Warum eine Schule in Erbil grün werden musste
Ein persönlicher Einblick in unseren Weg als Deutsche Schule Erbil in das Greenpeace-Programm „Schools for Earth“.
Ein Gastbeitrag von Sipan Sedeek, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Schule Erbil
- Meinung
„Schools for Earth“ versteht Schule nicht nur als Ort des Unterrichts, sondern als Lebensraum, der sich Schritt für Schritt in Richtung Klimaneutralität und Nachhaltigkeit entwickelt. Genau darin haben wir uns als Deutsche Schule Erbil wiedergefunden.
Warum Nachhaltigkeit in Erbil keine abstrakte Debatte ist
Wer in Europa über Klimaschutz spricht, spricht oft über Zukunft. Wer in Erbil lebt, spricht sehr schnell auch über Gegenwart. Über Sommer, in denen Hitze nicht bloß unangenehm, sondern gefährlich wird. Über Wasserknappheit, die im Alltag sichtbar ist. Über Luft, die durch Verkehr, Generatoren und Ölindustrie oft schwer und staubig wirkt. Über eine Region, in der ökologische Fragen nicht am Rand stehen, sondern in das tägliche Leben hineinreichen. Genau deshalb war uns an der Deutschen Schule Erbil früh klar, dass Nachhaltigkeit für uns kein dekoratives Zusatzthema sein darf. Sie muss Teil von Bildung, Teil von Schulkultur und Teil praktischer Verantwortung werden.
Als deutsche Auslandsschule in einer Krisenregion tragen wir dabei eine doppelte Verantwortung. Einerseits wollen wir jungen Menschen eine hochwertige Bildung orientiert am Deutschen Bildungssystem bieten. Andererseits können wir nicht so tun, als ob der Ort, an dem diese Bildung stattfindet, keine Rolle spielt. Unsere Schüler:innen sollen die großen Begriffe wie Klimaschutz, Ressourcenschonung oder Bildung für nachhaltige Entwicklung nicht nur im Heft kennenlernen. Sie sollen sehen, anfassen und verstehen, was diese Begriffe in einer Region wie dem Irak bedeuten.
Die Deutsche Schule Erbil
Die Deutsche Schule Erbil
Die Deutsche Schule Erbil (DSE) wurde 2010 in der gleichnamigen Stadt Erbil gegründet, der Hauptstadt der Autonomen Region Kurdistan im Irak. Sie ist eine von der Bundesrepublik Deutschland geförderte und von der Kultusministerkonferenz der Länder anerkannte Deutsche Auslandsschule. Im Kindergarten, der Grundschule und der weiterführenden Schule werden 209 Kinder von 21 Lehrkräften, drei pädagogischen Mitarbeitenden und vier Erzieherinnen betreut und unterrichtet. Seit Februar 2026 ist die DSE bei „Schools for Earth“ dabei.
Vom Zielbild zur Schulpraxis
Zu Beginn dieses Schuljahres haben wir uns deshalb bewusst das Ziel gesetzt, eine grüne Schule zu werden. Nicht als loses Motto, sondern als Entwicklungsrichtung für die gesamte Schule. Dabei war uns wichtig, dass Veränderungen auf dem Campus sichtbar werden. Deshalb haben wir Einweg-Plastikflaschen auf dem Schulgelände verbannt, Wasserspender etabliert und die Cafeteria angewiesen, keine Wasserflaschen mehr zu verkaufen. Wir haben mit Mülltrennung begonnen, Kompostierung aufgebaut und Schülerinnen und Schüler in einfache, aber wirksame Formen des Upcyclings einbezogen.
Gleichzeitig haben wir Projekte gefördert, die Nachhaltigkeit mit Lernen verbinden. Unsere Schülerinnen und Schüler haben Solarkocher gebaut, kleine Windmühlen konstruiert und direkt erlebt, dass erneuerbare Energie nicht nur ein Kapitel im Unterricht ist. Auf dem Campus haben wir Solarelemente sichtbar installiert – nicht versteckt auf einem Dach, sondern so, dass Kinder und Jugendliche täglich sehen, dass Energie auch anders gedacht werden kann. Unseren Schulgarten haben wir mit Tröpfchenbewässerung ausgestattet, und mit dem hydroponischen Gewächshaus sowie vertikalen Pflanztürmen konnten wir zeigen, dass wassersparende Landwirtschaft auch im Irak funktioniert. Dass dabei gesundes Gemüse für die Schulgemeinschaft entsteht, gibt dem Ganzen zusätzlich eine sehr konkrete Dimension.
Nachhaltigkeit an der Deutschen Schule Erbil
Lernen durch Tun – und durch den eigenen Ort
Besonders wichtig war uns, dass Nachhaltigkeit auch außerhalb von Projektwochen vorkommt. Deshalb haben wir Ausflüge zu Baumschulen, Gewächshäusern, Recyclinganlagen und anderen passenden Lernorten organisiert. Jedes Jahr sammeln Klassen außerdem in der Natur achtlos weggeworfenen Müll. Solche Tage verändern etwas. Kinder begreifen, dass Umweltverschmutzung, dieses Thema aus Nachrichten oder Büchern, vor den eigenen Augen liegt und man darauf reagieren kann.
Ein besonders schönes Beispiel für diesen gelebten Ansatz ist auch unser Baumpflanzprogramm. Klassen haben im Schulgarten eigene Obstbäume gepflanzt und übernehmen damit eine Form von Verantwortung, die langfristig angelegt ist. Vom Frühsommer bis in den Herbst hinein können unsere Kinder – je nach Baumart – Birnen, Feigen, Pfirsiche, Marillen, Pflaumen, Kaki, Maulbeeren, Orangen oder Trauben ernten. Darin steckt ein pädagogischer Mehrwert: Wer etwas pflanzt, pflegt und später erntet, entwickelt ein anderes Verhältnis zu Natur, Geduld und Ressourcen.
Warum Greenpeace für uns der richtige Partner ist
In den vergangenen Monaten standen wir in engem Kontakt mit Greenpeace und dem Programm „Schools for Earth“. Was uns daran überzeugt hat, ist der ganzheitliche Ansatz. Greenpeace beschreibt Schule nicht nur als Ort einzelner Umweltprojekte, sondern als Raum, in dem Unterricht, Schulentwicklung, Beteiligung und konkrete Maßnahmen zusammenkommen. Genau das entspricht unserem Verständnis. Wir wollten kein grünes Etikett. Wir wollten einen glaubwürdigen Weg.
Dass „Schools for Earth“ Schulen auf ihrem individuellen Weg in Richtung Klimaneutralität und Nachhaltigkeit begleitet, mit Materialien, Vernetzung und einem klaren Zertifizierungsrahmen unterstützt, hat uns sehr geholfen. Für eine Schule wie unsere, die außerhalb Deutschlands arbeitet und zugleich tief mit dem deutschen Bildungsverständnis verbunden ist, hat diese Begleitung einen besonderen Wert. Die Deutsche Schule Erbil wird nach Nairobi die zweite deutsche Auslandsschule sein, die dieses Zertifikat erhält. Schon dieser Umstand zeigt, dass Nachhaltigkeitsbildung längst nicht nur ein Thema für Schulen in Europa ist, sondern gerade auch für deutsche Schulen in herausfordernden Regionen.
Mehr als ein Zertifikat
Natürlich freuen wir uns über die Anerkennung durch das Zertifikat. Für mich persönlich ist es ein sichtbares Zeichen dafür, dass wir mit Vorsatz und Überzeugung einen bestimmten Weg gehen. Eine Schule in Erbil kann die Klimakrise nicht lösen. Aber sie kann Kinder und Jugendliche befähigen, Zusammenhänge zu verstehen, Verantwortung einzuüben und Hoffnung mit Praxis zu verbinden. Genau darin liegt die eigentliche Kraft von Schulen.
Ich wünsche mir, dass unser Weg andere Schulen – im Irak, in der Region und auch im Netzwerk deutscher Auslandsschulen ermutigt. Gerade in Ländern, in denen Wasserknappheit, Hitze, Energiefragen und Umweltbelastung spürbar sind, dürfen Nachhaltigkeit und Klimabildung keine Nebensache sein. Sie gehören in die Mitte schulischer Entwicklung. Wenn wir als Deutsche Schule Erbil dazu einen kleinen, glaubwürdigen Beitrag leisten, dann ist das für mich Grund zur Dankbarkeit – und Ansporn zugleich.
(Instagram: ds_erbil / E-Mail: vorstand@dserbil.net)