Thilo Maack von Greenpeace: „Den Fischern geht es so schlecht wie nie zuvor“

Butter bei die Fische

Fischer reagierten teils empört auf die von Greenpeace-Aktiven versenkten Steine in der Ostsee. Im Interview erzählt Thilo Maack, warum die Aktion auch der Fischerei nutzt.

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Zustimmung, aber auch Ärger: Die Reaktionen auf die von Greenpeace-Aktivistinnen und Aktivisten versenkten Steine im Adlergrund vor Rügen sind vielfältig. „Die Steine sind eine Notfallmaßnahme, um der Ostsee aus der Krise zu helfen und besonders auf das Problem der Grundschleppnetzfischerei hinzuweisen“, sagt Thilo Maack, Greenpeace-Experte für Meere. Denn obwohl der Adlergrund als Schutzgebiet ausgewiesen ist, darf dort mit bodenzerstörenden Grundschleppnetzen gefischt werden. Die bis zu einer Tonne schweren Natursteine sollen aus dem Adlergrund ein echtes Schutzgebiet machen. Die Fischer hingegen sehen durch die Aktion ihre Existenz gefährdet. Im Interview redet Meeresbiologe Thilo Maack über seine Gespräche mit Fischern, über ihre Situation und erklärt, warum Schutzgebiet in Deutschland oft nur auf dem Papier existieren. Ein von der Ostseezeitung moderiertes Streitgespräch zwischen Thilo Maack und dem Fischer Alexander Steffen sehen Sie hier

Greenpeace: Was werfen Fischer den Greenpeace-Aktivistinnen und Aktivisten vor?

Thilo Maack: Sie argumentieren, dass sie, wenn sie dort, wo die Steine liegen, ihre Netze auswerfen, mit den Netzen hängenbleiben könnten und diese zerstört würden. Deshalb würden Greenpeace-Aktive das wirtschaftliche Überleben der Fischer aufs Spiel setzen. Im gleichen Atemzug sagen uns diese Fischer aber auch, dass sie im Adlergrund seit 30 Jahren nicht mehr fischen.

Es scheint eher um eine Prinzipienfrage zu gehen: Ob es im Meer Bereiche geben soll, wo Grundschleppnetzfischerei grundsätzlich verboten ist – wie Greenpeace es fordert. Ich vermute, dass die Fischereiseite diesen Präzedenzfall am Adlergrund fürchtet. Denn der Vorschlag, bodenzerstörende Fischerei im Adlergrund nicht zu erlauben, liegt seit 2019 vor. Das Landwirtschafts- und Fischereiministerium unter Julia Klöckner setzt diese Pläne allerdings nicht um. Die Aktion hat nun die Debatte wieder aufgemacht.

Bist du im Kontakt mit den Fischern? 

Wir sind immer wieder im Gespräch. Vergangene Woche hatte ich eine hitzige Diskussion. Am Ende sind wir aber übereingekommen, dass sich in Schutzgebieten Fischbestände deutlich besser erholen, wenn sie dort in Ruhe gelassen werden. Und dass sich am Rand von Schutzgebieten deutlich mehr Fische fangen lassen als in anderen Gebieten.

Wir haben nach der Aktion auch Anrufe bekommen von Fischern, die gesagt haben, die Aktivisten und Aktivistinnen hätten das absolut Richtige getan: Die Grundschleppnetzfischerei habe die Dorschbestände zerstört.

Bei Fischern ist es so, wie in der Gesamtbevölkerung: Es gibt nicht die eine Meinung. Manche folgen eher den Argumenten der Rechtsaußenpartei, andere sind seit mehreren Jahrzehnten Greenpeace-Förderer.

Kannst du deren Existenzängste – denn darum geht es ja – verstehen?

Natürlich kann ich die Existenzängste verstehen. Aber ich glaube nicht, dass die Grundlage für einen funktionierenden Fischereibetrieb eine aus Sicht der Fischer lohnende Fangquote ist. Die Grundlage für einen gutgehenden Fischereibetrieb ist ein gesunder Fischbestand. Wenn der Fischbestand gesund ist, gibt es auch eine höhere Quote. Dann hat der Fischereibetrieb auch eine höhere Wahrscheinlichkeit zu überleben.

Wie geht es denn den Ostseefischern?

Den Fischern geht es so schlecht wie nie zuvor. Es gibt an der Ostseeküste einen rasanten Verlust an Fischereibetrieben. Immer mehr steigen aus. Man kann heute keinem Schulabgänger guten Gewissens empfehlen, Fischer zu werden. Die gehen nach 14 Stunden Arbeit pro Tag am Monatsende mit 1500 Euro netto nach Hause.

Ist es so ähnlich wie in der Landwirtschaft: Die Kleinen weichen den Großen?

Absolut. Analog zur Landwirtschaft kann man in der Fischerei feststellen, dass kleine Handwerksbetriebe immer mehr weichen müssen gegenüber großen Industriebetrieben.

Was wäre die Lösung?

Meiner Meinung nach muss die Fischerei in der westlichen Ostsee für die nächsten fünf bis zehn Jahre eingestellt werden, damit sich die Fischbestände erholen können. Nur so ist sichergestellt, dass kommende Generationen dem Fischereigewerbe nachgehen können.

Das ist eine harte Aussage, Menschen gegenüber, die von der Fischerei leben.

Kein Fischer kann noch allein von der Fischerei leben. Gerade die kleinen Handwerksbetriebe haben meist noch eine Zimmervermittlung, einen Räuchereibetrieb oder ein Restaurant. Wenn alles weiter läuft wie bisher, geht das vielleicht noch eine Generation gut, danach haben wir gar keine Handwerksfischerei mehr in der Ostsee.

Wir brauchen letztendlich ein Verständnis dafür, dass sich Fischerei ändern muss, dass nicht überall im Meer Fischerei stattfinden darf. Innerhalb von echten Schutzgebieten bauen sich Fischbestände wieder auf, die Fische wandern aus den Schutzgebieten aus und stehen dann wieder der Fischerei zur Verfügung. Schutzgebiete dienen der Fischerei.

Und wir brauchen ein Umdenken beim Verbraucher: Weniger Fisch, aber dafür nachhaltig gefangen?

Ja, so ist es. Es gibt schon jetzt alternative Vermarktungswege für ökologisch gefangenen Fisch. Der Aufwand für die Fischer ist allerdings viel höher, wenn mit Reusen oder Langleinen gefangen wird. Wir stellen aber auch fest, dass dort, wo es probiert wird – etwa auf Hiddense – Touristen bereit sind, einen viel höheren Preis für den Fisch zu bezahlen.

Du hast erwähnt, dass die Ostseefischer seit 30 Jahren nicht mehr im Adlergrund fischen. Warum nicht?

Der Adlergrund ist 25 Seemeilen weit draußen, es kostet Sprit, da rauszufahren. Zudem ist der Dorschbestand in der westlichen Ostsee kaputtgefischt. Es lohnt sich offensichtlich wirtschaftlich nicht mehr, für die Dorsch-Fischerei in den Adlergrund zu fahren.

Ein weiterer Grund ist, dass dort ohnehin viele Steine liegen und die Fischer möglicherweise auch deshalb Respekt vor diesem Gebiet haben. Die Aktivistinnen und Aktivisten haben übrigens vor dem Versenken der Steine die exakten Koordinaten der Steine angegeben. Diese sind über die Schiffswarndienste, die jeder Fischer beobachten muss, durchgegeben worden.

Und wer fischt dann dort?

Wir wissen aus Daten des staatlichen Thünen-Instituts für Ostseefischerei, dass Fischerei mit Grundschleppnetzen im Adlergrund in den Jahren 2013 bis 2017 stattgefunden hat. Wir wissen auch, dass deutsche Fischer dort waren, aber auch Boote aus Dänemark und Polen.

Das sind aber meist Fischer mit größeren Schiffen, die aus Deutschland stammen vermutlich in erster Linie aus Schleswig-Holstein.

Was ist zu dem Vorwurf zu sagen, dass der Steinabwurf in das Ökosystem eingreift?

Im Vorfeld der Aktion gab es eine Voruntersuchung durch ein Fachinstitut. Diese besagt, dass die ausgebrachten Steine die Schutzziele für den Adlergrund nicht gefährden.  Die Steine helfen dem Schutzgebiet doppelt: Sie bereichern das ohnehin vorhandene Steinriff. Und sie schützen dieses Steinriff vor der Grundschleppnetzfischerei.

Steine wurden schon mal versenkt: 2008 im Sylter Außenriff. Auch dort gab es zu dem Zeitpunkt nur ein Schutzgebiet auf dem Papier. Was ist aus den Steinen geworden?

Greenpeace-Taucher waren ein Jahr später vor Ort, um zu schauen, was aus den Steinen geworden ist. Sie waren bewachsen und sind Teil des natürlichen Steinriffs geworden. Die Steine dort sind in den Seekarten verzeichnet, ein Signal für Fischer, dort nicht mehr hinzufahren. So wurde im Jahr 2008 mit den Steinen im Sylter Außenriff ein echtes Schutzgebiet geschaffen.

Was ist denn im Schutzgebiet Adlergrund noch erlaubt?

Nicht nur im Adlergrund, in vielen weiteren Schutzgebieten ist Sand- und Kiesabbau erlaubt, unter bestimmten Voraussetzungen ist sogar Öl- und Gasförderung erlaubt. Der größte Zerstörungsfaktor in der Ostsee ist aber die Grundschleppnetzfischerei – und auch die ist erlaubt. Diese Schutzgebiete sind zum Teil seit mehr als zehn Jahren offiziell ausgewiesen. Doch sie helfen nicht, dass sich die Ostsee erholen kann. Dabei befinden sich die Meere in einer historischen Krise. 

Seit den 90er Jahren sind etwa die Seevögelbestände um 60 Prozent zurückgegangen. Die östlich von Bornholm lebende Schweinswal-Population mit etwa 450 Tieren steht auf der Roten Liste der IUCN unter „vom Aussterben bedroht“. Tauchende Seevögel und Schweinswale bleiben als Beifang in den Stellnetzen hängen. Wir brauchen dringend Gebiete, in denen das Meer ohne menschlichen Einfluss sich selbst überlassen bleibt, damit es wieder ins Gleichgewicht kommt.

Wie kommt es, dass der Adlergrund als Schutzgebiet ausgewiesen ist, wenn doch noch so viel erlaubt ist?

Der Adlergrund gehört zur Schutzgebietskulisse des Netzwerkes Natura 2000. Natura 2000 verpflichtet europäische Mitgliedsstaaten, bestimmte Lebensräume und bestimmte Tierarten zu schützen. Bei den Lebensräumen sind es Steinriffe und Sandbänke. Beides kommt im Adlergrund vor. Dort leben auch über 60 Prozent der in der gesamten deutschen Ostsee vorkommenden Eisenten.

Der Schutz wurde aber nur auf dem Papier ausgewiesen und ist nicht erfolgt. Durch die Steine ist der Adlergrund jetzt zu einem echten Schutzgebiet geworden.

(Dieses Interview wurde am 10. August erstveröffentlicht.)

Zum Weiterlesen:

Interview zur Lage in Nord- und Ostsee mit Rainer Froese vom Geomar-Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung

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