Greenpeace-Studie: Synthetische Kraftstoffe für Pkw zu teuer und ineffizient

Stromfresser

Verkehrsminister Scheuer will mit strombasierten Kraftstoffen den CO2-Ausstoß im Verkehr senken. Warum das nicht klappen wird, erklärt Benjamin Stephan von Greenpeace im Interview.

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Lösungen müssen her, das spürt auch Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU). Die von ihm beauftragte Verkehrskommission, die den Klimaschutz im Verkehr vorantreiben sollte, hat nicht geliefert. Die Autoindustrie hatte wirksame Klimaschutzmaßnahmen wie eine E-Auto-Quote oder eine CO2-Steuer blockiert. Klar ist aber auch, dass der Verkehr seinen Beitrag leisten muss; nur so kann Deutschland die Klimaschutzziele erreichen. Der Minister steht unter Druck und muss liefern.

Nun sollen strombasierte Kraftstoffe die Klima-Bilanz des Verkehrssektors aufpolieren. Laut Scheuers Ministervorlage sollen sie acht bis zwölf Millionen Tonnen des Klimagases Kohlendioxid (CO2) einsparen. Diese auch Synthetische Kraftstoffe oder E-Fuels genannten Kraftstoffe können klimaneutral produziert werden und lassen sich – wie praktisch für die Autoindustrie – in Autos mit Diesel- und Benzinmotoren nutzen. Was die Kraftstoffe taugen, hat Greenpeace in der heute veröffentlichten Studie „Der Beitrag von synthetischen Kraftstoffen zur Verkehrswende“ bewerten lassen.

So sind strombasierte Kraftstoffe aus der Mobilität der Zukunft erst einmal nicht wegzudenken, aber in Maßen einzusetzen, denn sie haben einen Haken: Die Produktion verschlingt sehr viel Energie. Im Interview spricht Benjamin Stephan, Greenpeace-Experte für Mobilität, über die Chancen und Grenzen des Treibstoffs.

Greenpeace: Was sind strombasierte Kraftstoffe?

Benjamin Stephan:  Es sind künstliche, mit Strom hergestellte Kraftstoffe. Im Gegensatz zu Diesel oder Benzin sind strombasierte Kraftstoffe klimaneutral – wenn sie mit Erneuerbaren Energien produziert werden.

Mit ihm lässt sich mittels Elektrolyse aus Wasser Wasserstoff erzeugen. Das wird beispielsweise als Treibstoff bei Brennstoffzellen-Fahrzeugen eingesetzt. Bereitet man den Wasserstoff weiter auf und fügt noch CO2 zu, entstehen synthetische Kraftstoffe – entweder gasförmige oder nach weiterer Aufarbeitung auch flüssige. Diese unterscheiden sich in der Handhabung nicht von Erdgas, Diesel, Benzin und Kerosin.

Und wieso sind sie klimaneutral? Der Sprit wird doch im Motor verbrannt – dabei entsteht ja trotzdem  CO2.

Für die Produktion strombasierter Kraftstoffe wird CO2 eingesetzt – etwa aus Industrieanlagen. Dieser Kohlenstoff gelangt also nicht in die Atmosphäre, sondern wird bei der Produktion künstlicher Kraftstoffe verbraucht. Diese CO2-Minderung ist quasi eine Gutschrift, die dann durch die Verbrennung im Motor aufgebraucht wird. Man kann auch CO2 direkt aus der Luft abscheiden – das ist allerdings sehr energieintensiv.

Generell sind diese Kraftstoffe aber nur klimaneutral, wenn für die Produktion erneuerbarer Strom eingesetzt wird und kein zusätzliches CO2 erzeugt wird.

Was sind die Nachteile?

Der entscheidende Nachteil von strombasierten Kraftstoffen ist der niedrige Wirkungsgrad; man bekommt also recht wenig für das, was man reinsteckt. Wenn ich etwa einen Golf mit vier verschiedenen Antriebsarten ausstatte – also Batterie, Brennstoffzelle, Gasmotor, Diesel- bzw. Benzinmotor – variiert der Energieverbrauch enorm: Auf gleicher Strecke verbraucht das E-Auto am wenigsten Strom. Das Brennstoffzellen-Fahrzeug verbraucht schon doppelt so viel Energie, da es nicht direkt den Strom lädt. Betanke ich ein Auto mit synthetisch hergestelltem Gas ist der Energieverbrauch fünfmal so hoch, beim Flüssigkraftstoff sogar um das Siebenfache höher im Vergleich zum batteriebetriebenen Pkw.

Das liegt an den zusätzlichen Umwandlungsschritten und dem unglaublich schlechten Wirkungsgrad von Verbrennungsmotoren. Etwa zwei Drittel der eingesetzten Energie verpufft als Wärme, während ein Elektromotor über 90 Prozent der Energie in Bewegung umwandelt.

Lässt sich denn überhaupt so viel Strom aus Erneuerbaren Energien erzeugen?

Aus ökologischer Sicht ist es Quatsch, im großen Stil auf strombasierte Kraftstoffe zu setzen. Erneuerbare Energien fallen nicht vom Himmel, es müssten überall Windkraft- und Solaranlagen installiert werden. Um die zwölf Millionen Tonnen CO2 einzusparen, von denen das Verkehrsministerium maximal ausgeht, bräuchte man den kompletten Strom, den Windräder in Deutschland zuletzt produziert haben.

Was käme auf Verbraucher zu, wie teuer wäre ein Liter dieses Treibstoffs?

Die Technik steckt noch in den Kinderschuhen, ist überhaupt nicht auf den Massenkonsum ausgelegt. In den heute existierenden Pilotanlagen verschlingt die Herstellung 4,50 Euro pro Liter. Selbst wenn man davon ausgeht, dass die Technik im Jahr 2030 ausgereift und der Sprit somit günstiger wird, würde ein Liter immer noch das Zwei- bis Dreifache von konventionellem Benzin oder Diesel kosten.

Warum sollten dann überhaupt strombasierte Kraftstoffe zum Einsatz kommen?

In bestimmten Bereichen gibt es bislang keine wirklichen Alternativen zu strombasierten Kraftstoffen, um den Verkehr zu dekarbonisieren. Passagierflugzeuge oder Containerschiffe können nicht batterieelektrisch betrieben werden. Die Energiedichte von Batterien ist dafür zu niedrig – sie müssten so groß sein, dass ein Flugzeug oder Schiff nichts anderes mehr transportieren könnte. Für diese Bereiche brauchen wir strombasierte Kraftstoffe, für Pkw aber nicht.

Wie ist die Brennstoffzelle zu bewerten?

Die Brennstoffzelle sehe ich nicht so kritisch, denn sie ist deutlich effizienter als strombasiertes Methan oder Diesel. Perspektivisch wird es einen Mix aus batterieelektrischen Autos und Brennstoffzellenfahrzeugen geben. In den Fällen, in denen Menschen auch in Zukunft mit einem größeren Auto ständig lange Distanzen zurücklegen müssen, ist die Brennstoffzelle sinnvoll. Sonst müssten die Fahrzeuge sehr große, schwere Batterien mit sich rumschleppen und das wäre auch ökologisch gesehen unsinnig.   

Warum setzt der Verkehrsminister auf strombasierte Kraftstoffe?

Andreas Scheuer lehnt bislang alle wirksamen Maßnahmen zum Klimaschutz im Verkehr ab, sei es eine Quote für Elektroautos oder ein Steuerreform, die Spritschlucker bestraft und saubere Autos belohnt. Die Arbeit seiner eigenen Kommission hat er damit sabotiert. Strombasierte Kraftstoffe für Pkws sind nur ein billiger Hütchenspielertrick, mit dem er die Klimaherausforderung im Verkehr kleinrechnet. Niemand darf sich davon täuschen lassen. Zum einen wäre das nicht bezahlbar, zum anderen laufen wir Gefahr, die notwendigen Veränderungen – wie den Ausbau von Ladestationen – zugunsten dieser Pseudolösung auszubremsen. Das befürchten auch Autohersteller wie VW, die sich entschieden haben, im Pkw-Bereich ganz und gar auf E-Mobilität zu setzen. 

Grafik zur Verkehrswende: Strombedarf für verschiedene Antriebstypen

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