Warum wir eine Waldwende brauchen

Folgen der Forstwirtschaft

Immer mehr Bäume sterben. Doch ist die Klimakrise die Ursache oder auch die Forstwirtschaft?

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Der schlechte Zustand der Wälder in Deutschland ist längst kein reines Nischenthema für Expert:innen mehr, sondern wird sowohl beim Waldspaziergang als auch in den Medien immer sichtbarer. Wenn es um die Gründe hierfür geht, verweist die Forstpolitik gerne auf die Klimakrise, und verschweigt die Einflüsse der intensiven Bewirtschaftung.

Eine neue Studie von Greenpeace zeigt, welche dramatischen Folgen die vergangenen Dürrejahre auf die zu oft durch intensive Forstwirtschaft geschwächten Wälder hat. Immer mehr Bäume sterben ab oder wachsen viel schlechter “Das Ausmaß der Schäden ist zutiefst besorgniserregend, vor allem wenn ich bedenke, dass die Auswirkungen der Klimakrise bei uns gerade erst beginnen,” sagt Greenpeace Klima- und Wald-Experte Jannes Stoppel.

Wie geschädigt sind die Wälder in Deutschland?

Die aktuelle Studie “Der Wald in Deutschland auf dem Weg in die Heißzeit” schafft durch eine umfassende Satellitenbild-Analyse erstmals Transparenz in Bezug auf den Zustand von Wald-Ökosystemen:

Zwischen 2013 und 2020 waren 20 Prozent der Nadelbaumforste gering bis stark geschädigt. Bei weiteren 40 Prozent der Nadelwälder stagnierte das Wachstum, was ein Anzeichen für zukünftige Waldschäden sein dürfte.
Die intensive Forstwirtschaft ist vielerorts mitverantwortlich  für den Zustand der Wälder und Forste. Kahlschläge und die intensive Auflichtung der Kronendächer schwächen die Klimaanpassungsleistungen der Wälder und führen zu einer deutlichen Erhöhung der Umgebungstemperaturen.
Laubwälder und die naturnahen Wälder in Nationalparks sind vergleichsweise besser durch die Dürrejahre gekommen.

Was läuft falsch in der intensiven Forstwirtschaft? 

Der Abgleich mit Daten des UFZ-Dürremonitors bestätigt, dass nicht allein die Dürre im Boden dafür entscheidend war, ob Bäume in den letzten Extremjahren abgestorben sind oder Schäden davongetragen haben. Vielmehr spielt die Forstwirtschaft auch eine entscheidende Rolle. Besonders die folgenden Faktoren schwächen die Ökosysteme:

  • Monokultur

Nur eine Baumart anzupflanzen, bringt etliche Nachteile mit sich. Plantagen sind kein natürlicher Lebensraum für viele Tiere, Pilze und Pflanzen. Bäume sind darin anfälliger als an ihrem natürlichen Standort, Böden versauern und der Wasserhaushalt ist gestört. 

  • Standortfremde Baumarten

Nadelbäume wie Kiefern und Fichten wachsen vor allem in kälteren Regionen, wie Skandinavien und größeren Höhenlagen. In Mittelgebirgen und auf speziellen Standorten sind sie auch in Deutschland heimisch – auf den meisten Flächen würden sie von Natur aus aber nicht wachsen. Hier gäbe es vor allem Buchenwälder. Die Forstwirtschaft hat allerdings über Jahrzehnte auf schnellwachsende Nadelbäume gesetzt, um Profite zu maximieren. Vor allem Fichten zeigen sich jetzt anfällig gegen Schädlinge und Dürren; und auch die Kiefer wächst in den letzten Jahren schwächer.

  • Einsatz schwerer Maschinen

Wenn schwere Maschinen durch die Wälder fahren, um etwa zu räumen, Bäume zu fällen oder gefällte Bäume aus dem Wald zu holen, machen sie die empfindlichen Böden kaputt. Vollerntemaschinen, sogenannten Harvester, können innerhalb weniger Minuten Bäume fällen, die Äste entfernen und zuschneiden. Ein Harvester kann weit über 100 Bäume am Tag fällen – entsprechend werden sie in der Forstwirtschaft immer beliebter. Doch auch wenn sie wirtschaftlich sehr effizient sind, schädigen sie den Boden der Wälder stark. Die 40 bis 100 Tonnen schweren Fahrzeuge verdichten den Untergrund und machen ihn für Jahre unbewohnbar für Kleinstlebewesen und Pflanzen – teilweise sind die Schäden auch dauerhaft. Der verdichtete Boden kann Wasser nicht mehr aufnehmen und speichern, was sowohl in Dürrezeiten, als auch bei Extremregen von Nachteil ist.

  • Aufforstung 

Aufforsten ist teuer und arbeitsintensiv und das, obwohl die Natur es in der Regel umsonst und besser könnte. Bäume säen sich selbst aus, man spricht auch von Naturverjüngung. Bei diesem natürlichen Prozess setzen sich langfristig die Pflanzen durch, die an der Stelle am besten angepasst sind. Sie tragen in ihrem Erbgut bereits Informationen ihrer “Eltern”, die ihnen an diesem Standort helfen. Über die Zeit entwickeln sich dort Wälder mit einer natürlichen Vielfalt, die in sich stabil sind. Wenn die Forstwirtschaft vorgezogene Baumsprösslinge einpflanzt, haben diese ohne Eltern in der Regel keine idealen Startbedingungen. Das Umpflanzen bedeutet Stress, den manche Jungbäume nicht überleben. Statt viel Geld und Zeit in die künstliche Aufforstung zu stecken, sollte eine natürliche Waldwentwicklung stärker gefördert werden.

  • Pestizideinsatz

Die konventionelle Landwirtschaft setzt massenweise Pestizide ein, um kurzfristig Erträge zu maximieren und die Schwächen der Monokulturen auszugleichen. Ähnlich sieht es in der Forstwirtschaft aus: Um beispielsweise Borkenkäfer zu bekämpfen, wird auch im Wald Chemie eingesetzt.

  • Kahlschläge und Räumungen

Auch in Deutschland gibt es noch immer Kahlschläge – häufig in Wäldern, die stark geschädigt sind durch Borkenkäfer oder Stürme, aber auch in anderen Wäldern, selbst in Schutzgebieten. Anstatt dem Wald zu gestatten, sich zu regenerieren, fällen schweren Maschinen die Bäume und transportieren sie ab und zerstören so flächig den Boden und das gesamte Ökosystem.
Die Räumung des Holzes sowie die starke Erwärmung der Böden führt zur Freisetzung von erheblichen Mengen Kohlendioxid. Die kahlgeschlagenen Flächen heizen so dem Klima ein. Sollten Nadelbaumforste weiter so absterben und geht die Forstwirtschaft damit weiter so zerstörerisch um, könnte eine der größten Emissionsquellen Deutschlands entstehen.

  • Eingriffe in Schutzgebieten 

Obwohl 67 Prozent der Wälder in Deutschland in Schutzgebieten liegen, sind nur 2,8 Prozent tatsächlich vor Holzeinschlag geschützt. Forstwirtschaft ist somit fast überall erlaubt, wie unsere Studie “Schutzgebiete schützen nicht” zeigt. Teilweise werden sogar geltende Bestimmungen für bestimmte Schutzgebiete von der Forstwirtschaft missachtet, in dem Kahlschläge zur guten fachlichen Praxis erklärt werden. Dies zeigt ein kürzlich veröffentlichtes Rechtsgutachten.

Welche negativen Auswirkungen hat die intensive Forstwirtschaft auf die Wälder?

Jeglicher Holzeinschlag ist immer ein Eingriff in das Ökosystem Wald. Je intensiver die forstliche Bewirtschaftung, desto größer die Störung oder sogar Schädigung. Forststraßen zerschneiden Wälder, standortfremde Bäume – womöglich sogar in Monokulturen – und Pestizid- und Machineneinsatz setzen den Wäldern schwer zu:

  • Baumsterben/-schäden

Geschwächte Bäume sind besonders anfällig für äußere Einflüsse. Stürme brechen ganze Bäume durch oder werfen sie um, wenn sie nicht stabil sind. Dürre schwächt die Bäume, so dass sie sich schlechter gegen Insekten wie Borkenkäfer wehren können. Die Absterberate der Bäume in Deutschland ist seit 2018 exponentiell gestiegen.

  • Artenarmut und Artensterben

Monokulturen sind an sich schon das Gegenteil von Artenvielfalt. Wo nur eine Baumart wächst, fehlen auch viele begleitende Pflanzen, Tiere, Pilze und Mikroorganismen. Der Chemikalien-Einsatz tötet zusätzlich Insekten und Kleinstlebewesen. Dadurch gerät das natürliche Gleichgewicht aus der Balance. Aber auch in Mischwäldern, die intensiv bewirtschaftet werden, leiden Pflanzen und Tiere und sind teilweise sogar in ihrem Bestand gefährdet.

  • gestörter Wasserkreislauf

Normalerweise speichert der Waldboden viel Wasser. Ist er verdichtet und hat nur eine dünne Humusschicht, kann er weniger Wasser aufnehmen und es kommt schneller zu Erosion. Auf Nadelbäumen verdunstet Wasser auf den größeren Blatt- bzw. Nadeloberflächen der Kronen schneller, so dass weniger Grundwasser entsteht als bei Laubbäumen. 

  • Kaputte Wälder kühlen schlechter

Geschlossene Laubwälder kühlen die Landschaft durch ihr Mikroklima am besten. Durch die weniger geschlossenen Kronendächer bei reinen Nadelbaumbeständen können sich diese gerade bei Hitze weniger selbst kühlen. Indem die Forstwirtschaft Kronendächer auflichtet und Totholz entfernt, erwärmen sich Wälder und auch die umliegende Landschaft an heißen Tagen deutlich. Die großflächigen Kahlschläge toter Fichten in den vergangenen Jahren treibt diesen Effekt auf die Spitze: Die komplett geräumten Flächen heizen die Landschaft auf und wirken so notwendigen Klimaanpassungsmaßnahmen entgegen. 

Gesunde Wälder haben starken Kühlungseffekt

Am wärmsten Tag im Jahr 2019 maßen Expert:innen in einem relativ lichten Kiefernforst Höchstwerte von mehr als 45 °C, während die Höchsttemperaturen am selben Tag in den umliegenden Buchenwäldern unter 35 °C blieben. Am selben Tag lag die Spanne zwischen niedrigsten und höchsten Temperaturen im untersuchten Buchenwald unter 20 °C, während die Schwankungen in den Kiefernbeständen bis zu 35 °C erreichten.
Hätte es in Deutschland größere, dichtere und weniger intensiv bewirtschaftete Laubwälder gegeben, wären die Waldlandschaften in den von Trockenheit betroffenen Gebieten jetzt höchstwahrscheinlich nicht so stark geschädigt.
Gerade im Angesicht der Klimakrise ist der Schutz des Mikroklimas im Wald und der Kühlungseffekt gesunder Wälder über den Wald hinaus wichtiger als je zuvor.

Forderungen an die zukünftige Waldpolitik

Die aktuelle Forstpolitik fördert die intensive Bewirtschaftung und gibt wenig Anreize dafür, Wälder wieder natürlicher werden zu lassen. Wenn unsere Wälder weiterhin unsere Verbündeten gegen die Klimakrise und das Artensterben sein sollen und uns in der Anpassung an mehr und mehr Extremwetterereignisse unterstützen sollen, dürfen die Wälder nicht weiterhin so bewirtschaftet werden wie bisher. Wir brauchen eine Waldwende im Rahmen einer Ökosystempolitik von morgen. Deshalb fordert Greenpeace:

  • Schutzgebiete  

Strengen Schutz von mindestens 15 Prozent der Waldfläche – die Studie “Schutzgebiete schützen nicht” hat dafür bereits besonders schützenswerte Wälder identifiziert.

  • Ein Moratorium

Der Einschlag in diesen besonders schützenswerten Wäldern muss sofort gestoppt werden, bis sie auch rechtlich abgesichert sind. 

  • ökologische Waldnutzung

Wälder außerhalb von Schutzgebieten müssen naturnah bewirtschaftet werden. Das beinhaltet, dass die Forstwirtschaft beispielsweise weniger Holz erntet und nicht sinnlos aufforstet. Außerdem darf sie keine Chemikalien einsetzen.  

  • Transparenz 

Zukünftig muss ein transparentes Ökosystemmonitoring auch auf Basis von Satellitendaten gewährleistet sein. Dieses sollte  den Zustand der Wälder, aber auch die Einflüsse der forstwirtschaftlichen Nutzung genau analysiert

  • “Nichtstun” finanziell fördern

Die Forstpolitik muss Waldbesitzende finanziell belohnen, wenn sie ihre Wälder wieder naturnäher werden lassen.

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