Unser Hunger nach Fleisch zerstört wertvolle Ökosysteme

Gewissensbisse

Eine Greenpeace-Recherche deckt auf, wie der deutsche Fleischhandel mit den verheerenden Feuern im brasilianischen Pantanal in Verbindung steht.

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Das brasilianische Pantanal an der Grenze zu Bolivien ist das größte Binnen-Feuchtgebiet der Welt und besonders artenreich. In diesem einzigartigen Lebensraum tummeln sich mehr als 650 Vogelarten. Es ist eines der letzten Schutzgebiete für viele bedrohte Säugetiere, darunter der Riesenotter, der Jaguar oder der Tapir. Mit einer Größe von 160.000 Quadratkilometern ist das Pantanal fast so groß wie halb Deutschland. Als Feuchtgebiet erfüllt es eine wichtige Aufgabe im globalen Klimaschutz, da es auch als sogenannte Kohlenstoffsenke besonders viel Kohlenstoff speichert. 

Doch schon seit vielen Jahren ist dieses wertvolle Ökosystem bedroht und wird durch Brände zerstört. 2020 erreichten die Brände einen traurigen Höhepunkt, da sie 30% des Naturraums zerstörten. Zahlreiche Wildtiere konnten den Flammen nicht entkommen, erlitten Verletzungen oder verendeten qualvoll. Die Wissenschaft befürchtet, dass sich Flora und Fauna von den Folgen nicht mehr erholen werden. Den Bränden vorausgegangen sind ungewöhnlich lange und extreme Dürrezeiten in den letzten zwei Jahren. Doch für 2020 haben offizielle Stellen bestätigt: Die Mehrzahl der Feuer stammen aus menschlicher Hand – dabei ist das illegal. Der Verdacht ist, dass in vielen Fällen Viehzüchter:innen absichtlich Feuer legen, um sich illegal Weideland anzueignen. Greenpeace hat Farmer:innen identifiziert, die mit den verheerenden Bränden in Verbindung stehen, die das Pantanal 2020 verwüstet haben. Außerdem haben wir untersucht, ob dieses Rindfleisch in die internationalen Lieferketten gelangen konnten. 

Auch Deutschland trägt zur Zerstörung bei

Es sind 15 Farmer:innen, deren Aktivitäten Greenpeace über viele Monate beobachtet und analysiert hat. Sie produzieren Rindfleisch für die drei größten Player der brasilianischen Fleischindustrie – JBS, Marfrig und Minerva. Alle von ihnen können mit den Bränden von 2020, Umweltverstößen oder Unregelmäßigkeiten bei der Registrierung ihrer Grundstücke in Verbindung gebracht werden. Innerhalb von vier Monaten brannten auf ihren Grundstücken allein mehr als 70.000 Hektar, das entspricht knapp der Stadtfläche Hamburgs. Häufig haben die Feuer zu ausgedehnten Bränden weit über die Grundstücksgrenzen hinaus beigetragen.

Diese Fälle entlarven das Versagen der Fleischverarbeitungsindustrie bei der Einhaltung angemessener Sorgfaltspflichten. Rinder von unseriösen Viehzüchter:innen, die mit Umweltzerstörung oder Rechtsverstößen in Verbindung gebracht werden, müssen eigentlich aus ihrer Lieferkette ausgeschlossen werden. Rinder weiden auf gerodeten Flächen

Greenpeace identifiziert die besagten Farmer:innen als Zulieferer:innen für 14 Schlachthäuser im Besitz von JBS, Marfrig und Minerva. Diese Firmen gehören zu den größten Fleischproduzenten weltweit. Den Versanddaten zufolge exportierten die 14 Schlachthäuser zwischen dem 1. Januar 2019 und dem 31. Oktober 2020 zusammen mehr als eine halbe Million Tonnen Rindfleisch und Rindfleischprodukte im Wert von fast drei Milliarden US-Dollar. Der größte Anteil wurde nach Asien geliefert, aber auch die Europäische Union gehört zu den Abnehmer:innen - und damit auch Deutschland. Rindfleisch aus unsauberer Produktion kann somit auch in deutsche Lieferketten gelangt sein.

In dem Zeitraum zwischen Januar 2019 und Oktober 2020 haben deutsche Fleischhändler 4.426 Tonnen Rindfleisch von elf der identifizierten Schlachthäusern importiert. Dies entspricht etwa 22 Millionen Steaks. Der Wert lag bei etwa 28 Millionen US-Dollar. Die Recherche zeigt, dass die Frostmeat Fleischhandelsgesellschaft allein ein Drittel der Produkte abgenommen hat. Aber auch der Skandal-Betrieb Tönnies kaufte im besagten Zeitraum 166 Tonnen Fleisch von den Verarbeitungsbetrieben. Dabei produziert Deutschland bereits selber mehr Fleisch, als überhaupt konsumiert wird. Auch die deutsche konventionelle Fleischproduktion hat gravierende Folgen für die Umwelt.    

Eine Besserung ist nicht in Sicht, ganz im Gegenteil: Seit mehr als 20 Jahren ringt die Europäische Union mit den vier südamerikanischen Mercosur-Ländern Brasilien, Paraguay, Argentinien und Uruguay um den Abschluss des EU-Mercosur Handelsabkommens. Mit dem Abkommen wollen der Mercosur und die EU ihre Handelsströme ausbauen und Zölle senken. In Südamerika verspricht man sich dadurch höhere Agrarexporte in die EU. Das Abkommen droht also die Rinderzucht und den Anbau von Agrargütern anzukurbeln – dabei sind das die Haupttreiber der Zerstörung von Ökosystemen wie dem Pantanal. Insbesondere die Rindfleisch-Quote von zusätzlichen und im Zollsatz reduzierten 99.000 Tonnen ist höchst problematisch. Studien warnen, dass das Abkommen die Waldzerstörung in Südamerika beschleunigt, etwa allein durch die steigenden Rindfleischexporte um mindestens 5 bis 25%.

Zum gesamten Bericht der Recherche geht es hier (in englischer Sprache).

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