Interview mit Greenpeace-Expertin Lisa Göldner zu Klimaschutz und Corona-Krise

„Aus Corona fürs Klima lernen“

Plötzlich im Home-Office: Greenpeace-Expertin Lisa Göldner redet im Interview von Klima-Demos in Zeiten des Shut-Downs, von neuen Aktionen und dem Wunsch nach Solidarität.  

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Lisa Göldner ist eine der vielen Greenpeace-Experten, die eigentlich die ganze Zeit durch die Gegend wuseln, von Meeting zu Meeting, von der Klima-Demo in Berlin zu den Klima-Protesten in Finnland. Natürlich immer schön mit Zug und öffentlichen Verkehrsmitteln. Wie viel andere Deutsche sitzt die junge Frau jetzt plötzlich allein in ihrer kleinen Wohnung im Home-Office. Und arbeitet trotzdem für mehr Klimaschutz. Ein Interview.

Greenpeace: Lisa, eigentlich wolltest Du jetzt in Finnland sein, um bei der Aktionärsversammlung von Fortum zu sprechen. Wie schlimm ist es für dich, dass die Corona-Krise dich jetzt in Hamburg festsetzt?  

Die Reise nach Finnland abzusagen, war die einzig richtige Entscheidung. Eigentlich wollte ich diese Woche zusammen mit anderen Klimaaktivist*innen aus Deutschland und Finnland bei der Hauptversammlung des finnischen Staatskonzerns Fortum dagegen protestieren, dass diesen Sommer in Datteln ein weiteres Kohlekraftwerk in Betrieb geht. Fortum ist Hauptanteilseigner am Energiekonzern Uniper, dem Betreiber des Kohlekraftwerks Datteln 4. In Finnland und Deutschland ist ein großes Netzwerk an Klimaaktivist*innen entstanden, die dafür kämpfen, dass das Kohlekraftwerk gestoppt wird. Als Klimaaktivistin tut es mir natürlich weh, dass wir unsere Proteste absagen mussten. Aber für mich war klar, angesichts der Corona-Pandemie hören wir auf die Wissenschaft und bleiben zu Hause. Am Abend vor der Hauptversammlung hat dann auch Fortum endlich eingelenkt und seine Aktionärsversammlung abgesagt.

Wie verändert die Corona-Pandemie ansonsten dein Leben?

Die Pandemie hat auch mein Leben auf den Kopf gestellt. Wie alle anderen Greenpeace-Kolleg*innen arbeite ich von zu Hause, treffen keine Freund*innen mehr und meinen geplanten Wander-Urlaub in der Sächsischen Schweiz habe ich abgesagt. Die Vorstellung, über Wochen in meiner Wohnung bleiben zu müssen, finde ich furchtbar. Aber nur wenn sich jetzt alle an diese Regeln halten, zu anderen körperlich auf Distanz gehen, können wir die Pandemie gemeinsam eindämmen. Auch wenn es paradox klingt: Die größte Hilfe ist gerade, sich möglichst wenig zu begegnen, gerade für diejenigen, für die die Krankheit lebensbedrohlich sein kann.

Bedeutet die Corona-Krise denn ein Ende der Proteste?

Natürlich werden die Proteste weitergehen. Nur anders. Das Virus hat unsere Planungen ganz schön durcheinandergewirbelt. Auf absehbarer Zeit können keine Demonstrationen stattfinden. Dadurch verlagert sich unser Protest vorerst ins Digitale und wir suchen neue Formen des Protests. Die Klimakrise macht trotz der Corona-Pandemie ja keine Pause.

Die Corona-Krise lässt die Treibhausgas-Emissionen sinken. Freut dich das?

Nein. Ich kann mich nicht darüber freuen, dass der CO2-Ausstoß sinkt oder sich die Luftqualität verbessert, weil Menschen jetzt zu Hause bleiben müssen. Die nötigen Einschränkungen während einer Pandemie sind keine Klimaschutzmaßnahmen. Eine Ausgangssperre ersetzt keine Verkehrswende. Meine Sorge ist, dass die Menschen nach Corona, erst recht und umso mehr ins Flugzeug oder in ihr Auto steigen wollen. Wir brauchen nachhaltig wirksame Maßnahmen und einen Umbau unserer Wirtschaft.

Gemeinsam eine Krise angehen - was könnte das für die Klimakrise heißen?

Unser Umgang mit der Corona-Krise kann uns viel über die Bewältigung der Klimakrise lehren. Die Pandemie zeigt uns, wie entscheidend es ist, auf die Wissenschaft zu hören. Wie wichtig entschlossenes Handeln der Politik ist und dass Verhaltensänderungen eben nicht von allein kommen. In kritischen Situationen braucht es klare Ansagen, das ist dann auch okay so. Wir lernen gerade, dass jeder und jede einzelne von uns zur Lösung beitragen muss. Und wie entscheidend es ist, zusammenzuhalten und auf die Verwundbarsten in unserer Gesellschaft Acht zu geben. Mit eben diesem Verhalten können wir auch die Klimakrise bewältigen. Ich hoffe, dass wir die Lehren aus der Corona-Krise, in Zukunft auch auf den Klimaschutz anwenden.

Warum reagieren die Menschen so unterschiedlich auf Corona- und Klimakrise?

Als Klimaaktivistin bringt es mich oft zur Verzweiflung, dass wir angesichts der Klimakrise so zögerlich handeln und manche Menschen die Gefahren sogar ganz leugnen. Der Grund ist meiner Meinung nach die unterschiedliche Betroffenheit. Vom Corona-Virus sind wir ganz unmittelbar betroffen. Jede*r von uns kann sich potenziell anstecken, wir alle könnten liebe Menschen verlieren. Also tun wir alles, was wir können, um uns und andere zu schützen und das Leid zu mindern. Wer handelt, hat einen spürbaren Vorteil.

Was ist bei der Klimakrise anders?

Die Auswirkungen der Klimakrise treffen vor allem die Menschen, die am wenigsten zu ihr beigetragen haben. Und wer etwas gegen die Klimakrise unternimmt, also auf klimaschädliches Verhalten verzichtet, zieht daraus erstmal keinen direkten Vorteil gegenüber denjenigen, die nichts tun. Wer weiter sein dickes Auto fährt oder übers Wochenende nach New York fliegt, ist nicht mehr als andere von der Klimakrise betroffen. Das ist beim Virus anders. Da hat derjenige Vorteile, der handelt.

Ich wünsche mir, dass die Solidarität untereinander, die Rücksichtnahme auf unsere Mitmenschen, die wir gerade in der Corona-Krise erleben, bestehen bleibt. Das könnte Menschen die Folgen ihres Handelns deutlicher vor Augen führen und es ihnen leichter machen, die Klimakrise so ernst zu nehmen wie diese Pandemie.

Interview: Tina Loeffelbein

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