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EU-Parlament stimmt über Biosprit-Anteil ab

Noch mehr Essen im Tank

Sieben Jahre EU-Debatte, sieben Prozent Deckelung. Damit ist der zukünftige Einsatz von pflanzlichen Kraftstoffen in der Zapfsäule beschlossen. Die Folgen sind fatal.

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Die EU-Parlamentarier haben abgestimmt: Bis 2020 wird der Einsatz von sogenanntem Biokraftstoff aus Mais, Palmöl und Raps subventioniert, allerdings nur für maximal sieben Prozent des Gesamtkraftstoffverbrauches. Derzeit liegt der Anteil in Deutschland bei fünf Prozent.

„Keine Wende im Transportsektor in Sicht: Fossiler Kraftstoff wird weiterhin durch klimaschädlichen Agrosprit ersetzt“, fasst Martin Hofstetter, Greenpeace-Experte für Landwirtschft, dieses Ergebnis zusammen. „Damit wir in Europa Auto fahren können, werden wohl noch mehr Urwälder gerodet und noch mehr Menschen Hunger leiden müssen. Die EU gefährdet mit dieser Entscheidung die weltweite Nahrungsmittelsicherheit und treibt den Klimawandel an. Das Geld, das nun noch jahrelang in die Subventionierung von Agrosprit geht, sollte man lieber für intelligente neue Mobilitätskonzepte ausgeben“, so Hofstetter.

Agrosprit verursacht Hunger

Agrosprit, auch Biosprit genannt, ist aus gutem Grund umstritten: Für die Herstellung wird konventioneller Treibstoff mit Kraftstoffen auf Pflanzenbasis gemischt. Doch die landwirtschaftlichen Flächen sind knapp, sodass Äcker weltweit zweckentfremdet werden, um Energiepflanzen anzubauen. In frisch gerodeten Wäldern darf zwar kein Ackerbau für Biosprit stattfinden, das verbieten die europäischen Richtlinien. Doch das hilft wenig. Denn für den Anbau der Agrospritpflanzen muss der Anbau von Nahrungsmitteln weichen – im schlimmsten Fall in ökologisch wertvolle Gebiete wie den Regenwald. Im Fachjargon spricht man dabei von indirekten Landnutzungsänderungen oder dem sogenannten iluc-Faktor (indirect land use change).

„Mit den dezimierten Wäldern riskieren wir nicht nur das Überleben ganzer Arten, sondern verlieren auch unsere besten Verbündeten im Kampf gegen den Klimawandel“, warnt  Martin Hofstetter. „Wenn die Anbauflächen knapp werden, klettern die Agrarpreise. Europa importiert Nahrungsmittel, die dann im Tank landen, statt den Hunger in der Welt zu stillen. Das ist absurd und verantwortungslos.“ Zudem heizt der aufwendig erzeugte Agrosprit in ähnlichem Umfang wie fossiler Treibstoff den Klimawandel an.

Der iluc-Faktor: Wenn Energiepflanzen Nahrungsmittel vertreiben

Obwohl die ökologischen Folgen bekannt sind, soll Biokraftstoff auch weiterhin nicht mit dem besagten iluc-Faktor gewichtet werden. Greenpeace und andere Umweltverbände sowie zahlreiche Wissenschaftler hatten eine Einbeziehung dieser indirekten Landnutzungsänderungen gefordert, um auszuschließen, dass besonders klimaschädliche Agrokraftstoffe eingesetzt werden. Auch Kommission und Parlament folgten zuvor dieser Linie. Die EU-Mitgliedstaaten weigerten sich nach Druck von Agrarverbänden und der Agrokraftstoffindustrie jedoch, das iluc-Konzept anzuwenden. Jetzt soll die EU-Kommission lediglich darüber berichten, wie sich die pflanzlichen Biokraftstoffe auf die Landnutzung in der Welt auswirken.

Mehr Importe von Billig-Kraftstoffen

Die EU-Entscheidung bedeutet, dass die Menge an Agrarpflanzen im Tank zunächst noch einmal ansteigen wird. Europaweit liegt der Biosprit-Anteil derzeit bei rund fünf Prozent. Das deckt sich mit der Situation in Deutschland: Laut Biokraftstoffbericht der Bundesregierung wurden 2013 rund 5,2 Prozent des Kraftstoffmarktes durch Biokraftstoffe gedeckt. Im Einzelnen waren das: 1,77 Millionen Tonnen Biodiesel, 1,21 Millionen Tonnen Bioethanol, 0,44 Millionen Tonnen hydriertes Pflanzenöl.

„Wenn der Anteil der Biokraftstoffe also zukünftig in Deutschland auf sieben Prozent klettern soll, dann werden dafür fast 40 Prozent mehr Biodiesel und Ethanol benötigt“, erklärt Hofstetter. „Dafür gibt es in Deutschland aber nicht genügend Anbaufläche. Das bedeutet, wir müssen die beschlossene Biokraftstoffquote vor allem mit Importen aus Übersee decken.“

Fakt ist: Palmöl aus Indonesien oder brasilianisches Ethanol aus Zuckerrohr sind in der Regel deutlich günstiger als heimisches Rapsöl beziehungsweise Ethanol auf Getreide- oder Zuckerrübenbasis. Doch die Produktion von Palmöl geht oft einher mit massiven ökologischen und sozialen Problemen: Rodung ökologisch wertvoller Wälder, verbunden mit massivem CO2-Ausstoß, Gefährdung bereits bedrohter Tier- und Pflanzenarten und Konflikten mit der Bevölkerung vor Ort. Eine Entscheidung mit fatalen Folgen also, die das EU-Parlament getroffen hat.

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