Neues Bildmaterial zur Qualhaltung in deutschen Ställen

Schweine in Käfighaltung

Gesetzeswidrig und trotzdem gängige Praxis: Mutter-Sauen, die in zu engen Käfigen eingepfercht sind. Greenpeace stellt Strafanzeige. 

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Reihenweise Sauen, einzeln in kleine, enge Kastenstände gesperrt. Ungestört ruhen, ohne mit Beinen in den Nachbarkäfig zu geraten - unmöglich. Das verursacht Stress. Viele der Tiere haben Fleischwunden, haben Schaum vor dem Maul oder kauen unruhig vor sich hin. Stephanie Töwe macht solches Bildmaterial auch nach vielen Jahren als Landwirtschaftsexpertin bei Greenpeace immer noch zu schaffen. ”Es ist kaum zu ertragen, wie mitleidlos und brutal die Fleischindustrie mit fühlenden und intelligenten Lebewesen umspringt”, sagt sie. “Diese Qualhaltung verstößt klar gegen Verfassung und Tierschutzgesetz.” Sie hat Strafanzeige gegen die fünf Betriebe in Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern erstattet.

Der Kastenstand gehört abgeschafft

Was die Bilder zeigen, sind keine Einzelfälle. Der sogenannte “Kastenstand”, also die Fixierung von Sauen in Einzelkäfigen, ist weit verbreitet in der deutschen Schweinehaltung. Das Absurde: In Schweden und der Schweize ist der Kastenstand bereits seit langem verboten, hierzulande ist er erlaubt, sogar gemäß Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung. 

Ob er legal ist, ist eine andere Sache: Denn die Verordnung ist gesetzeswidrig, weil sie - unter anderem in Bezug auf die Sauenhaltung - die Anforderungen aus Verfassung und Tierschutzgesetz nicht erfüllt. “So oder so gibt aber selbst diese krückenhafte Verordnung seit 27 Jahren vor, dass die Muttertiere sich in ihren Eisenkäfigen zumindest ungestört ausstrecken sollten, um ihren Bedürfnis nach Ruhe nachkommen zu können”, erklärt Töwe. “Das hat das Bundesverwaltungsgericht 2016 bestätigt - in der Praxis wird das offensichtlich weiterhin ignoriert.” 

Ob die Kontrollbehörden die Vorgaben zum Kastenstand nach der unmissverständlichen Ansage des Bundesverwaltungsgerichts endlich ernstnehmen, hat die Greenpeace-Expertin in 25 Landkreisen mit besonders viel Tierhaltung nachgefragt. Darunter befinden sich auch die drei Landkreise, aus denen das belastende Bildmaterial stammt. Der bisherige Stand: Nach offiziellen Angaben gab es teilweise Kontrollen, aber kaum Beanstandungen. Die in Niedersachsen kontaktierten Veterinärämter, zuständig für die Stallkontrollen, verweigerten schlicht die Auskunft. “Die furchtbaren Bilder aus den Schweineställen zeigen klar, dass Politik und viele Kontrollbehörden lieber Tierleid hinnehmen, als geltendes Recht durchzusetzen”, so Töwe. Dabei gäbe es derzeit eine einfache Übergangslösung, um kurzfristig die Vorgaben der Verordnung umzusetzen: Jeden zweiten Kastenstand freilassen.


Ministerin will Tierleid legalisieren

Verantwortliche Bundesministerin für Landwirtschaft ist Julia Klöckner (CDU). An ihre läge es, auf die Durchsetzung der Verordnung zu drängen und zeitnah eine Reform zu einer artgerechten Tierhaltung in die Wege zu leiten. Doch die Ministerin, bekannt für die inflationäre Nutzung des Begriffs Tierwohl, hat sich des Themas auf ihre eigene Art und Weise angenommen: Sie plant, die Verordnung so zu ändern, dass die zu engen Kastenstände nicht nur nachträglich legalisiert werden - sondern die Betriebe weitere 15 bis 17 Jahre Zeit bekommen, minimal größere Kastenstände einzuführen. Töwe überrascht das nicht: “Diese absurde Übergangsfrist ist ein typisches Beispiel für die politische Doppelmoral von Frau Klöckner.” Sie stellt klar: “Kommt die Ministerin damit durch, wäre das Beihilfe zur Tierquälerei.”

Letztlich ist es jedoch nicht nur eine Frage von Tierwohl oder Tierleid - die industrialisierte Landwirtschaft in Deutschland ist mitverantwortlich für Klimakrise und Biodiversitätsverluste. Eine echte Agrarwende hin zu einer zukunftsfähigen Landwirtschaft, die Tiere, Arten und Umwelt schont, bedeutlich vor allem: die Tierbestände deutlich reduzieren. 


TV-Tipp: Report Mainz hat das Thema Kastenstand in seiner Sendung vom 10.9.2019 aufgegriffen und Betriebe sowie politisch Verantwortliche zur Rede gestellt.  Der Beitrag ist verfügbar in der ARD/SWR-Mediathek oder über die Website von Report Mainz

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