Bedrohte Schweinswale

Schweinswale – Kleine Tümmler in Seenot

Der Schweinswal ist der einzige heimische Wal an Deutschlands Küsten – und massiv bedroht. In der Ostsee kämpft er ums Überleben, die Schutzverpflichtungen werden nicht erfüllt.
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Mit etwa 1,60 Metern Länge und 45 bis 70 Kilogramm Gewicht ist der Schweinswal, auch Kleiner Tümmler genannt, kleiner als die meisten Delfine. Zahnuntersuchungen zeigen, dass sie bis zu 25 Jahre alt werden können, jedoch ist die Lebenserwartung nord- und mitteleuropäischer Schweinswale aufgrund ihrer negativ veränderten Umwelt stark gesunken.

Häufig sind Schweinwale (engl. Harbour porpoise, lat. Phocoena phocoena) in Zweiergruppen oder alleine unterwegs. Sie sind eher scheu, machen selten Luftsprünge und reiten auch nicht auf Schiffsbugwellen. Meist tauchen sie überraschend auf, lassen ein kurzes, prustendes Ausatmen vernehmen – und weg sind sie wieder. Auf der Nordseeinsel Sylt lassen sie sich gelegentlich vom Strand aus sichten, manchmal mischen sie sich sogar unter die Badenden.

Lebensraum und Anzahl

Schweinswale leben in den Küstengewässern des Nordatlantiks und Nordpazifiks sowie im Schwarzen Meer. Im Mittelmeer gibt es wahrscheinlich keinen eigenen Bestand, Sichtungen sind selten. Nach der letzten umfassenden Zählung (2005) schwanken die Bestandszahlen im deutschen Teil der Nordsee saisonal zwischen 11.600 und 51.600 Tieren. In der westlichen Ostsee variieren sie zwischen rund 450 und 4.600 Schweinswalen. Hier hat der Bestand von 1994 bis 2004 um 38 bis 51 Prozent abgenommen. Für die östliche Ostsee liegen keine aktuellen Bestandsschätzungen vor. Die letzten Untersuchungen gehen von wenigen Hundert Tieren aus. Die Weltnaturschutzunion IUCN stuft die Ostsee-Population des Schweinswals als "vom Aussterben bedroht" ein.

Gift im Meer

Meeressäuger sind hohen Schadstoffbelastungen ausgesetzt, die vor allem aus Landwirtschaft und Industrie stammen. Viele Gifte reichern sich in der Nahrungskette an und führen zu besorgniserregend hohen Konzentrationen im Fettgewebe und der Muttermilch. Bestimmte Quecksilberverbindungen und halogenierte Kohlenwasserstoffe (z.B. Flammschutzmittel und Weichmacher) sind schon in geringen Mengen toxisch oder beeinträchtigen das Immunsystem. Auch scheinbar harmloser Plastikabfall kann Tiere töten, wenn er in den Verdauungstrakt gelangt.

Lärm im Meer

Schiffsmotoren, Bohrinseln, Unterwassersprengungen und der Lärm von Industrieanlagen belasten das empfindliche Gehör der Wale und schränken ihre Orientierung ein. Unter Wasser sind einige Lärmquellen für sie noch über 50 Kilometer weit zu hören. Auch beim Bau von Offshore-Windkraftanlagen entstehen wegen der Rammarbeiten für die Fundamente extrem hohe Schallpegel.

Beifang in der Fischerei

Gefahrenquelle Nr. 1 für Schweinswale sind vor allem Grundstellnetze. Sie werden am Meeresboden verankert und an der oberen Netzkante durch Bojen aufgespannt. Allein die dänischen Stellnetze ergeben zusammen eine Länge von 5.000 - 10.000 Kilometern. Die Wale erkennen die dünnen, aber reißfesten Nylonfasern oft nicht, verfangen sich in den Maschen und ersticken. In der Ostsee stammt wahrscheinlich mehr als die Hälfte aller Totfunde aus Beifängen der Fischerei.

Schutzgebiete

Die Ausweisung von Schutzgebieten speziell für Meeressäuger sind für EU-Mitgliedsstaaten im Rahmen des "Natura 2000" Schutzgebietsnetzwerkes Pflicht. 2000 hat das Land Schleswig-Holstein in der Nordsee westlich vor Sylt und Amrum bis zur 12-Seemeilen-Grenze ein Kleinwal-Schutzgebiet eingerichtet. Es hatte sich als Aufzuchtsgebiet der Schweinswale erwiesen. Bis zu 6.000 von ihnen leben dort, der Anteil der Kälber liegt bei 14 Prozent. Doch auch hier im Schutzgebiet sind Stellnetze aufgrund einer unklaren Küstenfischereiverordnung nicht verboten. Eine Neuregelung ist dringend erforderlich.

Schutz nur auf dem Papier

Der Schweinswal steht in allen europäischen Staaten unter Naturschutz und ist in der FFH-Richtlinie (Flora-Fauna-Habitat) der EU unter den Arten aufgeführt, "für deren Erhaltung besondere Schutzgebiete ausgewiesen werden müssen". Zudem verpflichtet das Kleinwalschutzabkommen ASCOBANS (Abkommen zur Erhaltung von Kleinwalen in Ost- und Nordsee) von 1994 die Unterzeichner, Maßnahmen gegen den unbeabsichtigten Beifang von Schweinswalen zu ergreifen und Schutzgebiete einzurichten.

Doch die Wirklichkeit hinkt dem umfassenden Schutz auf Papier hinterher. An der deutschen Ostseeküste wurden im Jahr 2008 etwa 140 Schweinswal-Kadaver geborgen. Die Narben auf ihren Körpern verraten, dass zwischen 47 u nd 86 Prozent von ihnen Opfer der Fischerei sind. Das entspricht 2 bis 8 Prozent der Population. Der Wissenschaftsausschuss der IWC (2000) hält eine Quote von 1,7 Prozent in einer Population bereits für bedenklich.

Die bisherigen Schutzmaßnahmen erscheinen vor diesem Hintergrund geradezu wie ein Tropfen auf den heißen Stein. Zwar existiert seit 2002 im Rahmen von ASCOBANS ein "Recovery Plan" für den Ostsee-Schweinswal (Jastarnia Plan), der z.B. die Umrüstung von Treib- und Stellnetzen auf Langleinen, Fischfallen und Reusen fordert. Die Umsetzung steht jedoch noch weitgehend aus.

Greenpeace fordert:

• Den Einsatz selektiver Fischereimethoden, ohne Beifänge,
.  eine Umrüstung auf weniger gefährliche Fischfangtechniken wie Langleinen und Fischreusen zur Rettung des Ostsee-Schweinswals,
• ein Netzwerk von Meeresschutzgebieten, ohne extraktive Nutzung wie Fischerei, Öl-/Gas- sowie Sand- und Kies-Förderung,
• Maßnahmen gegen die fortschreitende Verschmutzung der Meere,
• lärmverminderte Bautechniken beim Bau von Windkraftanlagen.

(Stand: Juni 2011)

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