. Der Reaktor kann sich dadurch so weit erhitzen, dass es zur Kernschmelze - dem Super-GAU - kommt.

Wie schnell eine Situation entstehen kann, die ein funktionierendes Notkühlsystem unabdingbar macht, zeigt ein Vorfall vom Dezember 1987: In Block A des AKW Biblis kam es damals zum schwersten Zwischenfall, der sich je in einem deutschen Atomkraftwerk zugetragen hat. Durch menschliches Fehlverhalten entstand im Primärkreislauf ein Leck. Das unter hohem Druck stehende Kühlwasser schoss durch ein gezielt geöffnetes Ventil, 107 Liter radioaktiven Wassers liefen aus. Nur mit Glück gelang es dem Betriebspersonal, das Ventil wieder zu schließen und so die Situation unter Kontrolle zu bringen. Wäre mehr Kühlwasser ausgeflossen, so hätte das Notkühlsystem einspringen müssen.

Im schwedischen Atomkraftwerk Barsebäck war es 1992 schon so weit. Nach Kühlwasserverlust durch ein Leck musste das Notkühlsystem eingeschaltet werden. Durch den entstehenden Druck löste sich Isoliermaterial von den Rohrwänden und verstopfte die Siebe vor den Ansaugöffnungen. Schon 50 Minuten später wurde die Situation so kritisch, daß die Betriebsmannschaft gezwungen war, die Notkühlung wieder auszuschalten, um die Siebe freizuspülen. Zum Glück lief der Reaktor zum Zeitpunkt des Unfalles mit äußerst geringer Leistung und war noch weit von seinem vollen Betriebsdruck entfernt. So gelang es, die Situation unter Kontrolle zu bringen.

Der Störfall in Barsebäck machte auch die Politiker in Deutschland hellhörig. In den folgenden Jahren wurden die Notkühlsysteme aller deutschen Atomkraftwerke überprüft. Umso unverständlicher mutet es an, dass die sträflich gering bemessenen Ansaugöffnungen in Biblis auch bei dieser gezielten Überprüfung nicht bemerkt wurden.

Der Skandal im Skandal: Laut Bundesumweltministerium stehen die alarmierend niedrigen Abmessungen sogar in den Sicherheitsnachweisen des AKW, die RWE dem hessischen Umweltministerium vorlegte. Auch dort fiel der Fehler niemandem auf. Es muss jetzt umgehend geklärt werden, wer dafür verantwortlich ist, kommentierte Susanne Ochse diese unglaubliche Fahrlässigkeit. In den Aufsichtsbehörden scheint man vergessen zu haben, dass Atomkraft keine Fehler verzeiht.

Den Beweis lieferte die Katastrophe im ukrainischen Atomkraftwerk Tschernobyl, die sich gerade zum siebzehnten Male jährt. Tschernobyl ist zum Inbegriff menschlichen Unvermögens vor der Gewalt der zivil genutzten Atomkraft geworden. Millionen Menschen leiden heute noch unter den Folgen des damaligen GAU.

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