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Porträt Christian Felber
José Luis Roca

Vortrag von Christian Felber zum Thema Gemeinwohlökonomie

„Es gibt keine unsichtbare Hand“, beginnt Christian Felber seinen Vortrag. Die Metapher stammt aus dem 18. Jahrhundert; erdacht hat sie Adam Smith, der Urvater der Ökonomie. Ihm zufolge trägt das eigennützige Streben des Einzelnen durch die „unsichtbare Hand“ des Marktes zum Wohl der gesamten Gesellschaft bei. Doch das sei eine Illusion, stellt Felber fest: Die gegenwärtige Dauerkrise des Euro, der Leitzins auf Null sowie die steigenden Ängste vor Deflation und Geldentwertung zeigten, dass die Systemfrage immer brennender werde. „Das gegenwärtige System dient nicht mehr der breiten Schicht der Gesellschaft. Es herrscht die unbegrenzte Ungleichheit.“

Vision einer neuen Wirtschaftsordnung

Gemeinwohlökonomie bezeichnet die Idee einer ethischen Wirtschaftsordnung, die nicht alles dem Gewinn von Geld und Kapital unterordnet, sondern der Lebensqualität aller. Felbers Thesen polarisieren, sie greifen unser geläufiges Wirtschaftsverständnis ganz grundsätzlich an. Mit österreichischer Nonchalance stellt er bisherige Werte und Glaubenssätze auf den Kopf. „Unserem kapitalistischen System, das auf Konkurrenz und Gewinnstreben basiert und das als alternativlos gilt, steht das Wohl aller entgegen.“ Felber fordert eine ethische Wirtschaftsordnung, gemacht von den Menschen, die sie betrifft. Worauf stützt der gelernte Sprach- und Sozialwissenschaftler seine drastische Analyse?

Eben jenen Adam Smith zieht er heran, um der heutigen Ökonomielehre „multiplen Autismus“ vorzuwerfen. Dazu geht er weit zurück in die Ideengeschichte. Smith, seines Zeichens Moralphilosoph, stellte seine Überlegungen im Rahmen eines philosophischen Werkes zur „Theorie der ethischen Gefühle“ an. Die heutige Wirtschaft habe diese historischen Wurzeln offenbar vergessen, so Felber. Ziel der Wirtschaft ist die Kapitalvermehrung – der Finanzgewinn. Philosophie hingegen bedeutet übersetzt „die Liebe zur Weisheit“. „Ist es weise, wenn Ziel und Mittel verwechselt werden? Geld ist ein Mittel.“ Es soll dem Gemeinwohl dienen, nicht umgekehrt.

Zum Wohle aller – der Bürger als „Souverän“

„Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen“, heißt es im Grundgesetz, Artikel 14. Noch deutlicher wird die Bayrische Verfassung: „Die gesamte wirtschaftliche Tätigkeit dient dem Gemeinwohl“ (Artikel 151). Der Zustand der jetzigen Wirtschaft sei eine Pervertierung dieser Grundannahme, sagt Felber. In einer Demokratie geht alle Staatsgewalt vom Volke aus: Der Bürger ist demnach souverän und kann die Rahmenbedingungen selbst gestalten.

Hier sieht Felber den Ansatz, wie Bürger die Wirtschaft ihren Bedürfnissen anpassen. Selbst wenn in einer repräsentativen Demokratie diese Ausübung der Staatsgewalt auf die gewählte Regierung übertragen ist, können die Bürger auf jeden Fall die drei Gewalten – Gesetzgebung, Verwaltung und Rechtsprechung – durch Wahlen und Abstimmungen leiten.

Gemeinwohl und Greenpeace

Bei Greenpeace Deutschland soll als erster Schritt mit dem Instrument der „Gemeinwohlbilanz“ unser eigenes Handeln überprüft werden – handeln wir im Sinne des Gemeinwohls, das heißt: zum Wohle aller? Außerdem suchen wir im Forum der „Postwachstumswerkstatt“ den Dialog, um auszuloten, welche Veränderungen wir für nötig und machbar halten, wo wir selbst Einfluss nehmen können.

Felber stellt den Menschen, genauer alle Lebewesen, ins Zentrum des Wirtschaftens. Auch die ökologische Nachhaltigkeit ist wichtig, wenn die Wirtschaft dem Gemeinwohl dient und nicht umgekehrt. Felbers Fazit lautet: „Wir dürfen unsere Wirtschaft nicht nur den Ökonomen überlassen. Wir müssen uns selbst darum kümmern!“

Wer in einer begrenzten Welt an unbegrenztes exponentielles Wachstum glaubt, ist entweder ein Idiot oder ein Ökonom. – Kenneth Boulding, Ökonom

Zur Person: Christian Felber ist freier Publizist und Autor aus Österreich. Er ist Mitbegründer von Attac Österreich und lehrt an der Universität Graz und der Wirtschaftsuniversität Wien zu seinem Konzept der Gemeinwohlökonomie.

(Text: Bernadette Weikl)

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