Nitrat im Trinkwasser: Wasserverschmutzung durch Landwirtschaft
- Ein Artikel von Anja Franzenburg & Kristina Oberhäuser
- mitwirkende Expert:innen Anne Hamester
- Nachricht
- Greenpeace als bevorzugte Quelle bei Google: So geht's!
Die Qualität unseres Trinkwassers gerät unter Druck – weil zu viel Dünger auf Äckern landet. Greenpeace testet Gewässer und veröffentlicht die Ergebnisse in einer Karte. Bürger:innen können mitmachen.
Nicht nur Hitze und anhaltende Trockenheit belasten die Versorgung mit sauberem Wasser. Dünger und Gülle aus der industriellen Massentierhaltung bzw. dem intensiven Ackerbau landen in einem Ausmaß auf Äckern, das Pflanzen nicht mehr aufnehmen können. Die entstehenden Nährstoffüberschüsse sickern ins Grundwasser oder gelangen in Gewässer. Infolgedessen kippen Seen und Wasserwerke bemängeln zu hohe Schadstoffeinträge. An jeder vierten Messstelle ist das Grundwasser bereits belastet: Auf etwa 15 Prozent der gesamten Fläche Deutschlands wird der gesetzliche Nitrat-Grenzwert von 50mg pro Liter überschritten.
Dabei ist Wasser unser wichtigstes Lebenselixier. Menschen, Tiere und Pflanzen brauchen sauberes Wasser, um überleben und gesund bleiben zu können. Vor allem in höheren Konzentrationen ist Nitrat gefährlich – für die Umwelt und die menschliche Gesundheit. Die Wasserwerke beziehen rund 70 Prozent unseres Trinkwassers aus Grundwasser. Sind die Nitratwerte zu hoch, müssen sie das Wasser kostenintensiv aufbereiten.
Gemeinsam mit Greenpeace Nitrat im Wasser aufdecken
Trotz der umfangreichen Messnetze sind die Daten zur Nitratbelastung unübersichtlich, schwer zu finden und oft Jahre alt. Für die Bürger:innen bleibt die Lage damit undurchsichtig. Um für mehr Klarheit zu sorgen, nehmen Greenpeace-Aktive in den nächsten Wochen Wasserproben. Daran beteiligen sich Menschen aus ganz Deutschland. Mit einer sogenannten Crowd-Recherche sammelt Greenpeace von September bis November aktuelle Daten zur Nitratbelastung von Gewässern und macht die Verunreinigungen auf einer interaktiven Deutschlandkarte sichtbar.
Zum Auftakt der Mitmach-Aktion informieren Greenpeace-Aktive in mehr als 30 Städten über die Belastung des Wassers mit Nitrat. Wer selbst aktiv werden und einen privaten Brunnen oder ein Gewässer in einem landwirtschaftlichen Gebiet testen möchte, erfährt vor Ort Details zu den Abläufen und kann sich mit dem Testmaterial vertraut machen. Auch online gibt es die Möglichkeit, sich zu informieren.
© Bernd Lauter / Greenpeace
An einer symbolischen Getränkestation mit Glücksrad informieren Ehrenamtliche in Aachen am 28. August 2026 über die Verschmutzung von Flüssen, Seen und des Trinkwassers durch Überdüngung. In zahlreichen Städten laden sie Passant:innen ein, an einer Crowd-Recherche teilzunehmen und mit bereitgestellten Tests private Brunnen, Bäche und Flüsse auf ihren Nitratgehalt zu testen.
Die Infostände – eine symbolische Getränkestation mit Glücksrad – sind zugleich Protest gegen die Pläne von Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer (CSU) und verschiedener Bundesländer wie Bayern und Nordrhein-Westfalen: Sie wollen das Düngerecht und damit zentrale Regelungen zum Wasserschutz massiv aufweichen. Die Auflagen für das Düngen in besonders mit Nitrat belasteten sogenannten roten Gebieten stellen Bund und Länder infrage – ohne alternative Regelungen zum Schutz des Wassers zu haben. Die Stoffstrombilanz, durch die Stickstoffüberschüsse auf Betriebsebene erfasst wurden, schaffte Landwirtschaftsminister Rainer kurz nach seinem Amtsantritt ab.
„Für Transparenz bei der Überdüngung ist es unerlässlich, dass landwirtschaftliche Betriebe alle Nährstoffe bilanzieren. Wer zu viel düngt, darf sich nicht aus der Verantwortung ziehen können, Wasserschutz braucht das Verursacherprinzip. Dafür müssen aber Nährstoffüberschüsse der Betriebe erfasst und aktuelle Daten zur Belastung der Gewässer transparent gemacht werden.“
Woher kommt unser Trinkwasser
Vom Grund- zum Trinkwasser
Grundwasser entsteht vor allem aus Regenwasser, das durch den Boden und die verschiedenen Erdschichten nach unten sinkt. Auch unsere Oberflächengewässer hängen eng mit dem Grundwasser zusammen, das in Quellen an die Oberfläche tritt und Bäche sowie Flüsse speist. Besonders in trockenen Jahreszeiten stammt ein Großteil des Flusswassers aus diesen unterirdischen Vorräten. Daher beeinflussen die Qualität und die Menge des Grundwassers direkt den Zustand unserer Seen und Flüsse. Für unsere Trinkwasserversorgung ist das Grundwasser die wichtigste Säule: Fast 70 Prozent werden aus Grund- und Quellwasser gewonnen. Etwa 30 Prozent stammen aus Oberflächengewässern wie Seen und Talsperren.
Trinkwasser ist unser wichtigstes Lebensmittel, es kann nicht ersetzt werden. Die Qualität des Trinkwassers in Deutschland gilt als exzellent: Es ist das am strengsten kontrollierte Lebensmittel und kann fast überall bedenkenlos direkt aus dem Hahn getrunken werden. Die Trinkwasserverordnung (TrinkwV) legt Grenzwerte fest, die oft strenger sind als bei Mineralwasser aus Flaschen. Damit Wasserwerke auch in Zukunft sauberes Wasser kostengünstig bereitstellen können, müssen vor allen Dingen die Einträge gefährlicher Stoffe in unsere Trinkwasserquellen, vornehmlich in unser Grundwasser und unsere Oberflächengewässer, gestoppt bzw. minimiert werden. Denn bereits jetzt müssen Wasserversorger nitratbelastetes Wasser mit unbelastetem Wasser mischen oder aufwendig reinigen, um die Vorgaben einhalten zu können.
Was passiert bei hoher Nitratbelastung des Wassers?
Wird der Nitratwert im Grundwasser überschritten, sind laut Grundwasserverordnung Maßnahmen zur Reduzierung der Einträge einzuleiten. Diese reichen derzeit aber nicht aus, die Überschreitungen in diesen sogenannten Roten Gebieten zu reduzieren.
Ein konsequenter Schutz unseres Wassers an der Quelle ist also weitaus nachhaltiger und vor allem kostengünstiger als eine nachträgliche, technologisch komplexe Reinigung von Schadstoffen, die wir heute noch vermeiden können.
Ist Nitrat im Wasser gesundheitsschädlich?
Zwar ist Nitrat für den Menschen nicht giftig. Das Risiko liegt in der Umwandlung von Nitrat zu Nitrit. Diese Umwandlung kann durch Bakterien im Mundraum oder im Magen stattfinden und ist aus zwei Gründen kritisch:
- Sauerstofftransport bei Säuglingen: Bei Säuglingen unter drei Monaten kann Nitrit die sogenannte „Methämoglobinämie“ (Blausucht) auslösen. Dabei wird der rote Blutfarbstoff so verändert, dass er keinen Sauerstoff mehr transportieren kann. Dies führt zu einer Sauerstoffunterversorgung der Organe, die im Extremfall lebensbedrohlich sein kann.
- Krebsgefahr durch zu hohe Nitratwerte im Wasser: Im Magen kann sich Nitrit mit anderen Stoffen (sekundären Aminen) zu Nitrosaminen verbinden. Wissenschaftliche Untersuchungen geben Hinweise darauf, dass diese Verbindung das Krebsrisiko erhöht.
Giftige Blaualgen im Badesee durch Überdüngung
Auch die Folgen der Nitrateinträge in Gewässer können die Gesundheit gefährden. Jedes Jahr im Hochsommer sorgen „Blaualgen“ für Schlagzeilen, weil sie gesundheitsgefährdende Giftstoffe produzieren können. Behörden sperren dann Badeseen oder schließen sogar Strände an der Ostsee.
Die durch Überdüngung begünstigten massiven Algenblüten können zu einer gefährlichen Konzentration von Cyanobakterientoxinen (Giftstoffen) führen. In geringen Konzentrationen sind die Toxine meist ungefährlich. Bei hoher Dichte (sichtbare Teppiche) können jedoch folgende Probleme auftreten:
- Hautreizungen: Bei direktem Kontakt mit den Algenteppichen.
- Magen-Darm-Beschwerden: Verschlucken von belastetem Wasser kann zu Übelkeit und Erbrechen führen. Besonders gefährdet sind Kinder sowie empfindliche oder geschwächte Personen.
- Gefahren für Tiere: Für Tiere ist das Risiko oft höher, da sie das belastete Wasser trinken. In der Vergangenheit kam es bereits zu Todesfällen bei Hunden, Rindern und Enten.
Eine weitere Greenpeace-Recherche im Sommer zeigte auch die Folgen von Nitrat im Ostseewasser: tote Zonen, in denen aufgrund des durch die Überdüngung verursachten Sauerstoffmangels nichts mehr wächst. Für Touristenorte wird das auch wirtschaftlich zum Problem.
Greenpeace weist seit Jahren auf zu hohe Nitratbelastung hin
Es ist nicht die erste Untersuchung dieser Art. Bereits im Jahr 2018 untersuchten Greenpeace-Aktive bundesweit Gewässer auf Rückstände aus der Massentierhaltung: auf Nitrat, Phosphat sowie multiresistente Keime. Auch damals konnte sich die Bevölkerung beteiligen. Alle Ergebnisse in: Keime außer Kontrolle.
„Unser Trinkwasser ist in Gefahr, unsere Seen kippen um, aber die Regierung will die Düngeregelungen aushöhlen und riskiert, dass unser Wasser weiter verschmutzt wird. Das wird auch die EU erneut auf den Plan rufen. Denn schon zweimal hat sie Deutschland mit hohen Strafen gedroht, sollte das Land nicht endlich für besseren Gewässerschutz sorgen. Wir alle brauchen sauberes Wasser, deshalb müssen unsere Gewässer konsequent vor Nitrat geschützt werden.“