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Eine Person trägt ein schwarzes, besticktes Hemd sowie eine Umhängetasche mit Anhänger
© Cherie Birkner

Slow Fashion: Vreni Jäckle – Mode ist politisch

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Vreni Jäckle ist Gründungsmitglied der Fashion Changers. Im Interview zeigt sie, wie Mode eng mit Politik, Diskriminierung und Aktivismus verbunden ist.

Nachdem wir die Masche der Industrie entlarvt und unseren Kleiderschrank organisiert haben, werfen wir nun den Blick über den Tellerrand hinaus. Wir sprechen über Forderungen an die Politik und wie der persönliche Wandel von Fast zu Slow-Fashion einen spürbaren, positiven Effekt haben kann. 

Greenpeace: Du befasst dich schon lange mit Slow Fashion. Als Gründungsmitglied der Fashion Changers organisierst du regelmäßig den Fashion Changers Day. Mit eurem Online-Magazin informiert ihr über nachhaltige Mode. Was motiviert euch, dem Thema so viel Lebenszeit zu widmen?

Vreni: Mich persönlich motiviert oft ein tiefes Verlangen nach einer gerechteren Welt – einer, in der wir einander mit mehr Empathie begegnen und in der wir uns nicht scheuen, die Dinge so zu benennen, wie sie sind. Und da gibt es ja immer noch so viel zu benennen. Etwa, dass gefährliche Arbeitsverhältnisse in der Textilindustrie immer noch Leben fordern, dass wir endlich die Überproduktion regulieren müssen sowie dass Recycling nicht die Lösung ist und ebenfalls gesundheitsschädliche Fabriken involviert. Und natürlich auch, wie Diskriminierung und Mode zusammenhängen. Wer wird mit seinem Style akzeptiert, wer nicht?

Als Fashion Changers möchten wir Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit in der Modebranche besser verstehen und Veränderungen vorantreiben. Wie kann Mode zum Werkzeug für ein besseres Zusammenleben werden? Wann ist sie es schon? Was können wir daraus lernen? Mit Vorträgen und Workshops bringen wir Menschen zusammen und befähigen sie, selbst zu Fashion Changers zu werden. 

Als Fashion Changers habt ihr ein Buch veröffentlicht, das den schönen Titel “Wie wir mit fairer Mode die Welt verändern können” trägt. Welchen Impact hat es, wenn ich – ein Mensch von 8 Milliarden – meine Mode auf Slow Fashion umstelle? 

Natürlich hat eine Person nicht die Verantwortung, die Probleme der Welt zu beseitigen, auch nicht eine einzelne Gruppe. Es braucht Verantwortung in der Politik, in der Industrie und ja, auch bei uns allen. Ich halte es für richtig, auf die Straße zu gehen. Ich halte es auch für richtig, meine Kleidung überwiegend secondhand zu kaufen. Ein Problem wird es meiner Meinung nach dann, wenn Menschen suggeriert wird, dass sie mit dem Kauf eines nachhaltigen Kleidungsstücks schon genug getan haben.
Ich bin gleichzeitig auch kein Fan davon zu sagen „Es macht doch sowieso keinen Unterschied!“. Natürlich hat jede Handlung einen Effekt. Wenn ich zum Beispiel bei einer Slow-Fashion-Designerin ein Kleidungsstück kaufe, hat das einen Effekt für diese Designerin und ihre Mitarbeitenden. Ich habe ihre Arbeit honoriert, trage sie an mir. 

Zeigst du uns deinen derzeit liebsten Slow-Fashion-Style?

Eine Person trägt ein schwarzes, besticktes Hemd sowie eine Umhängetasche mit Anhänger

Was fordert ihr von der Politik, damit die Modeindustrie wirklich fair, nachhaltig und ökologisch wird?

Wir brauchen: echten Ressourcenschutz und existenzsichernde Löhne für alle – also etwa auch die Näher:innen. Das klingt natürlich sehr groß und das ist es auch. Wir setzen uns immer wieder konkret mit verschiedenen Organisationen für Teilschritte ein. Wir unterstützen zum Beispiel die Kampagnenarbeit von der Initiative Lieferkettengesetz. 2024 haben wir einen Offenen Brief gegen die Blockadehaltung der FDP bei der Abstimmung zum europäischen Lieferkettengesetz veröffentlicht. 2023 waren wir bei der Europäischen Bürger:innen-Initiative „Good Clothes, Fair Pay“ für existenzsichernde Löhne dabei. 

In eurem Online Magazin habe ich den Trend #wardrobestyling entdeckt. Was verbirgt sich dahinter?

Wardrobe Styling kann dir helfen, das Bedürfnis nach Neuem ohne neuen Konsum zu stillen. Durch Stylingtipps oder mit der externen Hilfe einer Stylistin geht es darum, neue Kombinationen im Kleiderschrank zu finden oder kleine Anpassungen vorzunehmen und so wieder Spaß an dem zu haben, was schon da ist. Manchmal ist es viel einfacher, als wir denken. Ein Kleidungsstück „falsch“ tragen, endlich die Hose kürzen oder Accessoires neu zusammenstellen – das kann alles dabei helfen, den eigenen Stil weiterzuentwickeln, ohne in einen Shoppingrausch zu verfallen. Sich zu kleiden, kann ein kreativer Akt sein. Für mich hängen Kreativität und Nachhaltigkeit unmittelbar zusammen. 

>>> Vrenis Tipp: 

Ich habe zuletzt „Chaos“ von Yassamin-Sophia Boussaoud gelesen, in dem es um gesellschaftliche Normen geht. Im Buch gibt es ein Kapitel zu Scham, die auch über Kleidung vermittelt wird. Wann muss Kleidung kaschieren? Was bedeutet das? Und vielleicht am wichtigsten: Wieso limitieren wir uns und andere so sehr und laufen als Arbeiter:innen der Scham umher und tragen sie weiter?

Das Buch ist schmerzhaft schön geschrieben und hat mich daran erinnert, dass es immer darum geht, dass wir uns gegenseitig wirklich in unserer Komplexität sehen, mit Empathie begegnen und schwarz-weißes Denken (und Fühlen!) uns nicht voranbringt.

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