Nitratbelastung führt zu sauerstofffreien Zonen in der Ostsee
- Ein Artikel von Nina Klöckner & Kristina Oberhäuser
- mitwirkende Expert:innen Lasse van Aken
- Nachricht
Vor der Ostseeküste lässt Sauerstoffmangel Meeresorganismen absterben. Das liegt vor allem an der Gülleflut aus der Landwirtschaft, zeigen die Ergebnisse der jüngsten Greenpeace-Messtour.
Dunkel und leblos ist der Meeresgrund. Wo einst Seegras und Faseralgen wuchsen, Miesmuscheln und Seesterne einen Lebensraum hatten, ist nur noch Schlamm zu finden, schwarz gefärbt von Eisensulfid und bedeckt mit sulfatreduzierenden Bakterien. Wissenschaftler:innen von Greenpeace fahren mit dem Forschungssegler Malizia Explorer von Boris Herrmann durch die Küstengewässer der Flensburger und Eckernförder Bucht. Mithilfe einer CDT-Sonde messen sie den Sauerstoffgehalt des Meeres. Ein Unterwasserroboter dokumentiert in 25 Meter Tiefe den Meeresboden, Taucher:innen filmen den tier- und pflanzenlosen Grund. Werte unter vier Milligramm pro Liter setzen viele Meeresbewohner unter Stress. Werden am Meeresboden weniger als zwei Milligramm Sauerstoff pro Liter gemessen - so wie von den Greenpeace-Forschenden in der Kieler Bucht und zwischen Eckernförder Bucht und Flensburger Förde - ist das zu wenig für bodenbelebende Pflanzen und Tiere. Nur noch Bakterien können hier existieren. Wesentliche Ursache solcher „toten Zonen“: Der zu hohe Nährstoffeintrag durch Gülle und Überdüngung aus der industriellen Landwirtschaft.
Um die Ostsee zu retten und das Grundwasser in Deutschland vor landwirtschaftlicher Überdüngung zu schützen, muss das Düngerecht in Deutschland grundlegend überarbeitet werden. Tierhaltende Betriebe produzieren Unmengen an Gülle – landet zu viel davon auf dem Acker, wird das Grundwasser verschmutzt und die Ostsee zerstört. „Der Staat muss wissen, wer wie viele Nährstoffe ausbringt. Sich nur auf das Wort der landwirtschaftlichen Betriebe zu verlassen, wie Bundesagrarminister Alois Rainer es vorhat, ist unverantwortlich“, sagt Lasse van Aken, Landwirtschafts-Experte von Greenpeace.
Die Stoffstrombilanz, durch die Stickstoffüberschüsse auf Betriebsebene erfasst wurden, hat der Minister kurz nach seinem Amtsantritt abgeschafft. Durch das Verursacherprinzip konnten Landwirt:innen, die zu viel düngen, zur Reduktion verpflichtet werden. „Freiwillige Vereinbarungen – wie vom Aktionsplan Ostseeschutz angeregt – reichen nicht aus, das zeigen unsere Messungen“, sagt van Aken. „Die Untersuchungen, die von Greenpeace auf unserem Schiff gemacht und veröffentlicht werden, sind sehr wichtig“, sagt Boris Herrmann, „deshalb freuen wir uns über diese Zusammenarbeit.“
Was sind Todeszonen?
Das Überangebot von Nährstoffen wie Nitrat und Phosphat führt dazu, dass sich Algen und Cyanobakterien übermäßig vermehren. Diese Algenblüte produziert zwar in den oberen Wasserschichten Sauerstoff. Doch wenn die Einzeller absterben, sinken sie in großer Zahl zu Boden. Der mikrobielle Abbau der Biomasse verbraucht Sauerstoff – in manchen Gebieten so viel, dass das marine Leben in Nord- und Ostsee regional abstirbt.
Probenentnahme in der Ostsee
Klimakrise beschleunigt Algenwachstum
Verschärft wird das Problem durch den Klimawandel. Denn das wärmere Wasser führt zu immer früheren und immer längeren Algenblüten. Auch kann warmes Wasser per se schon weniger Sauerstoff aufnehmen als kaltes. „Gerade in Zeiten des Klimawandels ist es absolut notwendig, dass Deutschland seine Düngeverordnung drastisch verschärft und den Tierbestand reduziert“ fordert Manfred Santen, Chemieexperte von Greenpeace. „Nur so kann das massive Absterben der Bodenlebewelt in der Ostsee gestoppt werden.“
Todeszonen in der Ostsee: Häufige Fragen
Kann sich die Ostsee von den Todeszonen wieder erholen?
Ja, die Ostsee kann sich theoretisch erholen – aber dieser Prozess dauert enorm lange, verläuft nicht linear und wird durch klimatische sowie meeresökologische Faktoren stark gebremst.
Was hat Gülle mit dem Sauerstoffmangel im Meer zu tun?
Wenn in der Landwirtschaft zu viel Gülle ausgebracht wird, die Pflanzen und Böden nicht aufnehmen können, führt das zu einem Überschuss. Überdüngung hat weitreichende Folgen für unsere Umwelt.
Nährstoffüberschüsse gelangen über das Sickerwasser und Abschwemmungen in Flüsse, Seen und Meere. 94 Prozent der Ostsee ist eutrophiert. Keiner der 48 Ostsee-Küstenwasserkörper erreicht den nach EU-Wasserrahmenrichtlinie geforderten guten ökologischen Zustand.
Warum ist die Ostsee besonders anfällig für Todeszonen?
Als relativ kleines und flaches Meer, umgeben von viel landwirtschaftlich genutzter Landmasse, ist die Ostsee dem menschlichen (Gülle-)Einfluss besonders ausgesetzt. Ihre Todeszonen haben sich in den vergangenen hundert Jahren auf gut 60.000 Quadratkilometer verzehnfacht. Das heißt: Auf einer Fläche zweimal so groß wie Belgien ist die normale Bodenflora und -fauna zerstört.
Schon im Jahr 2018 war Greenpeace auf der Ostsee unterwegs. Der „Ostsee-Report: Tote Zonen vor der Küste“ fasst die Ergebnisse der mehrwöchigen Messtour mit dem Greenpeace-Schiff Beluga zusammen. Experten hatten knapp 200 Wasserproben in der Ostsee vor den Küsten von Deutschland, Polen und Dänemark genommen. Untersucht wurden der Sauerstoffgehalt in den Küstengewässern sowie die Belastung der Ostseezuflüsse mit den Nährstoffen Phosphor und Nitrat sowie mit Pestiziden, Tierarzneimitteln und multiresistenten Keimen. Anfang 2019 wurden in einer zweiten Untersuchungsreihe Nährstoffe in Proben aus Zuflüssen der Ostsee analysiert. Die Ergebnisse zeigten schon damals: Mit den Flüssen kommen Nährstoffe in die Ostsee. Gülleflut und Überdüngung aus der Landwirtschaft tragen zum schlechten Zustand der Ostsee bei, und zwar deutlich mehr als der Nährstoffeintrag über die Luft.