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Greenpeace-Atomexpertin Susanne Neubronner
© Chris Grodotzki / Greenpeace

Atombomben, Raketentests, UN-Atomwaffenverbot: Interview mit Expertin Susanne Neubronner

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122 Staaten haben es beschlossen: Das Atomwaffenverbot, das heute in der UN-Generalversammlung zur Unterschrift freigegeben wird. In dem Vertrag halten die Länder fest, dass sie „nie und unter keinen Umständen Atomwaffen entwickeln, herstellen, anschaffen, besitzen oder lagern wollen.“ Der Haken: Sämtliche Atommächte machen nicht mit. Dennoch: Sobald 50 Mitgliedsstaaten den UN-Vertrag ratifiziert haben, tritt er in Kraft. Der Besitz von Atomwaffen ist dann völkerrechtswidrig. Doch ob das einen irren Staatschef wie Kim Jong Un aufhält, die nächste Atombombe zu entwickeln? Oder andere Oberhäupter in Russland, Amerika, Indien oder Pakistan beeindruckt? Wir sprachen dazu mit Susanne Neubronner, Greenpeace-Expertin für Atomwaffen.

Greenpeace: Sämtliche Atommächte dieser Welt haben unisono erklärt, den Vertrag nicht zu unterzeichnen. Macht so ein Papier dann überhaupt Sinn?

Susanne Neubronner: Auch wenn es paradox klingt: Ja, das macht es. Zwar haben die Atommächte verkündet, dem Vertrag nicht beizutreten, weil Atomwaffen zu ihrer Sicherheitspolitik der Abschreckung gehören, und ein Verzicht darauf naiv sei. Aber sobald 50 der 122 Länder, die diesen Vertrag beschlossen und verfasst haben, ihn auch unterschrieben haben, tritt er in Kraft. Dann ist es völkerrechtlich verboten, Atomwaffen zu besitzen.

Aber was ändert das? Es gibt ja leider wenig Mittel, Völkerrechtsverstöße auch zu ahnden.

Das ändert den Status. Atomwaffen werden noch einmal ganz anders geächtet werden als bisher. So wird sich der Druck auf die Atommächte erhöhen, etwas gegen ihr Waffenarsenal zu unternehmen.

Nun gibt es ja seit 1970 den Atomwaffensperrvertrag, in dem sich nicht nur Länder ohne Atomwaffen verpflichten, keine solchen Waffen zu erwerben. Auch die Atommächte haben damit zugesagt, ihr Atomwaffenarsenal zu reduzieren. Ist diese Abrüstung erfolgt?

Ja und nein. Tatsächlich gibt es heute 15.000 Atomwaffen weltweit, 4150 davon sind direkt einsetzbar. Die meisten stehen in Russland und den USA. Das ist natürlich deutlich weniger als Mitte der 80er Jahre, als es weltweit 70.000 Atombomben gab. Doch in den vergangenen Jahren hat sich das Tempo der Abrüstung immer mehr verlangsamt; mittlerweile ist es ganz zum Erliegen gekommen. Derzeit werden Atomwaffen eher modernisiert als reduziert.

Neben den offiziellen Atommächten USA, Russland, Großbritannien, Frankreich und China, die den Atomwaffensperrvertrag unterzeichnet haben, gibt es ja auch noch Länder, die ihre Atomwaffen erst nach diesem Vertrag entwickelt haben. Es gibt heute faktisch neun Atommächte – auch Israel, Indien, Pakistan und Nordkorea besitzen mittlerweile Atombomben und rüsten auf. Was wiederum die offiziellen Atommächte dazu bewegt, ebenfalls aufzurüsten. Die USA will zum Beispiel in den nächsten zehn Jahren in die Modernisierung ihres Atomwaffenarsenals 400 Milliarden US-Dollar stecken.

Bis jetzt hat die krude Logik „Atombomben sind so verheerend, dass die Tatsache, dass wir sie zünden könnten, verhindert, dass wir sie zünden“ ja immerhin über 70 Jahren funktioniert. Obwohl es in der heißen Phase des Kalten Krieges sehr bedrohliche Momente gab. Ist das Risiko für einen Atomkrieg heute kleiner oder größer als damals?

Das Risiko eines Atomkrieges ist heute höher als früher. Es gibt eine internationale Atomkriegsuhr der Zeitschrift „Bulletin of the Atomic Scientist“, die das errechnete Risiko eines Atomkrieges anhand einer Uhr verdeutlicht. Und seit Anfang 2017 stehen dort die Zeiger auf 2,5 Minuten vor Zwölf: So nahe an der Katastrophe wie noch nie zuvor.

Das liegt daran, dass die Situation vielfältiger und unübersichtlicher geworden ist. Früher gab es zwei Blöcke, die sich gegenüber standen. Heute gibt es neun Nationen mit verschiedensten Verflechtungen, Machtinteressen und Konflikten, die über Atomwaffen verfügen. Gefährlich ist die Situation mit den verfeindeten Nationen Indien und Pakistan, beide im Besitz von Atombomben. Und noch gefährlicher ist natürlich, dass der nordkoreanische Diktator Kim Jong Un mittlerweile über stärkere Nuklearwaffen verfügt, als man bisher dachte. Die Frage, die derzeit vor allem die USA umtreibt, ist: Wie weit reichen die Trägerraketen? Und in wie vielen Jahren ist ihre Reichweite so groß, dass sie das Territorium der USA treffen können?  

Wird es früher oder später einen atomaren Schlagabtausch geben?

Ich glaube, den beteiligten Staatsoberhäuptern und Machthabern – und zwar allen –  ist durchaus klar, wie verheerend es wäre, eine Atombombe zu zünden. Ich persönlich halte daher einen gezielten Atomschlag von einer der neun Atommächte für eher unwahrscheinlich.

Aber was ist mit Datenfehlern in der Technik? Fehlinterpretationen von Messdaten in einer politisch aufgeheizten Stimmung? Und – nicht zu unterschätzen:Was, wenn kleinere Atomwaffen bis zehn Kilotonnen TNT-Äquivalent in die Hände von Terroristen geraten? Denn eines muss uns klar sein: wo immer Atomkraftwerke betrieben werden und spaltbares Uran oder Plutonium anfällt, gibt es den Rohstoff für Atombomben. Und wer den eventuell wann und wie für welche Art von Bomben nutzt, wissen wir so genau nicht.

Auch deshalb ist es – bei aller Abschreckung – leider so: Solange es Atombomben gibt, ist auch die Gefahr real, dass sie gezündet werden.

  • Explosion eins unter Wasser durchgeführten Atombombentest

    Explosive Lage

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  • aus einer nachgebauten Atombombe ragt der obere Teil der Freiheitsstatue

    Keine Atombombentests!

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